27. Jan. 2021

Genuss

Ihre Gäste trifft Melanie Berg unter dem Denkmal von Alfred Krupp gleich neben der Marktkirche in der an einem Sonntagmorgen ziemlich ruhigen Fußgängerzone. Nur wenige Passanten sind unterwegs, doch pünktlich zur vereinbarten Uhrzeit trifft nicht nur die an der Tasche mit Logo erkennbare Führerin ein, sondern auch die Teilnehmer, die zum Großteil aus der Region stammen und Essen von einer neuen Seite kennenlernen möchten. Essen, das war für manche Kohle und Stahl. Für andere der Strukturwandel und die Arbeitslosigkeit. Wieder andere denken an die grünen Stadtteile im Essener Süden, die Ruhr und die kulturelle Vielfalt. Essen, das sind auch 589.000 Einwohner in 50 Stadtteilen. Einen davon hat Melanie Berg sich ausgesucht und führt ihre Gäste nun durch den Norden des Stadtkerns. „Ich werde Ihnen nichts schönes Altes zeigen können, das haben wir einfach nicht“, verkündet sie bereits kurz nach der Begrüßung und lädt ihre Gäste anschließend ein, einen Stadtteil im Aufbruch zu erleben, der begonnen hat, seinen schlechten Ruf hinter sich zu lassen. Bevor der eigentliche Rundgang losgeht informiert sie über die Geschichte der Stadt, Eingemeindungen und den Wettstreit zwischen dem erst 1975 eingemeindeten Vorort Kettwig und dem Rest der Stadt.


Natürlich gibt es auch eine Menge zu sehen. Da die Essener Innenstadt aufgrund der in der Stadt liegenden Waffenfabriken im zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört wurde, sind in erster Linie nach dem Krieg wieder aufgebaute Gebäude zu sehen. Das gilt auch für die Marktkirche, die zwar schon im Jahr 1044 erstmalig urkundlich erwähnt wurde, aber heute in neuer Form und ohne den einstigen Turm der Stadtwächter zu sehen ist. Die hatten einst die Aufgabe die Stadt vor Feuer zu warnen. Doch der Geschichte nach gelang das im Ernstfall nur dem wachsamen Hähnchen, dessen Schreie die Stadt weckten als es einmal wirklich brannte. Nicht mehr zu sehen ist die einstige Stadtwaage, die beim Markt zum Einsatz kam. Direkt vor der vor vier Jahren modern sanierten Kirche steht ein Denkmal für Alfred Krupp. Der Sohn einer einflussreichen Kaufmannsfamilie ließ aus seinem ursprünglichen Vornamen Alfried einen Buchstaben verschwinden, um sich damit für die von ihm angestrebte internationale Expansion zu wappnen. Am früheren Standort des Stammhauses der Familie zeigt Melanie Berg historische Fotos und erzählt dann von der bewegten Geschichte der Händler- und Unternehmerfamilie, die die Herstellung von Besteck revolutionierte, sich mit nahtlosen Radreifen einen Namen und das Ruhrgebiet schließlich zur Waffenschmiede der Nation machte.


Fast wäre Essen nach dem 2. Weltkrieg trotzdem zur Landeshauptstadt geworden, doch da kaum ein Stein auf dem anderen geblieben war, setzte sich schließlich Düsseldorf durch. Essen blieb beim Wiederaufbau „die Einkaufsstadt“ und bekam daher auch eine der ersten großen Fußgängerzonen im Nachkriegsdeutschland. Noch vor 20 Jahren habe auch der illegale Handel mit Waffen und Drogen floriert, doch diese Zeiten seien vorbei. Zwar habe man manchmal auf der Viehofer Straße ein subjektiv empfundenes Unwohlsein, doch objektiv sei es sicher. Mit dem Einzug von Künstlern sei der Stadtteil auch für Hipster und Investoren interessant geworden. Längst habe die Stadt das Viertel zum offiziellen Kreativviertel ernannt und unterstütze die Ansiedlung von Ateliers, Galerien und Kulturangeboten. Erster kulinarischer Stopp ist das Konsumreform. In der kreativen Mischung aus Mehrgenerationen-Wohnen, Co-Workingspace, Restaurant und Trödelmarkt genießen die Teilnehmer des Rundgangs die erste Kostprobe. Diese besteht aus einem Orangen-Möhren-Pistanzien-Salat mit Melone-Zimt-Dressing. Während die Gäste den Salat mit frischem Brot probieren, berichtet Melanie Berg vom ungewöhnlichen Konzept des Hauses und der Möglichkeit für kleines Geld Verkaufsfächer und -regale im Dauertrödelmarkt zu mieten. Auf dem Weg durch die Fußgängerzone berichtet die Stadtführerin von weiteren Erfolgsgeschichten wie der Ansiedlung des GOP-Varietés vor mittlerweile 20 Jahren und der Aufwertung des Übergangs zwischen Stadtmitte und Universitätscampus. Genau dorthin führt die Führung als nächstes. Wo noch vor ein paar Jahren Industriebrache und Bahndamm lagen, ist ein modernes Wohnviertel entstanden. Auch für Radfahrer ist es interessant, beginnt hier doch der Radweg nach Mülheim, der in einigen Jahren bis zum Campus der Universität in Duisburg verlängert werden soll. Im Umfeld kennt Melanie Berg gleich zwei Anbieter von süßen Kleinigkeiten, die selbst den Essenern in der Gruppe in aller Regel unbekannt waren. So entdeckt man gemeinsam kulinarische Schätze am Wegesrand.


