06. Jun. 2020

Gastronomie

Wer zum „Zappenduster“ in der Gahlenschen Straße in Bochum-Hamme kommt, glaubt zunächst vor einer ganz normalen Eckkneipe zu stehen. Ein Biergarten steht bereit für die ersten warmen Frühlingstage. Nur ein kleines Schild mit dem Namen des Restaurants zeigt, dass sich hinter der Tür des Restaurants etwas Besonderes verbirgt. Wer die Tür öffnet steht in einem modern eingerichteten Bistro mit Kerzen auf den Tischen und einer reichhaltig ausgestatteten Bar. Im Inneren haben die Räume den verblassten Charme der Eckkneipe hinter sich gelassen und sprechen ein deutlich anderes Publikum an. Begrüßt wird man von Durija Saliova. Die 24jährige ist Inhaberin des Familienbetriebs und zusammen mit ihrem Vater Majsar (49) die gute Seele des Hauses. Im Bistro erklären die beiden ihren Gästen kurz die Besonderheiten des Hauses und sorgen dafür, dass diese sich in ihrem Familienbetrieb herzlich willkommen fühlen.


Im erleuchteten Bistro wählen die Gäste aus einer Auswahl von sieben verschiedenen Menüs. Die Köche verraten dabei nicht alle Details, sondern lassen nur die Wahl zwischen Fisch, Geflügel, Lamm, Rind, Schwein, Vegetarisch und Wild. Die Preise liegen zwischen 22 und 33 Euro für das 2-Gang-Menü. Angeboten werden zudem ein 3-Gang-Menü und das 4-Gang-Menü zwischen 33 und 48 Euro pro Person. Auch für Kinder gibt es ein besonderes Menü zum Preis von 22 Euro. Zum Erlebnis gehört es nicht ganz genau zu wissen, was auf den Teller kommt. Alle Speisen sind frei von Knochen, Gräten und Ähnlichem. Bei der Aufnahme der Bestellung erkundigt sich Durija Saliova nach besonderen Wünschen und Allergien. So können ihre Gäste sicher sein, dass nur das auf den Teller kommt, was ihnen zusagt. Anschließend werden Handys und andere Elektrogeräte abgeschaltet, Uhren mit Leuchtziffern vom Handgelenk genommen und die Garderobe kostenfrei in Verwahrung gegeben. Sind alle Fragen geklärt beginnt das eigentliche Erlebnis.


Geführt von einem blinden Kellner gehen die Gäste zunächst in eine Schleuse. Diese verbindet das Bistro mit dem eigentlichen Dunkelrestaurant und sorgt dafür, dass kein Licht das Erlebnis stört. Humorvoll und vertrauenerweckend werden die Gäste auf ihre Zeit in der Dunkelheit vorbereitet, bevor das Licht für die nächsten Stunden erlischt. Die Hände auf den Schultern des blinden Kellners geht es langsam durch das Restaurant. Aus der Dunkelheit hört man die Stimmen der anderen Gäste, leise Musik sorgt dafür, dass es keine stillen Momente gibt. Nachdem man sich vorsichtig nach vorne getastet hat, erreicht man den eigenen Tisch. Im dunklen Restaurant in dem insgesamt rund 70 Gäste Platz finden, gibt es Tische für 2, 4 und 8 Gäste. Damit eignet es sich für Paare genauso wie für Betriebsausflüge und Familientreffen der besonderen Art. Am Tisch angekommen ertastet man den Stuhl und findet schließlich seinen Platz. Sobald alle Gäste am Platz sind, erklärt der Kellner, dass man vor sich Besteck, einen Brotkorb mit Dipp und später auch die zuvor bestellten Getränke ertasten kann. Ganz vorsichtig beginnt man seine neue Umgebung zu ertasten, während die Augen noch gar nicht glauben können, dass es einfach nichts zu sehen gibt. Dafür ist man umso mehr auf das Fühlen angewiesen und freut sich nach kurzer Zeit knuspriges Brot zu entdecken. Schnell langt man in den wie angekündigt bereitstehenden Dipp und freut sich, dass keiner sieht, wie man die Hände am Brot abstreift, am Brot schnuppert und schließlich den Geschmack genießt.


