25. Okt. 2021

Kultur

Als Bertold Brecht das Drama „Im Dickicht“ bei Spaziergängen durch seine Heimat Augsburg schrieb, war die Welt eine andere. Damals fand man nichts dabei, wenn der charakterlich zweifelhafte Holzhändler aus Malaysia kam, die Handlung im Moloch von Chicago spielte und die Frauen auf Abhängigkeit und ihre Verbindungen zu Männern reduziert wurden. Doch das ist lange Geschichte – und die Inszenierung von „Im Dickicht der Städte“, die am 10. April 2021 digitale Premiere feierte, geht ganz bewusst auf Abstand zu Brechts Weltsicht. Exotisierung und Sexismus wurden gestrichen – und bleiben doch im Stück. Und auch wenn die Darsteller die Handlung nach Brecht zwischendurch für kritische Reflexionen unterbrechen orientiert sich das Drama doch am Frühwerk des zur damaligen Zeit vom Boxkampf faszinierten Autors, der zwei ungleiche Männer in einen für alle destruktiven Kampf schickt.

George Garga, ein Mann aus ärmlichen Verhältnissen, verleiht für Geld Bücher. Als der reiche Holzhändler Shlink auf ihn aufmerksam wird, versucht er Garga seine Einstellung zu einem Roman und seine Überzeugung abzukaufen. Als dieser ablehnt bleiben von manchen Büchern nur Fetzen. Doch das ist erst der Auftakt einer seltsamen Beziehung der beiden Männer. Shlink überlässt Garga die Entscheidungsgewalt über seinen Holzhandel und lässt zu, dass dieser in seinem Namen ein betrügerisches Geschäft abschließt. Doch Shlink sieht nicht machtlos zu, während Garga sein neu erworbenes Vermögen in Alkohol umsetzt. Er schleicht sich im Haushalt von Gargas Mutter ein. Und auch das Verhältnis von Garga und seiner Schwester Marie gerät ins Wanken, scheint diese doch Gefallen an Shlink und seinem Mitarbeiter Skinny zu finden. Auch Gargas Freundin Jane ist und bleibt unentschlossen.

In der Oberhausener Inszenierung tragen die Schauspieler Masken. Das neutralisiert die Gesichtszüge – mit Ausnahme der Szenen, in denen die Masken verschwinden. Der digitale Stream ist nachvertont, sodass die eingesprochenen Stimmen die Szenen zusätzlich surreal machen. Und obwohl sich die Dinge für alle Beteiligten schlecht entwickeln, können die beiden Männer nicht auseinander gehen. Eine Flucht nach Polynesien war einst George Gargas Traum – doch letztlich kann er sich nicht von Chicago lösen. Das Unheil naht: sei es in Form des Alkohols, der bedrohlichen Verhältnisse oder des Gerichts, das längst auf der Suche nach dem Verursacher des betrügerischen Handels ist. Klaus Zwick als Shlink und Henry Morales als George Garga nehmen die Zuschauer mit in eine verwirrende und in Teilen absurde Welt. Daniel Rothaug spielt den nur im Original chinesischen Sidekick Skinny. Mit Elisabeth Hoppe (Jane) und Genet Zegay (Marie) spielen nicht nur zwei Frauen eine Frauenrolle, sondern mit Julius Janosch Schulte (Mae Garga) auch ein Schauspieler. Musikalische Einlagen und die teils bewusste Überzeichnung der Geräusche geben dem zweistündigen Stück, das das Theater Oberhausen „eine offene Probe“ nennt,  eine besondere Note. Verkauft werden Karten für den 17., 18., 19. und 30. April, für den 2., 8. und 16. Mai sowie für den 5., 20. und 27. Juni 2021.

(SMC)