07. Jun. 2020

Digitales

So nutzen geschickte Betrüger die Möglichkeit, mit falschen Daten Bestellungen aufzugeben und die Waren dann zum Beispiel über eine Packstation in ihren Besitz zu bringen. Verbraucher, deren Daten - in der Regel unbemerkt - verwendet wurden, erfahren von den kriminellen Aktivitäten oft erst, wenn eine Mahnung in der Post ist. Da die Zahlung erst nach der beim Rechnungskauf üblichen Zahlungsfrist angemahnt wird, ist die Ware zu diesem Zeitpunkt längst verschwunden und die Betrüger in der Regel über alle Berge.

In Deutschland und der Schweiz waren 97 Prozent der Online-Shops schon einmal Opfer von Betrug. Dies zeigt die CRIFBÜRGEL-Umfrage „Betrug im Online-Handel“ vom Frühjahr 2020 unter 110 Online- und Versandhändlern aus Deutschland und der Schweiz. Am häufigsten, so CRIFBÜRGEL, nutzen Betrüger verfälschte Namens- oder Adressdaten, 71 Prozent der Shops kennen das. Dann folgt der Identitätsdiebstahl: Bereits 68 Prozent der Händler haben erlebt, dass sich ein Kunde als komplett andere, reale Person ausgibt. Wer unerwartet eine Mahnung bekommt, sollte aktiv werden, um weitere Mahnungen, Inkassoverfahren und negative Einträge bei der Schufa zu vermeiden. Sogar Strafanzeigen drohen, wenn man die Sache auf die leichte Schulter nimmt und davon ausgeht, dass man mit der Sache nichts zu tun hat, da man die Ware weder bestellt noch bekommen hat. Doch davon wissen die geprellten Unternehmen nicht – und brauchen deshalb den Hinweis des Kunden. Auch eine Strafanzeige gegen Unbekannt – persönlich bei der Polizei oder online ist wichtig. Der Zeitaufwand für die Onlineanzeige ist gering – und oft erwarten die geprellten Unternehmen das Aktenzeichen, um in ihre Unterlagen aufzunehmen, dass es sich um einen Betrugsfall handelt und nicht um einen säumigen Kunden.

Für Ihre Bestellung nutzen die Betrüger Namen und Adressen unbescholtener Bürger. Stehen – aus sozialen Netzwerken, Hacks oder anderen Quellen – ergänzende Informationen wie Geburtsdaten bereit, macht das den Datensatz noch interessanter. Mit diesen Daten wird nach unseren bisherigen Erkenntnissen eine Bestellung auf Rechnung aufgegeben. Ein evtl. Bonitätscheck des Onlineshops läuft dabei ins Leere, denn es glaubt ja an einen soliden Kunden zu liefern. Über eine abweichende Lieferadresse – oft eine Packstation – verschwindet das Paket unbemerkt. Ein Telefonanruf bei der DHL-Hotline ergab, dass selbst beim Verdacht eines Betrugsfalles für vermeintliche Besteller weder eine Recherche zu evtl. mit seinen Daten weitergeleiteten Paketen noch eine Sperrung einer von einem Betrüger genutzten Postnummer möglich ist. Dazu wartet DHL auf eine behördliche Kontaktaufnahme.

Äußerst unterschiedlich ist der Umgang der mit den Shops verbundenen Zahlungsdienstleister mit Betrugshinweisen. Während Paypal fachkundiges Personal vorhält, dass den Fall aufnimmt und mit sachdienlichen Informationen dazu beiträgt, weiteren Betrug zu unterbinden, überrascht die InterCard AG mit ihrer Vorgehensweise. Der Geschäftsbereich Paymorrow schrieb uns nach zehn vergeblichen Minuten in der Warteschleife und einem konkreten Betrugshinweis per E-Mail: „Aufgrund der angegebenen und verifizierten Daten müssen wir nach wie vor davon ausgehen, dass die Bestellung persönlich von Ihnen getätigt wurde und sind angewiesen die Forderung entsprechend weiterzuverfolgen.“ Welche Verifizierung angeblich vorgenommen worden sei und auf welcher Rechtsgrundlage man eine nicht bestehende Forderung weiterverfolgen möchte, ließ sie auch auf Rückfrage offen. Auch Zalando geht die Sache ungewöhnlich an. Die telefonische Hotline weigerte sich im konkreten Fall nicht nur den Sachverhalt aufzunehmen, sondern verwies an den Bereich Datenschutz, den man nur per E-Mail erreichen könne. Der antwortete immerhin zeitnah und bat um Übersendung des Aktenzeichens. Beide Firmen beauftragten später ein Inkassounternehmen, obwohl ihnen die Aktenzeichen der Polizei und der Betrugshinweis vorlagen.

Sarah Preuß, Pressesprecherin Deutsche Post DHL Group, ist die Problematik bekannt: „Eine Packstation ist grundsätzlich nie alleine Gegenstand von Warenbestellbetrug – dieser beginnt schon wesentlich früher mit dem Account-Phishing in einem stetig wachsenden E-Commerce-Markt." Sie verweist auf den Identifizierungsprozess bei der Anmeldung zur Nutzung der Packstation und die zweistufige Authentifizierung bei der Abholung von Sendungen. Sie ergänzt: „Grundsätzlich kann nur der Versender veranlassen, dass die Option der Umleitung von Sendungen an eine DHL Packstation nicht angeboten wird." Für Endkunden gibt es also keine Möglichkeit zu verhindern, dass Pakete, die ihre Wohnanschrift tragen, von Dritten umgeleitet werden. Preuß ist wichtig zu betonen: „Melden Kunden einen Betrugsverdacht, wird ihr Account zur Sicherheit gesperrt und dem Kunden wird eine Strafanzeigenerstattung empfohlen.  Wie bereits erläutert, arbeiten wir sehr eng mit den zuständigen Strafverfolgungsbehörden zusammen, um Betrugsfälle aufzuklären.“ Warum ihr Kollege an der Hotline die in unserem Fall verwendete Postnummer nicht sperrte ist zurzeit noch in der Klärung.

Ansätze für eine Eindämmung des Problems liegen nicht nur in Endkunden, die vorsichtig mit ihren Daten umgehen müssen, sondern auch bei Onlineshops, Zahlungsdienstleistern und Paketdiensten. Wer als Händler die Lieferung oder Umleitung von unbezahlter Ware an eine Packstation ermöglicht, erleichtert damit den Betrug. Wer als Zahlungsdienstleister glaubt, dass ein neu eingerichteter Account mit echter Postadresse und falscher E-Mailadresse kreditwürdig ist, erhöht das Risiko. Und auch bei Paketdiensten ist eine höhere Sensibilität für das Thema wichtig. Nur wenn verdächtige Kundenkonten konsequent aus dem Verkehr gezogen werden und bei mutmaßlichen Betrugsfällen schnell reagiert wird, steigt das Risiko für kriminelle Machenschaften. Verschwundenen Paketen nach Wochen auf die Spur zu kommen ist selbst für versierte Ermittler eine Herausforderung, die oft mit der postalischen Mitteilung „Das Verfahren wurde eingestellt.“ endet. Um das und den Schaden, den Händler und echte Kunden mitbezahlen, zu verringern, ist von allen Seiten mehr Engagement gefordert.

(SMC)