In der vollständigen Dunkelheit verlangsamen sich die Bewegungen. Wo man im Hellen forsch zum Glas greift tastet man hier vorsichtig. Wo man sonst zielgerichtet mit Messer und Gabel agiert, beginnt ein vorsichtiges Tasten. Selbst das Einschenken von Bier aus der Flasche ins Glas wird zum Erlebnis. Wie voll ist das Glas? Wo steht die Flasche? Und wie viel Schaum hat sich entwickelt? Jede Bewegung ist spannend im Dunklen. Was während der ersten Minuten noch eine große Umstellung ist, gelingt mit der Zeit immer besser. Nach einer halben Stunde greift man fast schon selbstverständlich zum unsichtbaren Glas und hat einen groben Überblick über den Tisch gewonnen. Zwischendurch rätselt man mit seiner Begleitung was wo auf dem Teller liegt, lässt den anderen probieren und genießt das Geschmackserlebnis. Für ein Menü aus drei Gängen darf man im „Zappenduster“ rund drei Stunden einrechnen. In der Zeit genießt man die Mahlzeit, erlebt mit allen anderen Sinnen und hat Gelegenheit mit den Kellnern über das Erlebnis und auch die Besonderheit des fehlenden Sinnes zu sprechen. Im Gespräch mit Kellnern wie Dennis und Majsar kommt dabei keine Beklemmung auf. Beide plaudern fröhlich und vertrauenerweckend aus dem Leben und geben ihren Gästen das gute Gefühl, dass ihre Fragen erwünscht sind. Dabei erfährt man zum Beispiel, dass Majsar tagsüber in der Telefonzentrale des Finanzamts arbeitet und die Zeit im Restaurant und die Gespräche mit den Gästen genießt wie andere eine abendliche Freizeitbeschäftigung.


Das Publikum des „Zappenduster“ ist bunt gemischt. Junge Paare haben sich verabredet, ältere feiern den Hochzeitstag oder gönnen sich einfach so einen Abend voller vielfältiger Sinnesreize. Mitarbeiter treffen sich in ungewohnter Atmosphäre mit ihren Kollegen. Ein besonderes Ereignis bietet das Dunkelrestaurant immer am letzten Samstag im Monat an. Dann kann man in Bochum-Hamme echte Blinddates erleben und die erste Verabredung mit einer Bekanntschaft im Dunkeln erleben. Dann stehen die Stimme im Mittelpunkt und das Erzählte. Und manchmal tastet eine Hand sich vorsichtig über den Tisch um eine andere zu ertasten. Ob man sich hinterher im Bistro auch bei Licht betrachtet oder das Aussehen im Dunklen bleibt, bestimmen dabei nur die Gäste. Gemeinsam haben alle Besuche im „Zappenduster“ das besondere Erlebnis. Raffiniert komponierte, und gut dimensionierte Menüs laden ein zu einer Sinnesreise. Bissen werden zu einem Genuss und sonst routinierte Handgriffe zu einer Herausforderung. Ist die Suppe auf dem Löffel? Liegt er richtig in der Hand? Und wonach schmeckt die Suppe? Wer mag, bleibt den ganzen Abend in der Dunkelheit. Wer zwischendurch rauchen möchte oder die beleuchtete Toilette aufsuchen muss, ruft den Vornamen des Kellners und wird durch die Schleuse nach draußen und anschließend wieder zum Tisch geführt.


Ein Besuch im Bochumer Dunkelrestaurant „Zappenduster“ ist ein rundum gelungenes Erlebnis. Gute Küche verbindet sich mit der persönlichen und fröhlichen Atmosphäre eines Familienbetriebs, in dem das Wohlbefinden des Gastes im Mittelpunkt steht. Einen Tisch reservieren kann man telefonisch (0234/6102727). Geöffnet hat das Restaurant mittwochs bis sonntags. Die Küche hat jeweils bis 22 Uhr geöffnet, sodass es sich anbietet zwischen 18 und 19 Uhr mit dem Erlebnis zu beginnen. Wer möchte, kann auf dem Weg zurück ins Licht versuchen, ohne Hilfe den Weg zu finden. Tastend zwischen den Tischen und geleitet von der Stimme des Kellners endet der Abend so mit einem weiteren Sinneserlebnis. Nachdem sich die Schleuse zum Bistro öffnet ist man für einen Augenblick geblendet, aber um ein außergewöhnliches Erlebnis reicher. (SMC)