22. Feb. 2019

Kultur

Der Abend beginnt mit einem Video aus Vietnam – und mit einem großen Versprechen. Regisseur Knut Gminder möchte mit dem Programm die vietnamesische Seele und den europäischen Blick vereinen. Es ist die Rede von Tradition. Vom Dorf mit der Brücke am Fluss. Aber auch vom modernen Leben in dem ostasiatischen Land. Sông Trăng verzichtet nicht nur auf einen Moderator, sondern auch auf moderne Kulissen. Dafür spielen Licht und Musik eine große Rolle – und Bambus. Aus dem bis heute in den Dörfern Vietnams wichtigen Baustoff entstehen auf der Bühne Leitern, Brücken und andere Konstruktionen, auf denen die Artisten ihr Können zeigen. Nach einem Tanz zu klassischen Klängen geht es hoch hinaus. Der Luftring wird nicht von ausgefeilter Technik in die Luft gezogen, sondern von anderen Mitgliedern des Ensembles. Die Artistin bewegt sich in der Luft, als gäbe es keine Schwerkraft. Mal umklammern nur noch ihre durchtrainierten Beine den dünnen Ring, mal scheint sie neben dem Luftring zu schweben, mit dem sie nur eine Hand verbindet.

Nach dem eindrucksvollen und poetischen Auftritt zeigen fünf Artisten ihr Können. Sie springen durch den ein Stück über der Bühne hängenden Ring. Die Bühne wird dazu von hellem Laserlicht illuminiert. Dann geht es wieder hoch hinaus. An den Strapaten wird ein durchtrainierter Artist nach oben gezogen. Dieser dreht, die Arme hinter dem Rücken, schnelle Runden hoch über den Köpfen der Zuschauer. Auf der anderen Seite der Bühne ist ein Duo am Trapez zu sehen. Dann wechselt der Blick wieder zu den Strapaten. Die Artisten drehen ihre Körper an einem Arm und die eigene Achse. Zwischen den eindrucksvollen artistischen Auftritten wurde auch Comedy eingebaut. So kann man einem Künstler zusehen, der auf humorvolle Weise versucht an den Strapaten ein Selfie zu machen. Doch erfreulich schnell geht es wieder zurück ins Bilderbuchvietnam.

Ungewöhnlich und sehr sehenswert ist der „Flying Bambus Pole“. Der in der Luft hängende Mast bietet einem Artistenduo die Plattform für seine Darbietung. Phan Thi Trang klettert am Pole nach oben. Unter ihr ist Nguyen Duc Thinh zu sehen.  Wie viel Kraft dabei im Spiel ist, kann man auch daran erkennen, dass die Artistin zwischendurch auf dem Körper ihres Bühnenpartners steht und dieser sich trotzdem mit nur einer Hand am Mast halten kann. An vietnamesische Folklore in modernem Outfit erinnert der folgende Tanz. Sieben Künstler zeigen eine perfekt abgestimmte Choreografie, bei der sie asiatische Reishüte in den Händen halten und immer neue Formationen präsentieren.

Nach der Pause ist im Hintergrund der Bühne eine große, aus Bambus erbaute Konstruktion zu sehen. Die nur zu einer Seite mit einem schmalen Geländer gesicherte Brücke wirft eindrucksvolle Schatten an die Wand. Doch schon die Musikauswahl zeigt: Es wird moderner. Bei uns unbekannte, aber in Vietnam populäre Musik aus den Charts begleitet nicht nur ein eindrucksvolles Seilspringen. Es beginnt mit einem über die Bühne gewirbelten Seil. Doch schnell sind zwei und dann drei Seile im Einsatz. Eine besondere Kraftanstrengung leistet einer der Artisten. Auf seinen Schultern steht eine Frau, die ein Seil schlägt. Ein anderes Seil erschwert das Springen. Doch das Experiment gelingt. Kraft braucht man auch für den nächsten Auftritt. Mit einer Kollegin, die auf einem Bein auf seinem Kopf balanciert, erklimmt einer der Artisten eine mehrere Meter hohe Leiter – und klettert an der anderen Seite wieder herunter. Nicht weniger anspruchsvoll ist der nächste Auftritt. Auf dem Geländer der Brücke balanciert ein Mann, der einen zweiten Artisten trägt, der auf seinem Kopf Kopfstand macht.

Auch in der zweiten Hälfte des Programms kommen die Strapaten zum Einsatz. Oben ist eine Frau im Spagat. An ihrem Fuß hängt in einer dünnen Schlaufe ihr Bühnenpartner. Auch danach geht es um Kraft. Zunächst sieht es nach einer klassischen Antipoden-Nummer aus, doch dann realisiert man, dass die Frau, die auf ihren Fußspitzen rote Tücher balanciert, auf dem Rücken eines anderen Menschen liegt. Der macht sich während sie weiter jongliert auf den Weg zu einer Leiter und erklimmt diese. Auch der Mond über dem Fluss gehört zum Programm. Er leuchtet über einem Boot, in dem ein junges Paar sitzt, bis es davontreibt und die beiden über der Bühne durch die Luft schaukeln. Dem GOP gelingt es mit dem aktuellen Programm tief in die Kultur Vietnams einzutauchen – und dabei den Geschmack des europäischen Publikums zu treffen. Asiatische Klänge, fein dimensionierte Folklore und artistische Höchstleistungen verbinden sich zu einem gelungenen Abend. Karten für die rund zweistündige Show gibt es telefonisch (0201/2479393) und über Internet.

(ck)