19. Mai. 2022

Kultur

Der Abend im GOP beginnt mit einem kraftvollen Bild. Um den mitten auf der Bühne stehenden-Pole-Mast haben sich alle Artisten aufgestellt. In der Mitte steht fast unbewegt Moderator Claude Criblez. Der 56jährige Schweizer ist der Ruhepol der Show – und zugleich selbstironischer Senior im Ensemble. Auch für die Ohren wird einiges geboten. Die österreichische Artistin Ingrid Korpitsch zeigt am Flügel ihr musikalisches Talent. Mit den Klängen ihrer Musik kommt Bewegung in die Szene auf der Bühne. Einige scheinen sich noch aufzuwärmen. Andere schminken sich im Display ihres Smartphones. Wieder andere zeigen eine ausgefeilte Choreografie. Schließlich bleibt nur ein Artist auf der Bühne. Es ist der russische Akrobat Pavel Gurov. Er erklettert den Pole-Mast und beeindruckt mit Kraft und Präzision. Dabei ist er nicht nur am Mast, sondern auch mit festem Boden unter den Füßen talentiert, denn er zeigt auch eine Breakdance-Einlage. Dann geht es wieder in die Höhe. Dort beweist Pavel Gurov teils kopfüber welche Kraft in seinem trainierten Körper steckt. Einmal steht er im 90°-Winkel zum Mast in der Luft und hält sich nur mit seinen vor und hinter dem Mast befindlichen Füßen in Balance. Gleich zweimal lässt Pavel Gurov sich von der Schwerkraft in Richtung Bühne ziehen und fängt sich gerade noch rechtzeitig. Ein gelungener Start in die Show.


Moderator Claude Criblez hat seine ganz eigene Art. Er spricht langsam. Er geht langsam. Er lässt sich Zeit. Und er macht Späße auf seine eigenen Kosten – und bewundert die jungen Artisten. Auf die Bühne kommt er mit einem fliegenden Fisch. Den übergroßen Ballon hat er mit kleinen Rotoren ausgestattet, sodass er ihn mit der Fernsteuerung durch den Zuschauerraum steuern kann. Der Hingucker zieht sich etwas in die Länge – genau wie Claude Criblezs Vortrag auf welchem Weg die Artisten nach Essen geschwommen wären, wenn sie denn Fische wären. Schnell geht es dafür bei der Australierin Hazel Bock. Sie kommt mit orangen Ringen auf die Bühne und wirbelt diese durch die Luft. Vor dem blauen Bühnenhintergrund wirkt die Jonglage besonders eindrucksvoll. Dabei baut Hazel Bock immer wieder überraschende Bewegungen und Ideen ein. Mal fliegen die Ringe hinter ihrem Rücken in die Luft, mal rollen sie über ihren Körper und dann drehen sie sich um ihren Zopf. Dabei spielt sie bei der Jonglage mit erst drei, dann vier und später fünf Ringen geschickt mit Licht und Schatten. Ganz zum Schluss wirft sie gar sieben Ringe fehlerfrei durch die Luft – und übergibt dann mit einem sich auf der Bühne drehenden Ring an die Kanadierin Mélodie Lamoureaux. Diese kommt mit Hula Hoop Reifen ins Scheinwerferlicht. Mit kühler Präzision wirbelt sie diese um den Körper – sogar im Handstand. Auch der folgende Jonas Witt setzt auf einen Ring. Zunächst wirbelt sein Cyr alleine über die Bühne, doch schon bald steht Jonas Witt im Inneren des Rades. Dabei kommt das auf eine Geschwindigkeit, dass es in den Augen der Zuschauer fast wie eine sich schnell drehende Kugel wirkt. Im Cyr zeigt Jonas Witt gelungene Variationen. Mal stemmt er sich im mannshohen Metallrad nach oben, mal streckt er bei den schnellen Drehungen ein Bein aus dem Cyr und hält doch die Balance. Später spielt er mit dem sich weiterdrehenden Cyr. Während er an einer Stelle steht, rast das drehende Rad immer wieder an ihm und den Zuschauern vorbei. Dann ist wieder Zeit für Claude Criblez. Aus seinem Flugzoo hat er diesmal eine fliegende Katze mitgebracht – doch als diese von einem Zuschauer gesteuert wird, wird sie schnell kopflos. Zeit für die Pause…


Auch nach der Pause steht ein Ring im Mittelpunkt. Über der Bühne dreht sich Ingrid Korpitsch im Scheinwerferlicht. Im gewagten, schwarzen Outfit zeigt die Österreicherin im flackernden Licht ihr Können. Im Ring zeigt sie einen Spagat. Später hängt sie nur an einem Bein hoch über der Bühne. Das Publikum hält kurz den Atem an, als sie sich allein mit ihrem Nacken im Ring hält. Später kehrt sie mit schnellen Drehungen im tosenden Applaus zurück auf den Boden. Auch Claude Criblez hat sich etwas einfallen lassen. Mit einem mit Klebeband versehenen Rettungsballon will er den Kopf der Katze von der Decke zurückholen. Keinen zweiten Versuch braucht hingegen Chu Chuan-Ho. Der Taiwanese ist Meister der Diabolos. Zu stimmungsvoller Musik wirft er die Diabolos in die Luft und fängt diese wieder ein. Dabei ist er so sicher, dass er zwischendurch über die Schnur springt. Auch als er erst zwei und dann drei Doppelkegel auf die Schnur setzt und schwingt, bleibt die Präzision. Sogar auf einem Bein stehend gelingt ihm sein Auftritt, bei dem auch sein Lächeln für gute Laune sorgt. Schließlich freut sich auch Claude Criblez. Er hat die Katze repariert und präsentiert sie dem Publikum. Das freut sich danach über das ukrainische Trio „J-Ropes“. Die drei zeigen ihr Können mit neongrünen Springseilen. Geschickt wechseln die Artisten ihre Positionen und begeistern mit Kreativität – zu der auch ein Salto rückwärts in den Seilen gehört.


Hazel Bock kann nicht nur mit den Händen jonglieren, sondern auch mit den Füßen. Das beweist sie bei ihrem Antipoden-Auftritt im zweiten Teil der Show. Zunächst lässt sie einen roten Ball auf ihren Füßen springen, während sie selbst auf dem Rücken liegt. Nach und nach kommen immer mehr Bälle hinzu, bis schließlich fünf rote Bälle mit Händen und Füßen jongliert werden. Noch eindrucksvoller ist, wie Hazel Bock nach und nach nur mit den Füßen sieben unterschiedlich große Koffer zu einem in der Luft gehaltenen Turm aufbaut. Auch Claude Criblez läuft zu Höchstform auf. Aus seiner „Wusch-Maschine“ schießt er Rauchringe ins Publikum und versucht diese mit dem ferngesteuerten Fisch zu durchfliegen. „Ich bin am Aussterben“, bekennt Claude Criblez zwischenzeitlich. Der Abend endet mit gelungener Partnerakrobatik von Pavel Gurov und Acelya Özcan. Bei beiden zeigen eine Mischung aus Tango-Ausdruckstanz und Hebefiguren und überzeugen mit einer Geschichte über Liebe, Nähe und Distanz. Zum großen Finale ist das Publikum restlos begeistert. Karten für „Slow“ gibt es ab 26 Euro telefonisch (0201/2479393), über Internet und an der Varieté-Kasse. (SMC)