Der Weg zur Volksmusik: Von der Volksmusik zum Hip-Hop zum Jodeln
???: Fangen wir ganz unvorsichtig an: Wer sind Sie?
Mein Name ist Veronika Schweikl – die Leute sagen eigentlich alle Vroni zu mir. Ich wohne in Freising und biete mit sehr viel Begeisterung Volkstanz, Jodeln und andere musikalische Aktivitäten für verschiedene Altersgruppen und in den unterschiedlichsten Kontexten an. Das ist mein Beruf. Seit letztem Jahr bin ich außerdem Bayern-Botschafterin und darf diese schönen Aufgaben noch mehr nach außen tragen, um Menschen zu begeistern.
???: Wie kommt man zum Jodeln und zum Volkstanz? Sie wirken jung und dynamisch – man hätte eher an Hip-Hop gedacht.
Hip-Hop habe ich tatsächlich in meiner Jugend auch gemacht und sogar eigene Texte geschrieben! Zur Volksmusik und zum Tanz kam ich durch meine Eltern. Die haben mich quasi in diese Szene hineingeboren. Wir waren früher immer auf Seminaren, bei denen man in volksmusikalischen Kontexten Instrumente lernt und zusammen spielt. Organisiert werden diese Wochenenden u.a. vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege. Dadurch habe ich den Bezug dazu nie verloren – auch nicht in der Jugendzeit, als in meinem Freundeskreis eigentlich niemand Volksmusik gehört oder gemacht hat.
???: Und das Jodeln? Haben Ihnen das auch Ihre Eltern in die Wiege gelegt?
Nein, das habe ich mir tatsächlich selbst beigebracht. Mein Papa meinte damals vor einem „singnarrischen Wochenende“ des Landesvereins zu mir: „Mensch, du singst doch so gern, fahr da doch mal hin.“ Das war die Initialzündung. Bei diesem Seminar waren viele tolle Leute, die heute fast alle selbst Kurse geben. Wir waren eine kleine Gruppe von rund 20 Personen, und da hat es sofort gefunkt.
Mythos Jodeln: Kehlkopfschlag, Hotspots und die GEMA
???: Braucht man zum Jodeln nicht eigentlich Berge und ein Echo?
Nein, das geht überall, auch im Flachland! Man geht zwar davon aus, dass das Jodeln in den Alpen ursprünglich eine Kommunikationsform von Bergspitze zu Bergspitze war, um sich zu grüßen oder Kurznachrichten zu senden. Aber das Jodeln, wie ich es schätze, lebt von der Mehrstimmigkeit. Es sind eher getragene Stücke, bei denen sich die Melodien zwei-, drei- oder vierstimmig übereinanderlegen. Das klingt überall toll. Eine schöne Akustik hilft natürlich – aber ich habe wirklich schon überall gejodelt.
???: Gibt es in Freising Orte, an denen es sich besonders schön jodelt?
Oh ja! Einmal im Monat singen wir im Kreisbildungswerk in der Kammergasse. Das Gebäude ist ein wunderschöner Altbau mit extrem hohen Decken und einem fantastischen Treppenhaus, das über mehrere Stockwerke geht. Zur Halbzeit unseres Kurses gehen wir immer aus dem Seminarraum raus in diesen Gang, weil der Klang dort einfach gigantisch ist.
Ein anderes Highlight war ein Jodeln in der Krypta des Freisinger Doms in der Adventszeit. In dieser andächtigen Stille ganz leise Jodler zu singen war wirklich ein Gänsehautmoment. Aber ich habe auch schon vom Weihenstephaner Berg oder vom Domberg hinuntergesungen. Das gibt einem sofort dieses klassische Gefühl, am Gipfel zu stehen.
???: Kann jeder jodeln lernen, oder braucht es dafür ein besonderes Talent?
Wer sprechen kann, kann singen, und wer singen kann, kann auch jodeln. Im Grunde kann es jeder lernen, man muss es einfach ausprobieren. Natürlich ist es von Vorteil, wenn man die Töne halbwegs trifft, aber ich habe auch schon mit vielen Menschen gesungen, die damit anfangs Mühe hatten und trotzdem riesigen Spaß hatten. Beim Jodeln nutzt man eine spezielle Technik: den bewussten und hörbaren Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme, den sogenannten Kehlkopfschlag. Das kann man trainieren. Aber anatomisch bringt jeder Mensch die Voraussetzungen dafür mit.
