19. Mai. 2022

Kultur

„Berlin ist halt anders“, erklärt Roncalli-Gründer Bernhard Paul den fast 500 Gästen der ausverkaufen Premiere im Theater unterhalb der Rheinkniebrücke. Dann öffnet sich der Vorhang zu den Klängen von „Mein kleiner grüner Kaktus“. Das Stück stammt vom Berliner Vokalensemble „Comedian Harmonists“ aus dem Jahr 1934. Auf der Bühne zu sehen sind eine Häuserfassade und das Ensemble der Show. Während die meisten wie Puppen in ihrer Bewegung erstarrt sind, zieht Moderatorin Chantall die Blicke auf sich. Doch zunächst ist Sandmalerin Alla Denisova an der Reihe. Sie formt blitzschnell immer neue Motive aus Sand, die auf eine Leinwand übertragen werden. Mit großem Geschick lässt sie Berliner Motive wie den Fernsehturm oder das Brandenburger Tor entstehen. Sekunden später vergehen die Bilder wieder und fließen ein in die nächste Szene. Nach diesem gelungenen Auftakt zeigt das Ballett sein Können. Klickernde Perlenketten begleiten den Auftritt der vier Frauen in ihren körperbetonten Kostümen. Dazu lässt Sängerin Katja Friedenberg ihre Stimme erklingen. Erst anschließend kann Moderatorin Chantall zu einer Zeitreise durch Berlin einladen. Mit ihr kommt der scheinbar verschusselte Pantomime Herr Riesling auf die Bühne, der das Publikum mit Gestik und Mimik und beeindruckender Körperbeherrschung fasziniert.


Anschließend betritt Viktoria Lapidus die Bühne. Die dralle Powerfrau hat sich für ein hautenges Outfit entschieden. In diesem kämpft sie zu den Klängen der Musik nicht nur mit ihrem Hut, sondern zeigt auch eine Art Tanz mit dem Hula-Hoop-Reifen. Es mag am Rubenskörper und den damit möglichen Schwüngen des Reifens liegen, dass der Auftritt nur manche Gäste begeistert, während die anderen eher an eine originelle Parodie glauben und sich im Abschlussspagat, aus dem Lapidus scheinbar nicht mehr aufstehen kann, bestätigt fühlt. Selbst Herr Riesling kann da nur „Hilfe“ rufen – so dass schließlich mehrere Artisten zu Hilfe eilen, um ihre Kollegin wieder auf die Beine zu stellen. Kaum ist das gelungen, geht der Auftritt weiter. Viktoria Lapidus tanzt weiter über die Bühne, bewegt die Lippen zur Musik und verabschiedet sich schließlich mit Kusshand. Anschließend geht Moderatorin Chantall ins Publikum, um einen Freiwilligen zu finden. Der macht wenig später Bekanntschaft mit einer brennenden Kerze und der Peitsche. „Vorbeugen ist besser als auf die Schuhe kotzen“, philosophiert Chantall bevor die Sandmalerin wieder für Poesie sorgt. Diese erzählt aus der Berliner Geschichte – und hat auch den mit roten Blinklichtern inszenierten Bombenkrieg nicht weggelassen.


Schließlich kommen Sven Böker und Vanessa Baier auf die Bühne. Das Duo von der Berliner Artistenschule zeigt spektakuläre Partnerakrobatik. Sängerin Katja Friedenberg singt dazu Xavier Naidoos „Sie ist nicht von dieser Welt“. Dazu zeigt das Duo einen ausdrucksstarken Auftritt, bei dem Sven Böker auf dem ausgestreckten Bein seiner Bühnenpartnerin einen Handstand macht und später einen Spagat zwischen ihren in die Luft gestreckten Beinen. Zwei neunarmige Leuchter mit flackernden Kerzen sorgen für eine besondere Lichtstimmung. Dann ist wieder Zeit für Tanz und Gesang – und anschließend für Herrn Riesling. Der Pantomime kämpft mit einem herzförmigen Ballon, der ihn scheinbar immer wieder in die Höhe ziehen möchte – und wird für das Publikum zum heimlichen Star des Abends. Auch die Sängerin hat noch mehr zu bieten. Sie singt Udo Lindenbergs „Sonderzug nach Pankow“, bevor sie die Bühne frei macht für das Duo Karpovic mit dem Schleuderbrett. Die Brüder Roman und Igor stammen aus Kasachstan. Auf dem Brett zeigen sie meterhohe Sprünge und wirbeln sich gegenseitig immer wieder in die Luft. Dabei präsentieren sie mehrere Salti und andere riskante Figuren. So gibt es in der Pause viel zu erzählen für alle Gäste, die sich nicht für ein Menü zur Show entschieden haben. Unter anderem serviert das Apollo zum aktuellen Programm Medaillons vom Landgockel, Fischroulade oder gefüllte Pfannkuchen.


Nach der Pause eröffnet Sandmalerin Alla Denisova den zweiten Teil der Show. Musikalisch untermalt werden ihre vergänglichen Geschichten von Songs wie „Freiheit“ oder „Wind of Change“. Moderatorin Chatall zeigt darauf ein neues Kunststück, bei dem sie einen Hula Hoop Reifen um ihren ausgestreckten Hintern drehen lässt. Äußerst sehenswert ist der anschließende Auftritt des russischen Trios 3J. Die drei schwarz gekleideten Jongleure wirbeln zunächst neun Keulen durch die Luft. Bei der Jonglage überraschen sie mit kreativen Ideen und technischer Präzision. Die erlaubt ihnen später bis zu 15 Keulen gleichzeitig in Schwung zu bringen. Gleich darauf zeigt Chantall eine akrobatische Leistung, die man der Moderatorin mit der frechen Berliner „Schnauze“ kaum zugetraut hätte. Sie klettert auf Metallstelzen und begeistert das Publikum mit Kontorsion. Nur zwei Meter Durchmesser hat die Rollschuhbahn, auf der das Duo Isaev sich dreht. Schwungvoll dreht sich der Russe Isaev Evgenii auf seinen Rollschuhen und wirbelt dabei seine Partnerin so schnell, dass diese abhebt. Später liegen Schlingen unter ihren Rollschuhen, die sie mit seinem Nacken verbinden. Erneut geht es schwungvoll in die Luft. Noch spektakulärer wird es, als die beiden nur mit einer Schlinge um den Nacken verbunden sind und sie während der Drehung im Kreis zusätzlich Schrauben um die eigene Achse dreht. „Auf uns“ singt schließlich Sängerin Katja Friedenberg und leitet damit das Finale der Show ein. Karten für die Hommage an die deutsche Hauptstadt gibt es ab 19 Euro telefonisch (0211/8289090), an der Abendkasse und im Internet. (SMC)