25. Jun. 2022

Events

Zirkus – das beginnt bei Roncalli nicht erst in der Manege. Historisch anmutende Wagen, schöne Dekorationen und ein besonderes Flair erwartete die Gäste der Gala-Premiere schon auf dem Vorplatz. Auf dem Weg ins Zelt gab es bereits eine Menge zu sehen. Jongleure zeigten ihre Kunst und verkleidete Darsteller begeisterten gerade die Kinder. Beim Eintreten bekam jeder Besucher ein einzelnes Bonbon handverlesen wie einen Schatz übergeben. Im Zelt selbst lohnt es sich früh anzukommen, denn in den meisten Preiskategorien sind die einzelnen Plätze nicht nummeriert. Wer früh da ist, bekommt für das gleiche Geld also einen deutlich besseren Platz als Nachzügler, die es nicht leicht haben, noch zusammenhängende Plätze zu finden. Im Blick behalten sollte man dabei die Lage der vier Masten, die das Zelt halten, aber die Sicht für die dahinter sitzenden Gäste deutlich einschränken. Zudem sollte man beim Besuch im Zirkus Roncalli keine Berührungsängste haben, denn sowohl auf den Bänken als auch auf den Stühlen in den vorderen Reihen kommt man den Sitznachbarn äußerst nah. Auch lohnt es sich, sich bereits auf dem Weg ins Zelt mit Popcorn (5 Euro) und kalten Getränken (Bier 3,50 Euro) einzudecken, da man einen einmal gefundenen Platz besser nicht so schnell wieder verlässt.


Die Wartezeit auf die Vorstellung wird nicht langweilig. In der Manege drehen sich drei Leinwände, auf die Bilder aus der Geschichte des Zirkus´ projiziert werden. Die Vorstellung beginnt eindrucksvoll. Zeitgleich zeigen die Artisten des Circustheater Bingo ihr Können in ganz verschiedenen Disziplinen. Während zwei Artisten auf Rollschuhen über eine Plattform wirbeln, zeigen andere an Tüchern und Strapaten Luftakrobatik. Wieder andere Tanzen oder sind in phantasievollen Kostümen beim Seilchenspringen. Anschließend zeigt Vivian Paul, die ältere Tochter von Bernhard Paul, ihr Können im Luftring. Der Auftritt ist mit Liebe zum Detail inszeniert. Vivian Paul kommt mit einem großen Hut bekleidet auf die Bühne. Unter diesem verbirgt sich ein kleiner, den sie während des ganzen Auftritts trägt. Der hat es in sich. Sie bringt sich und den Ring in Drehungen, hängt kopfüber in der Luft und zeigt Kontorsion über den Köpfen der Zuschauer. Zum Ende des Auftritts steht sie mit strahlendem Lächeln – und dem großen Hut auf dem Kopf – in der Manege. Ganz anders der Auftritt von Paolo Casaova. Er fährt auf einem ungewöhnlichen Fahrrad mit riesigem Vorderrad einige Runden durch die Manege. Später strömen Seifenblasen aus seinem Hut. Der Künstler zeigt einen ungewohnten und poetischen Auftritt, bei dem die Langsamkeit und die Phantasie im Mittelpunkt stehen.


Ganz anders ist es bei Ty Jojo. Der Amerikaner mit asiatischen Wurzeln ist bekannt für seine schnellen Jonglagen. Zu Beginn des Auftritts wirbelt er drei Bälle durch die Luft oder auf den Boden. Die Mischung aus Schnelligkeit und raumgreifenden Armbewegungen macht seine Kunst besonders interessant. Die extrem schnelle Jonglage gelingt dem schwarz gekleideten Mann auch mit einer Hand. Später steigert Ty Jojo sich von drei auf fünf und später sieben Bälle. Er zeigt zahlreiche Varianten und wirbelt den Ball unter seinem Bein durch, dreht sich um die eigene Achse oder nimmt eine Hand hinter den Rücken. Auch die jüngste Tochter von Bernhard Paul zeigt ihr Können bei der aktuellen Show. Lili Paul zeigt im silberglitzernden Bühnenoutfit eine gelungene Kontorsion. Diese beginnt sie im Stehen. Später balanciert die bildhübsche Frau ein blaues Tuch auf ihrer Fußspitze. Es folgt ein Auftritt von Robert Wicke, der mit seiner Stimme außergewöhnliche Töne und Melodien formt.


