12. Jun. 2026

Bücher

Man hat nicht getrunken, fühlt sich aber trotzdem wie nach drei Doppelten: Wenn der Hausschlüssel im Eisfach landet oder man im Supermarkt die PIN vergisst, stellt sich die Frage: „Sind Sie betrunken?“ Das Autorenduo Jan Anderson und Christian Koch hat daraus vor fast zehn Jahren im Frühjahr 2017 eine ebenso amüsante wie entlarvende Bestandsaufnahme unserer täglichen Aussetzer gemacht.

Jeder kennt diesen Moment: Man läuft zielstrebig in die Küche, bleibt im Türrahmen stehen und hat nicht den blassesten Schimmer, was man dort eigentlich wollte. Oder man versucht, die Haustür mit der Fernbedienung des Autos zu öffnen. Es sind Szenen wie aus einer Slapstick-Komödie, doch sie sind bittere Realität im Leben moderner Mitteleuropäer. In ihrem im Goldmann Verlag erschienenen Buch gehen Jan Anderson und Christian Koch diesem Phänomen der „nüchternen Trunkenheit“ auf den Grund.

Die Chronisten des kollektiven Blackouts

Die Autoren, die bereits mit Titeln wie „Einmal Brötchen mit ohne alles“ die Skurrilitäten des Alltags dokumentiert haben, widmen sich hier den kognitiven Kurzschlüssen. Ihr Befund: Wir agieren im Alltag oft so kopflos, als hätten wir eine Nacht durchgefeiert – dabei sind wir eigentlich nur „ganz normal“ überfordert, abgelenkt oder schlichtweg im Autopilot-Modus gefangen.

Ein Spiegel des modernen Wahnsinns

Was den Reiz dieses Buches ausmacht, ist die Neugier, mit der die Autoren diese Fehlleistungen sammeln. Es ist eine Mischung aus Feldforschung und humoristischer Abrechnung. Dabei wird deutlich: Diese Aussetzer sind kein Zeichen von mangelnder Intelligenz, sondern ein Symptom unserer Zeit. In einer Welt des Multitaskings ist das Gehirn oft einfach „überbelegt“.

Humor als Überlebensstrategie

„Sind Sie betrunken?“ ist kein medizinischer Ratgeber, sondern eine Einladung zur Selbstironie. Wer die Texte der beiden Autoren liest, lernt, die eigenen Fehlleistungen nicht als Versagen, sondern als menschliche Note zu begreifen. Zahlreiche „Tests“ helfen auf humorvolle Weise die eigene Position einzuordnen und bringen immer wieder zum Schmunzeln.

Für alle, die sich schon einmal gefragt haben, ob sie eigentlich noch ganz bei Trost sind, liefert dieses Werk die beruhigende Antwort: Wahrscheinlich nicht – aber Sie sind damit in bester Gesellschaft. Ein auch nach zehn Jahren noch interessantes Lesefutter für zwischendurch, das den Blick auf den eigenen Wahnsinn schärft und gleichzeitig die Lachmuskeln trainiert. Das Buch (ISBN 978-3-4421-5909-3) kostet 9,99 Euro.

(SMC)