05. Jun. 2020

Kultur

30 Minuten vor der Show und 30 Minuten nach der Show. So lange brauchen die heutigen Darsteller der 1987 nach  einer Kunstperformance im New Yorker Central Park entstandenen Blue Man Group. Bis vor wenigen Monaten stand der Berliner Schauspieler Nadim Helow selbst auf der Bühne und wurde vor jeder Aufführung mit fetthaltiger, blauer Farbe geschminkt. Heute ist Nadim Helow Teil des internationalen Kreativ-Teams und Captain der Berliner Blue Man Group Inszenierung und kümmert sich unter anderem um die Koordination der aktuell sechs Darsteller. Drei (und ein Ersatzmann hinter den Kulissen) sind bei jeder Show im Einsatz und verwandeln sich in Theater am Potsdamer Platz sieben bis neunmal pro Woche in die blauen, stumme und doch ausdrucksstarke Bühnenwesen.

„Die Blue Man sprechen den Kern des Menschen an“, ist Nadim Helow überzeugt. Er sieht in ihnen – je nach Betrachtungswinkel Kinder, Helden, Schamanen oder auch „Trickster“, die aus der Reihe tanzen. In diese Rolle zu schlüpfen ist ein langer Weg. Nur einer von hundert Bewerbern schafft es aus dem „Open Casting Call“ zu einem Engagement. Frauen wären in der Rolle eines Blue Man auch denkbar, erklärt Helow, denn schließlich sei der Blue Man eine universelle Figur. Und „Man“ bedeute im Englischen eben nicht nur Mann, sondern auch Mensch. In die Rolle des Blue Man Performers zu schlüpfen sei trotzdem für viele Schauspieler eine große Herausforderung, denn hinter der blauen Maske und der Farbe bliebe vom Ego des Schauspielers nicht viel für das Publikum sichtbar.

Der Blue Man hingegen hat – so Helow – eine Identität. Doch die zu beschreiben fällt schwer. Er hat kein Geschlecht. Er hat kein Alter. Keine Nationalität. Es sei als hätten die Wesen ihre Masken abgelegt, um nur noch sie selbst zu sein. Die Farbe Blau stehe für die größtmögliche Neutralität. Vielleicht seien die drei sogar ein Wesen in drei Körpern. Auf der Bühne tun die Blue Man ganz unterschiedliche Dinge – und kommunizieren mit Blicken, Handlungen und Geräuschen. Auch das Publikum wird einbezogen und von den Blue Man Abend für Abend neu entdeckt. Und nehmen die Gäste und sich selbst dabei oft auf die Schippe.

Eine klassische Geschichte erzählt man nicht. Vielmehr begleiten die Zuschauer im vom Kino zum Spielort der Liveperformance umgebauten Theater die Blue Man in einem Sammelsurium von Szenen, in denen sich die Drei immer wieder den Raum erobern. Eine Mischung aus klassischem Beziehungsslapstick, lauter und mitreißender Musik und Szenen aus der modernen Welt machen neugierig und sorgen dafür, dass die Zuschauer immer wieder neue Seiten an den Blue Man entdecken. Wer ganz vorne sitzt, sollte die bereitliegenden Regencapes anziehen, denn auf manchen Plätzen wird es im Laufe des Abends feucht-fröhlich. Doch auch auf den anderen Plätze bleibt es Spannend, denn während des Abends sind die Performer auch im Zuschauerraum unterwegs – wo am Ende eine rauschende Party mit Luftschlangen und Ballons gefeiert wird. Was Blue Man und Zuschauer da tun? Dafür hat jeder am Ende des Abends eine eigene Erklärung. Nadim Helow ist sicher: „Ich kenne keine Show, die mit dieser vergleichbar ist!“

(kk)