29. Mai. 2024

Genuss

„Hier ist es nicht dunkel. Hier ist es richtig finster.“ Diese Bemerkung stammt von einem Gast, der ganz verblüfft ins Schwarze tritt und von einem Kellner zu seinem Platz geführt wird. Vorsichtig und unsicher, an die Schulter des Personals geheftet, geht man Schrittchen für Schrittchen durch den Raum. Die Augen sind offen. Allerdings nimmt man nur mit den Ohren auf: Stimmen. Dort hinten und da an der Seite. Zwischendurch Geräusche von Besteck, das gegen Teller stößt. Dann sitzt man. Ein merkwürdiges Gefühl im Bauch. Es ist die Vorfreude auf ein leckeres 4-Gang-Menü, gepaart mit Hilflosigkeit und einer Art Neugier.


Man ertastet. Man befühlt. Die Sinne sind gefordert. Hören. Fühlen. Und bald auch schmecken. Nur eben das Sehen bleibt aus. Ein kleiner Sinn, der, wenn er nun ausgeschaltet wird, plötzlich als unendlich wichtig und kostbar erscheint. Man kann sich so in die Kellner hineinversetzen. Sie alle sind sehbehindert oder gar blind. Mit Bravour meistern sie nicht etwa wenige Stunden sondern ihr ganzes Leben in Dunkelheit.


Das Restaurant „Finster“ ist das erste seiner Art im Ruhrgebiet. Es liegt von der A40 gut erreichbar in der Kulturhauptstadt 2010. Kultur steckt in diesem Konzept sehr viel: Man erlebt, man wagt, man kommt mit eigentlich fremden Menschen schnell in Kontakt, da die Dunkelheit eine gewisse Intimität mit sich führt. Man genießt sein Essen, nimmt wahr – Kälte, Wärme – süß, salzig oder würzig – Es ist ein Erlebnis im „Finster“ zu speisen. Wer wissen möchte, wie seine Bekanntschaft aus der Dunkelheit aussieht, kann sich nach dem Essen noch an der Bar im davor liegenden Bereich treffen und über den Ablauf einen kleinen Plausch bei einem leckeren Getränk halten. Das „Finster“ wird jedem Gast die Augen öffnen. (SMC)