???: Wenn ich das bei Ihnen lernen möchte: Wie viel Zeit muss ich einplanen? Eine Stunde, ein Wochenende oder ein halbes Leben?
Am besten ein halbes Leben! Nein, im Ernst: Man lernt jeden Jodler einzeln wie ein eigenes Lied. Wenn man es nur mal ausprobieren möchte, reicht eine halbe Stunde, um einen einfachen mehrstimmigen Jodler einzustudieren. Wenn die Leute schnell sind, klappt das sogar in einer Viertelstunde. Um richtig Feuer zu fangen, empfehle ich unseren zweistündigen Singkreis oder ein Samstagsseminar, wie ich es zum Beispiel an der Volkshochschule in Pfaffenhofen anbiete. Man kann auch ein ganzes Wochenende durchjodeln – das hängt ganz davon ab, wie viel die eigene Stimme konditionell mitmacht.
???: Stecken hinter den Jodelsilben eigentlich Botschaften wie in einem Gedicht, oder ist es reiner Klang?
Die Silben selbst haben keine tiefere Bedeutung. Es gibt allerdings starke regionale Unterschiede: Im Bayerischen Wald nutzt man ganz andere Jodelsilben als in Niederösterreich. Warum das so ist, weiß man gar nicht genau. Manche Jodler wurden nachträglich vertextet, um die Stimmung des Stücks mit einem bayerischen Vierzeiler aufzugreifen. In der Jodelszene gibt es durchaus bekannte Komponisten und Urheber.
???: Sind Jodler also auch GEMA-pflichtig?
Bei modernen, namentlich bekannten Komponisten vermutlich schon. In der Volksmusikszene ist es aber oft so, dass die Urheber sagen: „Ich habe es zwar geschrieben, aber bitte tragt es einfach weiter. Ich will, dass das Stück lebt.“ Wenn man ein Stück kommerziell nutzen möchte, muss man das im Einzelfall natürlich prüfen. Aber viele traditionelle Stücke tragen ohnehin nur Namen wie „Am Hansl seiner“ oder „Der von meinem Vater seinem Vater“ – da weiß man einfach nur, wer es früher am liebsten gesungen hat.
???: Haben Sie eigentlich schon mal ein Jodelverbot bekommen?
Tatsächlich ja! Allerdings nicht ich allein, sondern in der Gruppe. Wenn man lustig im Wirtshaus zusammensitzt und jeder noch einen Jodler weiß, kann es schnell mal vier oder fünf Uhr morgens werden. Wenn man dann im Gang des Wirtshauses noch Vollgas gibt, bekommt man schon mal einen Rüffel vom Wirt, dass jetzt bitte Ruhe sein muss, weil die Nachbarn schlafen wollen.
Handgemacht statt Plastik: Was ist echte Volksmusik?
???: Woran erkennt man echte Volksmusik eigentlich, wenn man sie hört?
Da gibt es ein paar klare Kriterien. Erstens folgt Volksmusik immer einem bestimmten Schema. Wer sein Instrument beherrscht, kann relativ leicht mitspielen – selbst wenn er die Melodie noch nie gehört hat. Die Harmonisierung funktioniert nach festen Mustern, ganz ähnlich wie beim Blues-Schema.
Zweitens ist es die ursprüngliche Instrumentierung. In der klassischen bayerischen Volksmusik gibt es keinen E-Bass und kein Schlagzeug – Letzteres höchstens in der Blaskapelle im Bierzelt. Verstärkte Instrumente gehören da nicht hin. Drittens ist das Repertoire meist über Jahrzehnte und Jahrhunderte überliefert. Natürlich erfinden die Leute auch heute noch neue Märsche und Melodien, aber der Kern ist tradiert.
???: Gibt es einen Aspekt der bayerischen Volksmusik, den wir heute noch nicht beleuchtet haben?
