04. Dez. 2022

Genuss

Auf seinen täglichen Kiezspaziergängen führt Lee Wollinskaja Besucher aus aller Welt durch seinen Stadtteil. Und aus seiner Begeisterung für Kreuzberg macht er keinen Hehl.  Wer mit ihm unterwegs ist, entdeckt in gut drei Stunden den für seinen alternativen Lebensstil bekannten Bezirk, der früher im Westteil der Stadt lag. Hier liegt mit dem 66 Meter hohen Kreuzberg die höchste Erhebung der Stadt. Hier leben mehr als 200.000 Einwohner, was Kreuzberg zum am dichtesten besiedelten Bezirk macht.

Die Tour beginnt am Zickenplatz. Diese wurde lange Zeit von Ziegen beweidet, an die bis heute ein Denkmal im weitläufigen Park inmitten der Häuser erinnert. Einst sei auch David Bowie durch diesen Park und das schon damals für sein Nachtleben bekannte Viertel geschlendert. An einem verschneiten Herbsttag ist es ruhiger im Park. Doch Lee und seine Gäste haben eine Menge vor. Der „Einheimische“ nimmt sie mit zu sechs kulinarischen Kostproben – und erzählt auf dem rund drei Kilometer langen Spaziergang von der Geschichte und dem Leben des Stadtteils. Er erzählt, wie das Viertel, durch das einer eine riesige Autobahn gebaut werden sollte, zum Lebensraum türkischer Gastarbeiter, während des Kriegs geflüchteter Altberliner und westdeutscher Wehrdienstverweigerer wurde. Für die einen waren das Hippies, Punks und Pazifisten. Andere sprachen vom Bürgerschreck der Nation. Heute ist Kreuzberg ein Viertel, in dem jeder den anderen so ein lässt, wie dieser ist, so Lee Wollinskaja. Er erzähl von Sozialwohnungen, von Luxus-Lofts und von jede Menge Engagement der Kreuzberger.

Der Weg führt unter anderem in den „Lausebengel“. Kurz vor der Corona-Pandemie eröffnete das kleine Restaurant mitten im Graefekiez. Typisch Berliner Gerichte – modern interpretiert – und eine breite Bierauswahl sind das Konzept. „Eiersalat“ wird hier unter anderem aus Hartweizengries und Kichererbsen hergestellt – und mundet so auch Veganern. Für die Besucher nimmt sich der Wirt Zeit – er erklärt das Konzept, das beweist, dass ein veganes Leben länger nicht mehr gleichbedeutend ist mit Verzicht. Auch der Imbiss „Leylak“ ist Teil der Tour. In der offenen Küche, in die man durch eine große Glasscheibe schauen kann, entsteht aus selbstgemachtem Blätterteig, Spinat und Käse schmackhafter Börek. Der Name ist Programm in der Chocolaterie „Sünde“. Während hinten der Kamin knistert, kann man in der gemütlichen Gaststube Schokonockerl und andere süße Köstlichkeiten genießen. An den Wänden blicken unzählige Marienbilder auf die Gäste herab.

Bei der Tour, die über den Anbieter „Eat the World“ gebucht werden kann, erfahren die Gäste nicht nur wie Kreuzberg einst einstand und wann die frühere Stadtmauer wieder abgerissen wurde, sondern erleben auch die alternative Kultur. Eine Blumenwiese vor der Admiralbrücke. Eine Straße, die zwischen den Pflastersteinen mit Kronkorken aus aller Welt übersäht ist. Oder eine Blumenwiese, die die Anwohner genau wie ein soziales Zentrum des Stadtteils einfach selbst anlegten – all das findet man so nur in Berlin-Kreuzberg.

(SMC)