24. Jul. 2021

Genuss

Nach mehrmonatiger Pause sind die Guides der kulinarisch-kulturellen Stadtführungen von „Eat the World“ wieder mit ihren Gästen unterwegs – so auch in Bochum-Ehrenfeld, wo Melanie Berg und die anderen Guides ihre dreistündigen Touren jeden Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag anbieten. Bis zu 16 Gäste sind dabei, wenn die Guides durch das Viertel führen und auf kleine, meist inhabergeführte Betriebe hinweisen. Dazu gibt es Hintergründe zu Geschichte, Kultur und Besonderheiten am Wegesrand. Die Bochum-Ehrenfeld-Tour beginnt am Rand der Partymeile „Bermuda3eck“ und führt durch das erst Anfang des 20. Jahrhunderts geplante und gebaute Viertel.  

Ein großer Buchenbestand gab der Stadt Bochum ihren Namen. Das verrät Melanie Berg ihren Gästen gleich zu Beginn des Rundgangs. Das altsächsische Boc-Hem – also Buchen-Hain – erzählt von der Natur, die der heutigen Stadt über die Jahrhunderte weichen musste. Und auch wenn Bochum im Jahr 2021 offiziell erst das 700. Stadtjubiläum gerechnet von der Verleihung der Stadtrechte im Jahr 1321 feiert – beim Bau des Einkaufszentrums Ruhrpark fand man Besiedlungsspuren aus der Bronzezeit. Doch richtig Schwung kam in die Gegend erst mit dem Steinkohlebergbau. 1843, zwei Jahre nach Eröffnung der ersten Zeche, hatte Bochum rund viertausend Einwohner. 1904 waren es schon einhunderttausend. Und heute leben rund 370.000 Menschen in der sechstgrößten Stadt des Ruhrgebiets.

Herbert Grönemeyer widmete der Stadt, in der er aufwuchs, einen eigenen Song auf seinem 1984 veröffentlichten Album „4630 Bochum“ und besang auch die Bochumer Currywurst. Kein Wunder, dass der erste kulinarische Stopp der Tour das Bratwursthaus im Bermuda3eck ist. „Currywurst gehört im Ruhrpott auch dazu“, erklärt Melanie Berg, während sie plaudert und mit Fachwissen glänzt. Während die Gäste sich die köstliche Wurst munden lassen und nicht nur den Geschmack der Sauce, sondern auch die Konsistenz der Wurst loben, erfahren sie interessante Hintergründe. Nur wenige Meter entfernt haben erst vor kurzer Zeit die Waffelhelden eröffnet. Die Eis- und Waffelbude zaubert süße Köstlichkeiten. Wie ein Cocktail kann man Zutaten mischen, erklärt das auskunftsfreudige Personal und präsentiert süße Versuchungen mit Banane und Schokolade oder gleich mit Eis und hausgemachter Cheesecake-Sauce. Die beiden Gastronomien sind nur zwei von rund achtzig im Kern des Bermuda3ecks. In normalen Zeiten arbeiten hier 1.600 Menschen – und kommen an einem durchschnittlichen Wochenende rund 50.000 Feier- und Genusswillige zusammen.

Während der Tour wird nicht nur probiert, sondern auch erzählt. Wo im Union-Haus heute ein Kino liegt, wurden einst Autos verkauft. Und weil einst der Bahnhof in der Nähe lag, wurde auf einem Gebäude ein leuchtender Schriftzug „Treffpunkt Bochum“ installiert. Dieser leuchtet bis heute über dem Ausgehviertel und war in den 70er-Jahren die Keimzelle des Bermuda3ecks, das anders als damals üblich bewusst Außengastronomie in die Innenstadt brachte und seinen heutigen Namen erst 1988 bekam. Die Tour führt weiter durch eine von 16 seit einer Kunstaktion beleuchteten Brücken rund um den Stadtkern. Nicht weit entfernt wurde eine ehemalige Metzgerei nach 15 Jahren Leerstand in eine moderne Kochschule verwandelt. Rund 30 verschiedene Kurse wecken die Lust auf genussvolles Kochen. Boden und Wände seien so hässlich gewesen, dass es schon wieder chic ist, lassen die Inhaber wissen und erzählen von ihrer Passion im Ruhrgebiet zu leben und seine Geschichte zu erzählen.

„Ich bin die Tee-Marie“, begrüßt Marianne Weber an einem mit Blumen dekorierten Stehtisch. Sie präsentiert ihren Bitterlimonaden-Eistee, hausgemachte Kuchen und andere Köstlichkeiten, in denen Tee verarbeitet wurde. An Ehrenfeld mag die begeisterte Teetrinkerin besonders den Zusammenhalt im Viertel. Sie hat inzwischen rund 120 Teesorten im Angebot und freut sich auf den täglichen Austausch mit teebegeisterten Menschen. Mit „Ehrenfelder Schnupfentee“, „Bochum Glück auf“ hat sie dem Viertel und der Stadt eigene Teemischungen gewidmet. Die Ideen kommen der Tee-Marie manchmal wie im Schlaf. Eines Nachts ging ihr die Idee zu einer multikulturellen Schwarzteemischung durch den Kopf. Aus Tee aus China, Indien und Afrika entstand  so die neue Mischung „Schwarz wie der Pütt“.

Wer im Ehrenfeld unterwegs ist erlebt die Verwandlung von einem günstigen Arbeiterviertel zu einem quirligen Inviertel. Die Grundlage lieferte Clemens Erlemann, der vor den Toren der Stadt das ganze Viertel plante und darauf achtete, dass es nach seinen Plänen verwirklicht wurde. Doch während der Visionär von den meisten längst vergessen ist, lebt die Erinnerung an andere Ehrenfelder weiter. Eine kleine Skulptur auf dem Platz gegenüber des Schauspielhauses erinnert an Ruhrpott-Ikone Tana Schanzara, die von Herzen Bochumerin war. Wahrscheinlich hätten die beiden auch bei den noch folgenden Kostproben während der Tour durch Bochum-Ehrenfeld gerne zugegriffen. Denn insgesamt machen Melanie Berg und ihre Gäste während der Tour sechsmal Halt, um zu probieren, zu entdecken und mit den Inhabern und Mitarbeitern ausgewählter Gastronomien ins Gespräch zu kommen. „All unsere Guides lieben ihre Stadt und essen gerne“, erklärt Melanie Berg. Mit Blick auf den Neustart der Touren ist sie aktuell auf der Suche nach weiteren Guides, die auf freiberuflicher Basis die jeweilige Stadt und ihre kulinarischen Besonderheiten erklären.

Für die Juni-Termine bietet „Eat the World“ auf den Preis der Tour von 39 Euro (Kinder 20 Euro) einen Neustart-Rabatt von 21 % an. Im Preis enthalten sind die Tour selbst, die sechs kulinarischen Kostproben und eine Broschüre mit Informationen zum Stadtteil. Buchen kann man die Tour über die Website des Anbieters.

(SMC)