Die bayerische Volksmusik hat unglaublich viele instrumentale Facetten, die man sich unbedingt alle einmal anhören sollte. Es gibt fantastische Geigenmusik, klassische Blasmusik, Tanzmusikkapellen mit gemischter Besetzung oder virtuose Stücke auf der diatonischen Harmonika. Die Bandbreite ist riesig. Um das zu erleben, muss man allerdings ein bisschen gezielt suchen – es ist bei uns leider nicht wie in Irland, wo an jeder Ecke in den Pubs Livemusik gespielt wird. Wer gute, ehrliche Volkskultur sucht, findet tolle Tipps auf der Website des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege.
???: Gehört zur Volksmusik zwingend auch Gesang?
Ich singe leidenschaftlich gern bayerische und deutsche Volkslieder. Wenn ein Volkstanz mit einer Melodie versehen ist, geht er auch leichter in die Beine. Welche Themen darin behandelt werden? Es geht um die klassischen Themen der menschlichen Existenz: Liebe, unerwiderte Liebe, den Arbeitsalltag und das gesellige Leben. Das Bayerische hat dabei oft einen etwas derberen, humorvollen Touch. Manche Lieder sind sehr regional geprägt – wie die Lieder der Hopfenzupfer oder die G´stanzl, die man außerhalb Bayerns eher weniger kennt. Wir haben einfach einen riesigen Liedschatz mit Trink- und Wirtshausliedern, den es zu erhalten gilt.
Mitmachen statt Zuschauen: Volkstanz und Singkreis für alle
???: Wenn Jodeln nicht so intuitiv ist wie das Singen von „Happy Birthday“ – warum wollen die Leute es trotzdem lernen?
Weil man ein extrem schnelles Erfolgserlebnis hat. Viele Jodler bewegen sich in einfachen Dreiklängen, das versteht man musikalisch sehr schnell. Außerdem lernt man die eigene Stimme ganz neu kennen und verlässt seine Komfortzone.
Unter der Dusche oder im Auto singen viele, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Beim Jodeln geht es gar nicht darum, jeden Ton perfekt zu treffen, sondern um das befreiende Gefühl, in der Gemeinschaft die eigene Stimme auszuprobieren. Wenn mal ein Ton komplett danebengeht, lachen alle gemeinsam. Genau das will ich mit meinen Freizeitangeboten erreichen: eine gute Zeit ohne Leistungsdruck. Es gibt bei mir auch kein „Jodeldiplom“ mit Abschlussnote!
???: Ihr Singkreis – ist das ein fester Chor oder eine offene Runde?
Es ist ein absolut offenes Angebot. Wir treffen uns einmal im Monat im Katholischen Kreisbildungswerk. Ich arbeite immer mit den Leuten, die an dem Abend gerade da sind. Es gibt keine Verpflichtung. Wer mal ein paar Monate aussetzt oder erst nach zwei Jahren wiederkommt, ist genauso herzlich willkommen.
Viele schätzen genau diese Ungezwungenheit, weil sie keine Zeit für wöchentliche Proben haben oder glauben, sie seien „nicht gut genug für einen echten Chor“. Viele tragen ja dieses Trauma aus der Schulzeit mit sich herum, wo ihnen mal ein Lehrer gesagt hat, sie könnten so gar nicht singen. Bei mir erleben sie, wie viel Freude das gemeinsame Singen macht.
???: Gilt diese Offenheit auch für den Volkstanz?
Absolut. Unser Volkstanzabend im Freisinger Augustiner findet immer am dritten Dienstag im Monat statt. Es spielen Musikanten live auf, und es ist ein offenes Angebot für jeden. Zu meinen Kursen kann man kommen, wie man will – in Jeans, Jogginghose oder eben in Tracht. Mir ist wichtig, dass die Hemmschwelle so niedrig wie möglich ist. Manchmal setzen sich Touristen dazu, weil sie die Livemusik hören, und ehe sie sich versehen, tanzen sie mitten in der Menge mit.
???: Muss man paarweise erscheinen, oder kann man auch allein kommen?
Man kann absolut allein kommen. Wir haben in Freising mittlerweile einen festen Stamm an Tänzern, der jedes Mal durch Neulinge bereichert wird. Wir wechseln bei den Tänzen ohnehin ständig die Partner. Dass Frauen miteinander tanzen, war sowieso noch nie ein Problem, und mittlerweile wird es auch normaler, dass mal zwei Männer zusammen tanzen oder Frauen die führende Männerrolle übernehmen. Am Tanzboden sind alle gleich.