Einen Blick wert ist auch das Unperfekthaus, in dem Künstler und Kreative für eine kleine Miete ihrer Kunst nachgehen. Finanziert wird das "Künstlerdorf" in einem ehemaligen Franziskanerkloster durch Eintrittsgelder der Besucher und Raumvermietungen. Doch während des Rundgangs bleibt keine Zeit für einen Abstecher in das Haus. Dafür lohnt sich ein Blick auf die in die Fassade integrierte Kugelbahn, die ein unscheinbarer Schaler neben dem Eingang in Bewegung setzt. Wer wiederkommt kann auch „Speaker´s Corner 2.0“ ausprobieren und schauen, ob seine Themen ein Publikum finden. „Ich bin Lokalpatriotin durch und durch“, schwärmt Melanie Berg zwischendurch und macht sich auf, um den Gästen das Kleine Theater zu zeigen. Nachdem die nächste Kostprobe am Kopstadtplatz verspeist ist, berichtet sie über das Rathaus. Es sei einst doppelt so groß geplant worden. Den auf dem Dach gebauten Hubschrauberlandeplatz könne man bis heute nicht nutzen, da die Fallwinde rund um das „halbe“ Rathaus Starts und Landungen zu gefährlich machen. Dann geht es zum Café Tripoli. Der Inhaber des libanesischen Imbiss´ empfängt die Gäste persönlich. Er hat mit Spinat und Käse gefüllte Teigtaschen vorbereitet und lädt dazu ein auch das süße Baklawa zu kosten. Er berichtet über Besonderheiten der Küche seines Heimatlandes und freut sich über die Begeisterung der Gäste, die oft zum ersten Mal in einem libanesischen Café sind.


Neben Kirchen, Wohnungen und Geschäften gibt es in der Stadt auch viele soziale Projekte. Der Treffpunkt „Wiederbrauchbar“ ist einer davon. Hier finden regelmäßig Repair-Cafés und andere Aktionen statt. Alternativ angehaucht ist auch eine weitere Station. In einer echten Bierkneipe erweist sich die junge Wirtin als Wein-Liebhaberin. Sie setzt sich im Schneidersitz auf eine Baumscheibe und plaudert mit den Gästen über die Stadt, den Wein und das Leben. Seit mittlerweile einem Jahr ist sie vor Ort aktiv und kämpft lediglich mit den Steuern und der Suche nach einer zuverlässigen Putzfrau. Ihr kulinarisches Angebot beschränkt sich am Abend auf Popcorn – Speisen können die Gäste beim benachbarten Imbiss ordern und mitbringen zum Beispiel zur Jam Session jeden Dienstagabend. Interessant ist auch das Konzept der Kreuzeskirche, einer der wenigen geweihten Eventkirchen in Deutschland. Nur durch eine unkonventionelle Kooperation konnte die Sandsteinkirche, die in Teilen den Krieg überstanden hat, vor dem Verfall gerettet werden. An 73 Tagen im Jahr wird sie nun für Events von Messen über Hochzeiten bis hin zu Disko-Nächten vermietet. Zum Abschluss der gut dreistündigen Tour gibt es eine Kostprobe in einem exklusiven italienischen Restaurant. Am stilvoll gedeckten Tisch bleibt Zeit die Tour Revue passieren zu lassen. Das Essen City Nord soviel zu bieten hätte, hätte keiner der Gäste geglaubt. Und viele sind sicher, dass sie zurückkommen werden in die liebevollen, inhabergeführten Geschäfte, die sie beim kulinarischen Stadtrundgang erlebt haben. Zum Preis von 33 Euro gibt es den nicht nur in der Stadtmitte, sondern auch in Essen-Rüttenscheid und bundesweit in 20 anderen Städten von Augsburg bis Stuttgart. (SMC)