17. Nov. 2019

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Die Düsseldorfer Theaterkantine ist bekannt für gefühlvolle Theaterstücke. Mit dem Gastspiel „Carmen“ wagt sie sich nun an ein ganz neues Genre – und verbindet es mit den eigenen Kernkompetenzen. Erzähler Viktor begleitet das Publikum mit Fragen und Impulsen durch die Handlung der „komischen Oper“, die am 3. März 1875 in Paris ihre Uraufführung feierte. Erhalten geblieben sind die Protagonisten, die Handlung und auch der französische Gesang. Und doch ist vieles anders bei „Carmen“ in der Theaterkantine. Deutsche Dialoge helfen die Handlung zu verstehen. Kürzungen sorgen für Kurzweil. Kulinarische Köstlichkeiten gibt es vor, während und nach der Oper. Statt auf riesige Kulissen und Massenszenen setzt man in der Theaterkantine auf eine familiär-freundliche Atmosphäre, vier Sängerinnen und Sänger und einen Pianisten. Das genügt, um Begeisterung für eine Oper zu wecken.

Die Theaterkantine versteht es, ihre Gäste aus dem Alltag in ihre eigene Welt zu entführen. Am Vorabend erhalten die Besucher eine Erinnerungs-SMS. Im Treppenhaus sind Kerzen aufgestellt. Die persönliche Begrüßung bei Oliven und einem Aperitif schafft Wohnzimmeratmosphäre. Im Saal steht Rüdiger Fabry alias Viktor auf der Bühne. Als Erzähler blättert er zu Klavierklängen in den Noten der Oper. Dazu spielt Pablo G. Vico am Klavier. Wir befinden uns in Sevilla – irgendwo um das Jahr 1820. Zigarettenfabrik und Garnison muss man sich vorstellen, doch die Stimmen sind live und die Kostüme gelungen. Micaela hat ihren ersten Auftritt – und zeigt unübersehbares Interesse am Soldaten Don Jose. Während im Original nur in Französisch gesunden wird, gibt es in „Carmen“ á la Theaterkantine deutsche Dialoge. Dann kommt das Zigeunermädchen Carmen auf die Bühne. „Carmen, du heiße Braut“, begrüßt sie Viktor, der unausgesprochen auch die Rolle des Leutnant Zuniga übernimmt. Doch zunächst hat Don Jose nur Augen für die in schwarz-weiß gekleidete Micaela. In der Fabrik ist Carmen in eine Messerstecherei geraten und soll deshalb von Don Juan verhaftet werden. Anfangs entschlossen, der Anweisung Folge zu leisten, lässt er sich von der temperamentvollen Carmen verführen und lässt sie laufen. Dafür wird er selbst inhaftiert.

Der zweite Akt spielt einen Monat später in einer Taverne. Passend dazu wird den Gästen der Theaterkantine nun auch Wein serviert. Gesang und Tanz mit Kastagnetten zeugen von der guten Stimmung. Carmen erfährt, dass Don Juan aus der Haft entlassen wurde und auf dem Weg zu ihr ist. Ebenfalls in der Taverne ist der Stierkämpfer Escamillo, der sich Hals über Kopf in Carmen verliebt. Das Ganze mündet in lange Gesangsstücke – bis Erzähler Viktor auf der Bühne einschläft. „Ihr habt zu lange gesungen“, erklärt er und fordert einen schnelleren Fortgang der Handlung. Als er in der Rolle des Offiziers von den Zigeunern und Don Juan entwaffnet wird, ist diesem der Weg zurück in sein Alltagsleben versperrt. Er muss mit Carmen und ihren gesetzlosen Freunden in die Berge ziehen. Das Ende des zweiten Akts bedeutet für die Theaterbesucher zehn Minuten Pause – mit kleinen Häppchen, Pimientos de Padrón und guten Gesprächen.

Im dritten Akt spitzt sich alles zu. Carmen will frei sein. Beim Tarot sagen die Karten ihr den Tod voraus. Und dem verliebten Don Juan, der sein bisheriges Leben für sie aufgegeben hat, kann sie nur sagen, dass sie immer noch nicht weiß, ob sie ihn liebt. Dass auch Micaela und Escamillo mit den anderen Protagonisten zusammenkommen, macht die Situation noch brisanter und die Grundlage für das große Finale vor der Stierkampfarena in Sevilla ist gelegt. Ob es gut ausgeht? Oder Carmen wie in der klassischen Oper den Tod findet? Das erfahren die Besucher der Theaterkantine nach knapp zwei Stunden. Anschließend bleibt Zeit für ein leckeres Abendessen im Foyer – mit Tapas, kühlem Wein und guter Stimmung. Die nächsten (aktuell noch nicht ausverkauften) Aufführungen von „Carmen“ finden am 22. Januar sowie 18. und 19. Februar 2020 statt. Karten zum Preis von 68 Euro gibt es telefonisch (0211/59896060) und über Internet.

(SMC)