???: Wer meldet sich zu Ihren Kursen an? Sieht man da eher Frauen oder Männer?
In den regulären Kursen sind es zu zwei Dritteln Frauen. Das Durchschnittsalter liegt bei etwa 50 Jahren – die meisten Teilnehmer sind zwischen 45 und 55 Jahren alt, wobei von 30 bis 70 alles dabei ist. Ganz anders ist es, wenn ich in größeren Kontexten jodle, zum Beispiel auf dem Brass Wiesn Festival in Eching. Da singen dann plötzlich 300 junge Leute zwischen 17 und 45 Jahren mit mir. Das ist eine fantastische Mischung.
???: Was kosten diese Angebote eigentlich? Und reicht das für Sie als Hauptberuf?
Der Eintritt zum Tanzen und zum Singen kostet acht Euro pro Nase. Den Veranstaltern und mir ist es sehr wichtig, dass die Gebühren moderat bleiben, damit wirklich jeder teilnehmen kann.
Es ist allerdings nur ein Teil meiner Selbstständigkeit. Die andere Hälfte meines Einkommens sichere ich über meine Anstellung an einer Fachakademie für Sozialpädagogik ab, wo ich angehende Erzieherinnen im Fach Musik- und Bewegungserziehung unterrichte. Außerdem gebe ich privat Klavierunterricht. Aus diesen verschiedenen Bausteinen setzt sich mein Berufsleben zusammen.
Dialekt, Schule und der berüchtigte „Zwiefache“
???: Kann jemand, der nicht aus Bayern kommt, die Lieder überhaupt verstehen?
Mitsingen ja, wenn der Text vorliegt. Aber das direkte Verstehen ist tatsächlich manchmal eine Hürde. Selbst in meinem Singkreis stolpern wir regelmäßig über uralte bayerische Begriffe. Manchmal muss ich selbst in den Fußnoten der Liederbücher nachschauen, was ein Wort bedeutet, weil es im modernen Sprachgebrauch längst ausgestorben ist. Aber man muss ja nicht jedes Wort sezieren – man kann sich auch einfach dem Klang hingeben. Und ganz ehrlich: Wenn ich ein plattdeutsches Lied aus Hamburg höre, verstehe ich auch erst mal nur Bahnhof. Das ist ja gerade das Schöne an der Vielfalt der Dialekte.
???: Ist Dialekt für Sie eine Berechtigung zur Abgrenzung oder eine Bereicherung?
Eine absolute Bereicherung! Mir ist es wichtig, dass man beides beherrscht – das Hochdeutsche und den Dialekt. Wenn Sprachbarrieren entstehen, fühlen sich Menschen schnell ausgeschlossen, das fände ich schade. Bei mir läuft das wie auf Knopfdruck: Wenn mich jemand auf Bayerisch anspricht, antworte ich automatisch auf bayerisch. Dialekte sind ein unschätzbares Kulturgut und voller wunderbarer, treffender Redewendungen. Wenn das alles in einem sprachlichen Einheitsbrei ausstirbt, wäre das ein herber Verlust.
???: Steht bayerische Volkskultur eigentlich auf dem Lehrplan der Schulen?
Früher war das nicht so, mittlerweile aber ja. Nur an der Umsetzung scheitert es oft. In der zehnten Klasse am Gymnasium steht im Musikunterricht z.B. Tanzen auf dem Programm aber da haben die Lehrer die Wahl zwischen allen möglichen Tanzformen, auch Menuetten, folkloristischem Tanz aus anderen Ländern oder eben bayerischem Volkstanz.
Es gibt zwar lobenswerte Initiativen, wie den Verein für bayerische Sprache oder Schulungen des Landesvereins für Heimatpflege, die Lehrkräfte und Erzieherinnen in diesem Bereich fit machen möchten. Aber dass es flächendeckend Einzug in die Schulen hält, ist leider eher noch nicht der Fall. Das wäre natürlich wünschenswert für die Zukunft. Auch Kindern ohne bayerische Wurzeln oder ohne Deutschkenntnisse macht das nämlich riesigen Spaß – Dialekt und Tanz sind spielerische Brücken.
???: Gibt es einen Tanz, der für diese Region besonders typisch ist?
