17. Mai. 2022

Genuss

Rund hundert Gäste haben sich eingefunden im Salon in der VillaMedia. Wo sonst Tagungen und andere Veranstaltungen stattfinden, führt an diesem Abend Richter Theodore Appetither Moonthmouth seine Verhandlung. Blutige Messer liegen auf den festlich gedeckten Tafeln. Eine britische Fahne hängt an der Wand. Kerzen flackern auf den Tischen. Ein Wandbild hinter dem Richterstuhl zeigt das neblige London. Brot und Aufstrich lässt die Gäste den ersten Appetit stillen und den leicht verzögerten Start des Dinners vergessen. Dann geht es los. Eine düstere Stimme wünscht schreckliche Stunden mit Jack the Ripper.


Das Stück beginnt mit der Vorstellung der verschiedenen Rollen. So lernt das Publikum nicht nur den ehrenwerten Richter kennen, sondern auch den eifrigen Inspektor Abberline. Auch die junge Prostituierte Mary Jane wird vorgestellt. Die verschiedenen Rollen und Charaktere sind für den Verlauf des Abends wichtig, denn neben den Szenen aus dem Gerichtssaal werden die Gäste bei der Beweisführung immer wieder auf Exkurse mitgenommen, die Schuld oder Unschuld beweisen sollen. So erleben die Gäste zum Beispiel, wie eine junge Frau in einer finsteren, kalten Nacht einen geheimnisvollen Unbekannten umgarnt. Nachdem die Vorgeschichte erzählt ist, steigt das Stück ein in die Gerichtsverhandlung. Der bucklige Richter, kostümiert mit dicker Brille und standesüblicher Perücke, lässt seinen Holzhammer auf das Pult krachen und eröffnet die Verhandlung. Doch gegen wen wird verhandelt? Inspektor Abberline verdächtigt den Dichter Francis Thompson. Gerade will der Richter den Fall mit einem schnellen Urteil zu den Akten legen, als eine Frau in den Saal stürmt und lauthals Einspruch einlegt. Es handelt sich um die Journalistin Alexandrina Kent. Diese verdächtigt den Inspektor als Täter. Ausgelöst seien die Morde durch das Schicksal von Mary Jane. Bevor die Aufklärung fortschreitet, unterbricht Richter Moonthmouth die Verhandlung, um den Gästen den ersten Gang servieren zu lassen. Bei der „Suppe aus dem Wirtshaus im Londoner Eastend“ handelt es sich um eine Kartoffelsuppe mit sautierter Blutwurst. Die gut temperierte und mit Pfeffer geschmacklich verfeinerte Crème trifft den Geschmack des Publikums.


„Die Vergangenheit ist oft der Schlüssel zur Zukunft“, leitet Alexandrina Kent den zweiten Akt ein. Sie nimmt das Publikum mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Damals trat in London der Zauberer Houdinus auf. Die Gäste sind hautnah dabei, wenn dessen Assistentinnen Wanda Wonderful und Mary Marvelous im Stil von Stewardessen die Sicherheitseinweisung für das Publikum der Zaubershow vornehmen. Sie erleben wie der selbsternannte Meister der Macht die Gedanken der Dinnergäste liest und auf der Bühne ein tödlicher Streit um eine Frau zwischen zwei Männern ausbricht. Nach dem zweiten Akt wird Ziegenkäse in knackigem Filoteig auf Ruccolasalat serviert. Danach folgt der nächste längere Rückblick in die Vergangenheit. Die Gäste bekommen Einblick in die skurrile Irrenanstalt der Ärztin Dr. Hydy, die mit ihrem ungewöhnlichen Verhalten und verschiedenen Ticks mehr wie eine Patientin wirkt. Auch das Publikum wird einbezogen. Zur Freude der anderen Gäste stellt Dr. Hydy eine Reihe ihrer „Patienten“ aus dem Publikum mit den jeweiligen Leiden vor. Anschließend erlebt das Publikum, welche Folgen der Einsatz zuvor nicht getesteter Medikamente haben kann. Durch die Anwendung des Elixiers spaltet sich die Persönlichkeit. Untermalt wird diese Szene von gelungenen Lichteffekten, die die Wechsel zwischen Verstand und Irrsinn untermalen. Nach kurzem Kampf kommt der Sargträger ein weiteres Mal zum Einsatz.


Nach soviel Abenteuer folgt der Hauptgang. Die Gäste genießen Filettranchen vom Schwein auf Blattspinat und Kirschtomaten mit Kartoffelplätzchen. Nach der Stärkung folgt der nächste Exkurs. Diesmal verwandelt sich der Salon in einen großen Friedhof. Zum schaurigen Heulen der Toten werden von zwei Leichendieben originelle Grabinschriften verlesen. Die haben einen schlechten Tag, denn eine Todgeglaubte erwacht wieder zum Leben. Dann kommt es zum großen Showdown, denn Jack the Ripper erscheint auf dem Friedhof und entführt die Assistentin von Alexandrina Kent. Doch ganz so leicht hat der Mörder es diesmal nicht. Ein Kampf im Stil der Matrix-Filme mit verlangsamten Bewegungen sorgt für Schmunzeln. Und natürlich gibt es auch wieder einen Einsatz für den Sargträger. Kurz vor dem Dessert schließt sich im Gerichtssaal die Beweiskette. Als kulinarischen Abschluss genießen die Gäste Kokosmousse auf Mangospiegel. Der Abend endet mit turbulenten Szenen, denn so leicht ist Jack the Ripper nicht zu enttarnen…


Die Dinnershow bietet ihren Gästen hervorragende Unterhaltung. Mit vielen kreativen Ideen und humorvollen Dialogen fesseln die Schauspieler ihr Publikum. Mehrere Rollen für Freiwillige aus dem Publikum binden interessierte Mitspieler immer wieder in das Stück ein. Auch andere Gäste werden in die Handlung einbezogen, ohne selbst aktiv werden zu müssen. Der Abend lebt nicht nur von der Handlung am Richterpult und zwischen den Tischen, sondern auch von den Gesprächen am Tisch. Schnell kommt man mit den Tischnachbarn ins Gespräch, tauscht Vermutungen über die wahre Identität von Jack the Ripper aus und macht so interessante Bekanntschaften. Dazu trägt auch die bei ausverkauftem Haus relativ enge Bestuhlung bei, die für Kommunikation mit den Gästen am Nachbartisch sorgt. Bestens gelungen ist das „schaurige Menü“, das die Küche der VillaMedia zum Gruseldinner servierte. Das nächste Mal ist das schaurig-komische Grusel-Dinnertheater mit „Jack the Ripper“ am 6. März 2016 in der VillaMedia zu Gast. Karten für den unterhaltsamen Abend gibt es zum Preis von 79 Euro. (SMC)