Man kann das Ruhrgebiet nicht erklären. Man muss es fühlen. Diesen Mix aus verrostetem Stahl, moderner Transformation und Menschen, die das Herz auf der Zunge tragen. Genau dieses Gefühl bringt „Ruhrical – Das Radio Ruhrpott Musical“ auf die Bühne. Es ist eine ungeschminkte, laute und emotionale Liebeserklärung an eine Region, die sich immer wieder neu erfindet.
Wenn das Licht im Saal erlischt, riecht es fast nach Schichtwechsel. Das „Ruhrical“ packt einen von der ersten Minute an bei der Ehre. Fast drei Stunden lang schickt die Produktion das Publikum auf eine Reise durch den Westen, die so nahbar und herzlich ist, dass man sich nach wenigen Songs wie bei guten Freunden im Wohnzimmer fühlt. Oder eben an der Bude um die Ecke.
Eine Lovestory auf dem Moped
Die Geschichte klingt wie das Leben selbst: Da sind Petra und Ritchie. Zwei, die sich eigentlich gesucht und gefunden haben. Zusammen geht es auf dem Moped vorbei an Fördertürmen. Das klingt nach Romantik pur, wäre da nicht Petras Vater. Ernst von Bodelschwingh ist Reviersteiger der alten Schule und von Ritchie so gar nicht begeistert.
Es entfaltet sich ein herrlich ehrliches Drama um Familie, Stolz und diesen ganz speziellen Zusammenhalt, den es eben nur hier gibt. Man lacht, man leidet mit und ertappt sich dabei, wie man den beiden die Daumen drückt, als ginge es um die eigene Nachbarschaft.
Der Soundtrack unseres Lebens
Die Bühne verwandelt sich in das wahrscheinlich größte Radio der Welt. Und was da läuft, verbindet Generationen. Wie passen die unsterblichen Welthits von Michael Jackson zu einer Kneipe in Gelsenkirchen oder Dortmund? Das Ruhrical zeigt es. Von knackigem Rock über Pop bis hin zu Schlagern, bei denen der ganze Saal mitsingt, ist alles dabei. Die absoluten Gänsehaut-Momente gehören aber den lokalen Momenten. Wenn ein Helge-Schneider-Medley die Lachmuskeln strapaziert, ist das großes Kino. Aber spätestens, wenn das Steigerlied „Glück auf, der Steiger kommt“ in einer modernen Version durch den Raum fegt, bleibt kein Auge trocken.
1.000 Meter tief: Ein digitaler Geniestreich
Ein weiteres Wunder des Abends ist jedoch, wie das Musical die Brücke von gestern nach übermorgen schlägt. Durch große Videowände sitzt man plötzlich nicht mehr im Theatersessel. Per High-Tech-Animation geht es virtuell tausend Meter tief unter die Erde. Man spürt förmlich den Staub, die Enge und die Wucht der alten Kumpel-Arbeit.
Hingehen, mitsingen, spüren
Das „Ruhrical“ ist kein Abend für die steife Abendgarderobe. Es ist ein Abend für die Seele. Ein Stück Heimat zum Anfassen, das zeigt, dass das größte Spektakel oft nicht in New York oder London wartet, sondern direkt hier. Wo die Menschen ehrlich sind, das Bier kalt ist und das Herz am rechten Fleck sitzt.
(SMC)