Was wir hier sehr viel tanzen, sind die sogenannten „Zwiefachen“. Das ist eine bayerische Besonderheit. Die verschiedenen bayerischen Bezirke diskutieren zwar leidenschaftlich darüber, ob der Zwiefache nun ursprünglich aus der Oberpfalz, aus Niederbayern oder aus Oberbayern stammt, aber fest steht: Er ist ein absolut faszinierendes Kulturgut und seit 2016 sogar immaterielles Weltkulturerbe!
???: Was macht den Zwiefachen so besonders?
Er zeichnet sich durch einen ständigen Taktwechsel aus. Während ein Walzer durchgehend im Dreivierteltakt steht und eine Polka im Zweivierteltakt, wechselt der Zwiefache unvorhersehbar genau zwischen diesen beiden Taktarten. Um das tanzen zu können, muss man extrem auf die Melodie und die Begleitung hören. Man wechselt ständig zwischen dem Walzerschritt und dem Dreherschritt. Für die Musikanten ist es fantastisch zu spielen, und für die Tänzer ist es eine wunderbare mentale Herausforderung. Oft hat man den Taktwechsel erst genau in dem Moment kapiert, in dem das Stück vorbei ist. Genau das reizt natürlich und macht unglaublich viel Spaß.
6. Von Kitsch und Tradition: Die Rolle von Tracht und Tourismus
???: Welche Bedeutung hat die Tracht für Sie persönlich?
Tracht ist etwas Wunderschönes und sehr Praktisches: Man ist sofort gut und passend angezogen. Aber ich hatte in meiner Jugend bestimmt zehn Jahre lang kein Dirndl.Damals beim Volkstanz wurde ich von älteren Leuten manchmal blöd angeredet, weil ich in normalen Klamotten kam. Da dachte ich mir: „Ich bin jung, ich will einfach nur tanzen – es ist doch völlig egal, was ich anhabe!“
Diese Meinung vertrete ich heute noch. Ich besitze mittlerweile einige Dirndl und trage sie gern. Aber zu unseren monatlichen Tanzabenden gehe ich oft ganz normal in Zivil. Nur weil man bayerisch tanzt oder jodelt, muss man nicht zwingend Tracht tragen.
???: Wie sehen Sie es, wenn Touristen sich ein Dirndl oder eine Lederhose kaufen? Reagiert man da als Ur-Bayerin empfindlich?
Überhaupt nicht, ich finde das positiv! Es kommt allerdings darauf an, was sie kaufen. Auf dem Oktoberfest sieht man leider oft Auswüchse, die mit echter Tracht nichts mehr zu tun haben: Neonfarben, Rüschen-Overload, Kunstlederhosen mit Glitzer – das ist eher Fasching. Aber wenn sich jemand eine schöne, schlichte Tracht kauft, steht das eigentlich jedem. Warum sollten Touristen das nicht tragen? Es gibt ihnen das Gefühl, dazuzugehören, und man sieht in einer gut geschnittenen Tracht einfach immer gut aus.
???: Ist diese bayerische Volkskultur eigentlich nur für die Einheimischen interessant, oder begeistert das auch internationale Gäste aus Amerika oder Asien?
Die meisten internationalen Gäste, mit denen ich bisher gearbeitet habe, fanden es großartig. Natürlich gibt es kulturelle Unterschiede. Letztes Jahr habe ich auf einer Veranstaltung die Erfahrung gemacht, dass sich Reisegruppen aus Japan beim Volkstanz manchmal etwas schüchtern anstellen, weil man sich beim Tanzen eben sehr nahekommt und anfasst. Aber Amerikaner, Australier oder Südamerikaner z.B. sind meistens sofort Feuer und Flamme. Ich habe in Schulen auch schon Tanzprojekte mit Austauschschülern aus Schottland, Finnland und Italien gemacht – die Jugendlichen waren alle begeistert dabei.
In den 1980er/90er-Jahren gab es bei uns im Land eine Phase, in der bayerischer Volkstanz bei der Jugend als total uncool galt. Das hat sich ab den 2000er-Jahren von München aus wieder komplett gedreht. Die Szene ist viel offener und freier geworden, und heute finden es auch viele junge Leute wieder richtig cool, mitzumachen.