Obwohl die meisten Auftritte Artisten vorbehalten sind, gibt es doch einen mit Tieren. Bei Karl Trunk gehört die Manege seinen Pferden. Zunächst kommt ein großes, kraftvolles Tier in die Manege. Es hebt seine Beine, steigt mit den Vorderbeinen in die Luft und läuft im Kreis. Später kommen andere Pferde in ganz unterschiedlichen Größen dazu. Das kleinste passt dabei mit erhobenem Kopf zwischen den Vorderbeinen des größten durch. So kann das mit einer rosa Schleife dekorierte Tier Slalom um die Beine des anderen laufen. Zum Abschluss folgt ein Rennen über kleine Hürden. Die Pferde verabschieden sich, indem sie mit den Vorderbeinen in die Luft steigen. Einem gelingt es sogar auf zwei Beinen zu laufen und die Bühne in bei einem Pferd selten gesehener Form zu verlassen. Anschließend steht Clown Ramon auf der Bühne. Er spielt einen unbeholfenen Holländer und gerät unverhofft in die Situation als Zauberer agieren zu müssen. Obwohl das reichlich misslingt und Ramon dabei einen Drink nach dem anderen nehmen muss, gibt es einiges zu lachen. Handfester ist der anschließende Auftritt auf dem Schleuderbrett. Zwei kräftige Männer springen auf die auf der Bühne aufgebaute Schleuder und wirbeln dabei ihre Bühnenpartnerin durch die Luft. Sie zeigt Salti, lässt sich auf die Schulter der Männer schleudern und beweist dabei Balance.


Vor der Pause ist noch einmal das Circustheater Bingo dran. Drei der Artisten klettern auf in der Manege aufgestellte Masten. Mit scheinbarer Leichtigkeit erklimmen sie nicht nur die Masten, sondern nutzen sie für eine elegante Choreografie. Bei der halten sie ihre Körper mit ausgestreckten Armen im 90 Grad Winkel in der Luft, lassen sich bis kurz über dem Bogen an den Masten fallen und halten eine Frau in der Luft, die zwischen ihnen einen Spagat zeigt. Nach rund 90 Minuten endet der erste Teil der Show und das beeindruckte Publikum geht in die Pause.


Nach rund 20 Minuten geht es weiter. Wie Pendel schwingen die Frauen beim Auftritt des Quartetts Lift durch die Luft. Die Männer halten sie dabei fest, wirbeln sie in die Luft und fangen sie an Händen und Füßen wieder auf. Ein weiterer Höhepunkt des Programms ist der Seiltanz des Duos Pykhov. Auf der Bühne steht eine bewegliche, halbrunde Metallkonstruktion. Zwischen den Enden ist ein Drahtseil gespannt, auf dem die Artistin sich bewegt. Mit jeder Bewegung verlagert sich dabei der Schwerpunkt der Konstruktion, die so immer wieder selbst in Bewegung gerät. Begleitet von ihrem Mann, der den Auftritt mit einer Trommel untermalt zeigt die grazile Artistin ihr Können. Im roten Kleid bewegt sie sich anmutig auf dem Seil. Das gelingt auch mit speziellen Schuhen nur auf den Zehenspitzen. Als ihr Partner die Konstruktion mit seinem Gewicht zur Seite neigt, scheint sie zunächst auf dem glatten Seil wegzurutschen, doch auch der Aufstieg auf die andere Seite der geneigten Konstruktion gelingt. Speziell ist der Auftritt von Aime Morales. Der Pantomine schlüpft in die Phantasiefigur Ai´Moko und steht mit einem sich drehenden Cyr auf der Bühne. Mal glaubt man das Wesen mit dem Ring verschmolzen zu sehen, mal überwiegt die Poesie und mal die Artistik. Der besondere Auftritt ist auf jeden Fall sehenswert. Auch Avital & Jochen haben eine Menge zu bieten. Als die Artistin die zunächst dunkle Manege betritt, hängt ihr Bühnenpartner bereits am Schwungtrapez. Aus seinen Händen lässt er zwei Bänder fallen, die ihr dazu dienen zu ihm hinaufzusteigen. Geschickt rollt sie ihren Körper mit Hilfe der Bänder nach oben und liegt schon bald in seinen Armen. Dann beginnen die beiden sich immer höher in die Luft zu schaukeln. Dabei gleitet sie über seinen Körper, fällt scheinbar ins Leere und wird doch immer wieder von ihm aufgefangen. Doch nicht nur die artistischen Highlights kommen gut an, auch die weiteren Auftritte von Clown Ramon und Beat-Boxer Robert Wicke begeistern das Publikum. Als das den Zirkus nach dem poetischen Ausklang verlässt, hoffen viele bereits auf die nächsten 40 Jahre Circus Roncalli. Der lebt von der Begeisterung des Publikums und natürlich auch von den Eintrittskarten. Die kosten zwischen 15 und 64 Euro. Für gute Plätze sollte man mit 32 Euro rechnen. Verkauft werden die Karten über Internet und auch an der Abendkasse. (SMC)