Es gibt Momente, da scheint die Zeit für ein paar Stunden stillzustehen. Genau so ein Moment ist es, wenn man das farbenfrohe Circuszelt am Düsseldorfer Robert-Lehr-Ufer betritt. Der Duft von frischem Popcorn und gebrannten Mandeln in der Luft, das warme Licht von tausenden Glühbirnen und das live spielende Roncalli Royal Orchestra. Mit einer fulminanten Premiere feiert das Circus-Theater Roncalli hier den Auftakt seiner großen Jubiläumstournee zum 50-jährigen Bestehen der Roncalli-Idee.
Wer nun eine reine Retro-Show erwartet, wird von Circusdirektor Bernhard Paul positiv überrascht. Roncalli schafft in Düsseldorf das Kunststück, seine traditionsreiche Seele zu bewahren und gleichzeitig komplett im Hier und Jetzt anzukommen: nostalgisch, aber modern, hochkarätig und seit Jahren konsequent tierfrei. Die Möglichkeit, dem Alltag für ein paar Stunden in die Welt der Träume zu entfliehen, würdigte bei der Premiere auch Mona Neubaur als stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen.
Eine Manege voller Charakterköpfe
Statt starrer Programmpunkte setzt die Jubiläumsshow auf ein fließendes Gesamtkunstwerk, getragen von Weltklasse-Artisten. Das spürt man besonders bei den leisen Tönen. Der legendäre Weißclown Gensi bringt mit seiner klassischen Eleganz die poetische Melancholie in die Manege, während Housch Ma Housch mit seinem skurrilen, fast schon rockigen Witz für die ganz großen Lacher sorgt. Zusammen mit den erfrischenden Auftritten von Canutito Jr. und Kevinski zeigt Roncalli, wie modern und vielschichtig Clownerie heute sein kann. Und für den puren, herrlich chaotischen Slapstick-Faktor sorgt Professor Wacko.
Dazwischen rauben einem die Akrobaten den Atem. Wenn Justin Philadelphia mit unfassbarer Kraft und Eleganz an der Flying Pole durch die Luft gleitet oder das Duo Hair Suspension eine Choreografie präsentiert, bei der die Artisten nur an ihren Haaren gehalten unter der Zeltkuppel schweben, hält das Düsseldorfer Publikum kollektiv den Atem an. Dass moderner Circus auch spektakulär und dynamisch sein muss, beweisen die kraftvollen Hand-auf-Hand-Formationen des Duo Vitalys und das Demian Gritsko Team, deren Performance an der russischen Schaukel puren Nervenkitzel versprüht. Atemberaubende Balance bringt Pavel Valla Bertini auf seinem Einrad ins Spiel, während Geraldine Philadelphia mit einer eleganten Ringjonglage fasziniert.
Begleitet vom wunderschön choreografierten Roncalli Ballett verschmelzen die Nummern fast nahtlos miteinander. Das gilt auch für die poetische Partnerakrobatik des Trio Rêve und die geheimnisvollen Illusionen von Alexandra Saabel & Company, die einen staunend zurücklassen. Sehenswert sind auch Lili Paul-Roncalli mit ihrer Kontorsion und die Darbietung von „Venice Carnival“, bei der sich Trampolin und Barren verbinden und auch Professor Wacko noch einmal zum Einsatz kommt.
Mehr als nur Circus: Ein Lebensgefühl
Der Abend ist Zirkus ist ein Abend für alle Sinne. Vor der Show flaniert man über den nostalgischen Vorplatz, trinkt einen Aperitif oder einen Espresso im charmanten Café des Artistes und genießt den Blick auf den Rhein. Historische Karussells stehen für Kinder bereit. Das Circus-Theater Roncalli gastiert noch bis zum 28. Juni 2026 in Düsseldorf.
(SMC)