7. Botschafterin für das Lebensgefühl: Heimat und Zukunftswünsche
???: Sie sind auch offizielle Bayern-Botschafterin. Wie wird man das? Wird man da gekrönt wie eine Weinkönigin?
Nein, man wird eher rekrutiert. Ich bekam erst eine E-Mail und dachte zuerst, die hätten sich im Empfänger geirrt. Dann rief mich eine Dame aus München an und fragte, ob ich Lust auf diese Aufgabe hätte. Ich habe mich natürlich wahnsinnig geehrt gefühlt.
Die Bayernbotschafter dürfen das Reiseland Bayern repräsentieren und die enorme Bandbreite an Künstlern, Handwerkern und interessanten Persönlichkeiten vertreten. Wenn beispielsweise internationale Reisegruppen nach Bayern kommen und als Programmpunkt ein authentisches Jodel- oder Tanzerlebnis buchen möchten, werde ich kontaktiert.
???: Was macht Sie persönlich eigentlich typisch bayerisch?
Das ist eine lustige Frage. Ich war einmal im Urlaub auf den Fidschi-Inseln und eine Australierin sagte zu mir: „Ich wusste sofort, dass du aus Bayern kommst, du siehst so bayerisch aus!“ Dabei trug ich weder Flechtfrisur noch Dirndl.
Ich lebe einfach wahnsinnig gern hier. Ich mache auch am liebsten in Bayern Urlaub, weil es bei uns so wunderschön ist. Wir haben zwar kein Meer, aber dafür sensationelle Berge, Seen, Flüsse und fantastisches Essen. Ich bin einfach ein Fan der bayerischen Volkskultur: Ich gehe gern aufs Volksfest, trage Tracht, spiele viel Schafkopf, tanze, singe und spiele unsere traditionelle Musik. Viel bayerischer geht es wahrscheinlich kaum. Nur beim Bier muss ich passen – das schmeckt mir nicht. Und ich lebe seit dem letzten Fasching vegetarisch. Die traditionelle Weißwurst fällt für mich also flach, ich halte mich dann nur an die Breze, die es immer dazu gibt.
???: Sie wohnen seit 2010 in Freising. Was hat Sie hierhergeführt und was zeigen Sie Besuchern?
Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, das nur eine Viertelstunde von hier entfernt liegt, und ging schon hier aufs Gymnasium. Freising hat für mich die perfekte Größe: Man kennt viele Leute, kann sich bei Bedarf aber auch noch aus dem Weg gehen.
Wenn ich Besuch von Freunden bekomme, gehört der Domberg mit dem Dom und dem neu gestalteten Diözesanmuseum (DiMu) unbedingt auf die Liste. Die Aussicht von dort oben ist fantastisch. Auch der Weihenstephaner Berg ist wunderschön. Man kann herrlich durch die Schaugärten der Hochschulen flanieren, im Bräustüberl einkehren und den Blick Richtung München genießen. Auch der Schafhof, der etwas außerhalb auf einem anderen Hügel liegt, ist toll für Spaziergänge am Waldrand. Das Schöne an Freising ist, dass man alles wunderbar zu Fuß erreichen kann: ein bisschen Isar, ein bisschen Berg und dazwischen gut essen gehen oder an der Moosach sitzen, ratschen und was trinken.
???: Wenn Sie einen Wunsch für das bayerische Volkstümliche frei hätten: Was wäre das?
Da muss ich vorab kurz einhaken: Sagen Sie bitte niemals „volkstümlich“! Das „Volkstümliche“ ist das Künstliche mit E-Gitarren, Rüschen und Playback, das man leider aus dem Fernsehen kennt. Wir sprechen lieber von Volkskultur.
Mein Wunsch für die Volkskultur wäre, dass es auf jedem Bürger- und Stadtfest in Bayern einen festen Programmpunkt für den gemeinsamen bayerischen Volkstanz gibt. Dass nach dem Grußwort des Bürgermeisters ganz selbstverständlich bayerische Musik spielt und z.B. alle zusammen einen Auftanz machen. Und zum Abschluss wird dann gemeinsam im Wirtshaus gejodelt. Das fände ich genial. Und ganz wichtig: Bitte im Bierzelt nicht Discofox tanzen, wenn doch die Polka viel besser passt!
???: Herzlichen Dank für das Gespräch!
Sehr gerne, danke auch!
(SMC)



