12. Jul. 2020

Kultur

107,2. Das ist die Frequenz, die Kabarettist Abdelkarim Zemhoute eine Stimme verleiht. Er war Auftakt einer Veranstaltungsreihe im Autokino auf dem Gelände der Hattinger Henrichshütte. Bis zu 75 Fahrzeuge finden Platz zwischen stillgelegten Hochöfen, Museumszügen und Industriekultur. Und eine große Leinwand über der kleinen Bühne. Die zeigt den Künstler auch für die Gäste in den hinteren Reihen gut sichtbar – während die früh angekommenen in der ersten Reihe natürlich noch besser sehen. Der Ton ist für alle gut, denn er kommt über das Autoradio. Während Veranstaltungsreihe „kleine Affäre“ werden bis zum 28. August 2020 zahlreiche weitere namhafte Künstler wie Ingo Appelt (27.6.), Frank Goosen (4.7.) oder auch Herbert Knebel (15.8.) zu sehen sein.

Der Abend im Autokino beginnt mit Maske. Die tragen die Mitarbeiter im Empfangszelt, die die Gäste begrüßen und den QR-Code auf den Eintrittskarten scannen. Dann geht es auf die großzügig eingezeichneten Stellplätze – mit genug Seitenabstand zum nächsten Fahrzeug und versetzt zur Reihe davor. Wer mag, kann das Auto kurz verlassen, zum Beispiel um sich mit Popcorn, Würstchen oder Kaltgetränken einzudecken. Viele Gäste nutzen die Möglichkeiten des Autokinos aber auch, um die eigene Verpflegung mitzubringen und während des Programms die eigenen Lieblingsgetränke und –speisen auszupacken. Das geht natürlich auch im Hütten-Kino Open Air, das im gleichen Zeitraum an jedem Wochenende stattfindet und kostenfrei Kultfilme von „Grease“ bis „Matrix“ zeigt.

Bei Abdelkarim, gebürtig in Bielefeld und wohnhaft in Duisburg geht es auf humorvolle Weise um verschiedene Kulturen. Der deutsch-marokkaner, der einst das Jurastudium abbrach, um Comedy zu machen, freut sich an diesem Abend, „vor Autos rumzustehen und Comedy zu machen“. Er sieht klare Vorteile im Autokino – schließlich könne man eine CD anmachen, wenn das Programm nicht gefällt. Doch das ist an diesem Abend nicht nötig. Abdelkarim präsentiert nicht nur sein Programm, sondern frotzelt auch über den schönen Hattinger Bahnhof und erkundigt sich nach den verschiedenen Stadtteilen. Das ist im Autokino gar nicht so einfach, doch einzelne Besucher nutzen die Chance und reagieren nicht nur mit der Lichthupe, sondern rufen auch durch die geöffneten Autofenster.

Abdelkarim erzählt humorvoll vom Leben der Deutschen und der Ausländer. Er scherzt, er habe es nur auf die Warteliste der Reichsbürger geschafft und bekennt „Nafri“ zu sein. Das Programm wechselt zwischen amüsanten Anekdoten wie der über den Taxifahrer Superman, dessen Spitzname einem Missgeschick beim Tanken zu verdanken sei und reicht bis zu „Imageproblemen des Islam“. So könne er seinen Koffer unbewacht im Bahnhof stehen lassen ohne sich vor Diebstahl fürchten zu müssen. Während mancher Gag ein kurzes Schmunzeln auslöst, gehen andere tiefer. Hängen bleibt auch der Tipp, den Verzicht auf Alkohol mit „Wenn ich trinke, passieren echt schlimme Sachen!“ zu begründen und der Tipp „kriminellen Marokkanern“ durch den Einsatz schwuler Männer zu begegnen. Diese seien der natürliche Feind und könnten dazu beitragen Situationen wie in der Kölner Silvesternacht präventiv zu begegnen. Bei Abdelkarim wird der Magen im Chinarestaurant zum Zoo. Er selbst sieht sich als Marokkaner, der rumläuft wie ein Russe oder ein Deutscher mit Einwanderungsoptik.  Die Premiere hat gezeigt, auch im Autokino funktioniert Live-Unterhaltung hervorragend.

(SMC)