29. Jan. 2022

Genuss

Der Abend beginnt mit dem Klang eines Jagdhorns. Nach dem Aperitif und einem ersten Griff in das auf den festlich gedeckten Tischen bereit stehende Brotkörbchen erfahren die Gäste die Hintergründe der Geschichte. Gemeinsam ist man als Jagdgesellschaft zu Gast beim Dinner der neu in das kleine schottische Örtchen Dufftown gezogenen Theodora Rawson. Diese hat ihren jungen Neffen Jonathan und ihre etwas wunderliche Freundin Aileen Malcolm mitgebracht und brennt darauf, die Bewohner des Dorfes kennen zu lernen. Auch die sind neugierig, versprechen die Neuankömmlinge doch Reichtum und vielleicht sogar eine gute Partie für die eigene Tochter. Frisches Geld könnten die meisten der Alteingesessenen nämlich sehr gut brauchen. Dazu gehört in erster Linie Lady Lucinda McYarn, aber auch Fergus McGrain, der Bürgermeister von Dufftown. Nachdem alle von der Jagd unter dem Motto „Schießen lernen. Freunde treffen.“ wohlbehalten zurückgekehrt sind, werden auch die Publikumsrollen vorgestellt. Einzelne Gäste wurden dazu am Eingang angesprochen und dann mit kleinen Accessoires in Dorfarzt, Bischof oder Bankdirektor verwandelt. Auch die anderen Gäste werden eingebunden. Sie sind nicht nur eingeladen, mit den Darstellern im Chor zu singen, sondern auch „Horrido“, den alten Gruß aus der Jägersprache, jeweils mit einem vielstimmigen „Johoo“ zu beantworten. In einer Spielpause gleich nach der Wahl des besten Jägers zum Jagdkönig wird der erste Gang serviert. Dieser variiert je nach Spielort und wird mit dem kurzen Lied „Schüsseltreiben“ eingeleitet. Im Ringhotel Zweibrücker Hof in Herdecke zum Beispiel wurde Wildkräutersalat in Honig-Ingwerdressing mit Süßkartoffelpüree und warmer Lachsquiche serviert. Nach dem Essen bleiben jeweils einige Minuten Zeit, um mit den Tischnachbarn ins Gespräch zu kommen, die im Raum verteilten Kulissen näher anzuschauen oder um kurz an die frische Luft zu gehen.


Das Jagdwochenende auf Grampian Castle bringt viele Konflikte ans Tageslicht. So hat Lady McYarn ihren Gatten bei der Jagd nur knapp verfehlt. Der Laird scheint ein besonderes Interesse an jungen Frauen wie der Tochter der Bürgermeisters zu haben. Und auch der hat Sorgen, wurde sein Kredit doch von der Bank gekündigt. Auch der Laird scheint am Rande des finanziellen Abgrunds zu stehen. Pomp auf Pump wird ihm vorgeworfen. Während die Worte wie Geschosse hin- und herfliegen hat der Doktor seinen ersten Einsatz, denn einer der Protagonisten sinkt mit den Worten „Auf´s Korn genommen, erlegt“ zu Boden. Als der Gastspieler den Tod nicht feststellen kann, improvisieren die Darsteller und lassen im Saal abstimmen. Gemeinsam wird beschlossen, dass der Verstorbene zu Grabe getragen werden muss. Geschickt verteilen die Schauspieler sich im Raum, sodass sich die Ereignisse mitten unter den Zuschauern abspielen und diese hautnah dabei sind. Soll man die Jagd aufgrund des tragischen Ereignisses abblasen? Nein, die wilde Jagd geht weiter. Doch zuvor genießen die Gäste als nächsten Gang ein leckeres Curry-Zitronensüppchen mit Zimt-Knoblauch-Garnele.


Neben dem Gesang sind die reimfreudigen Rollen eine Besonderheit dieses DinnerKrimis. So wundert sich einer der Darsteller über Nachkommen, die mit dem Einkommen nicht auskommen. Im Saal wird die Situation immer verzwickter. War die Bank an allem schuld? Was erben die Kinder des Verstorbenen? Nach einem Umzug der „Herrin des Waldes“, die feengleich mit einem Streitwagen durch den Saal gezogen wird, erfahren die Mitspieler unangenehme Wahrheiten. Ein dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit holt die Dorfbewohner ein. Noch vor dem Hauptgang fließt ein weiteres Mal Blut als die Aufarbeitung der Geschichte nicht auf Anhieb gelingt. Kurz darauf wird auch der Hauptgang auf die mit roten Rosen und goldenen Hirschen dekorierten Tische serviert. Anders als die anderen Gänge enttäuscht der rosa Kalbstafelspitz in Kräutersauce einige der Gäste in Herdecke. Der Kalbstafelspitz hatte teilweise große Anteile an Fettgewebe, war nicht zart und wäre nur mit einem Steakmesser gut zu schneiden gewesen. Honig-Karotten und Estragonpüree schmecken dafür wie von der Küche des Ringhotels gewohnt sehr gut. Doch der guten Stimmung im Saal schadet die Fleischauswahl nicht.


Nach dem Hauptgang beginnt die Aufklärung des Kriminalfalls. Neue Fakten werden präsentiert und bereits bekannte verknüpft. So erfahren die Gäste die wahren Hintergründe des Todes und die Motive der in Patagonien mit Windenergie reich gewordenen Theodora Rawson. Auch das düstere Geheimnis aus der Vergangenheit wird gelüftet und hilft, die Motivation hinter der späten Rache zu verstehen. Nicht nur Rache ist süß, sondern auch das Dessert. Der Mini-Gugelhupf mit Eierlikör auf Mandelparfait und Fruchtsaucenspiegel sorgt für einen harmonischen Ausklang des Abends, an dessen Ende die Tipps der Zuschauer zu Mörder und Motiv ausgewertet werden. Bei der Auflösung werden die Beweggründe der einzelnen Darsteller noch einmal beleuchtet und das Geheimnis schlussendlich gelüftet. Mit einem Lied und „Waidmanns Dank“ verabschiedet sich das Ensemble. Das nächste Mal zum Halali geblasen wird am 17. April in Krefeld, am 25. April in Mülheim an der Ruhr, am 16. Mai in Münster und am 30. Mai in Wesel. (SMC)