26. Mai. 2022

Hören

Was ist das Erfolgsrezept von Peter Maffay?

Ich glaube, es gibt kein Rezept für Erfolg. Man darf keine Rechenaufgabe daraus machen und sein Verhalten danach orientieren. Das funktioniert nicht, das wäre Prostitution. Und das merken die Menschen, denn es führt über kurz oder lang zu Brüchen, die man nicht kitten kann. Es muss schon wahr sein, was man an Haltung zeigt. Auch wenn einem diese Haltung nicht immer gelingt. Man wird stolz, man entfernt sich manchmal von sich selbst, man durchläuft Lebensphasen, in denen man die Kraft nicht mehr entwickelt, diese ganzen Anspannungen wegzustecken und trotzdem locker zu bleiben und die Übersicht zu behalten. An diesen Folgen sind sehr viele Leute schon zerbrochen. Das ist mit ein Grund warum Leute kommen und gehen. Man braucht gute Begleiter und ein stabiles Umfeld. Der Grund, warum es mich gibt, wie du mich hier siehst und mit dem was ich mache liegt darin, dass wir Musik machen, die uns nach wie vor viel Spaß macht. Sie bietet uns viele Möglichkeiten der Entfaltung, der Verwirklichung. Musik ist nach wie vor ein unschlagbares Medium, um Dialog zu entfachen und um Emotionen auszutauschen. Mir macht es immer noch wahnsinnig viel Vergnügen auf eine Bühne zu gehen. Wir versuchen unser Ding so gut wie möglich zu machen.

Wie begegnest du deinen Fans?

Man tritt sehr unterschiedlichen Leuten gegenüber, ob das auf der Bühne ist oder auf der Straße. Die Art und Weise wie man auf Leute zugeht oder Leute auf sich zukommen lässt, ist ganz entscheidend. Du kannst dich abkapseln oder einigeln. Du kannst so leben, dass du von den Belangen anderer, von deren Nöten und Problemen nicht tangiert bist. Doch dann findest du in einer großen Entfernung zum Publikum statt. Das kann nicht wirklich lange gut gehen. Ich suche deshalb das Gespräch und den Kontakt zu meinen Fans.

Siehst du dich als Promi?

Dieses Wort ist ein Unwort: prominent. Prominent heißt herausragend oder anders. Also wenn mir einer begegnet, der drei Hände und zwei Köpfe hat, dann würde ich sagen, der ist prominent. Es gibt Leute mit einer menschlich herausragenden Haltung. So gesehen sind viele prominent. Jede Krankenschwester und alle anderen Leute, die von Idealismus getrieben werden. Die sind am ehesten herausragend. Leute, die sich in tolle Klamotten hüllen, um auf irgendwelchen Partys umsonst Champagner zu trinken, die sind schön anzusehen. Es ist vielleicht amüsant, es ist auch legitim. Doch was bedeutet das? Es kann nicht wirklich viel bedeuten. Solche Promis spielen überhaupt keine Rolle.

Wie hat deine Musik-Karriere begonnen?

Mein Einstieg in die Musik war ungewöhnlich. Ich habe mit Musik Berührung gefunden und es hat mir keinen Spaß gemacht. Ich habe sieben Jahre lang Geige gespielt und das eher mittelmäßig. Ich war damals vielleicht sieben oder acht Jahre alt, da konnte ich nicht sagen „Mama, die Geige interessiert mich nicht, kauf mir lieber eine Gitarre, da stehe ich viel mehr drauf.“. Ich wusste auch gar nicht, was eine Gitarre ist mit sieben, aber mit vierzehn habe ich dann gesagt: „Diese Geige, die kann mich mal.“
Ich glaube jeder in der Familie, der Kindern Musik nahe bringt, der tut etwas Gutes. Gibt es eine bessere Sprache, die nonverbal funktioniert? Mit der man Emotionen austauschen kann? Die man versteht, ohne dass man miteinander redet? Musik ist die beste Sprache.

Wie begeistert man Jugendliche zu mehr Engagement in der Gesellschaft?

Ich glaube, dass man sein Interesse an einem Thema entdecken muss. Und wenn Jugendliche wenig Interesse an der Gesellschaft haben, dann ist es noch nicht der richtige Zeitpunkt oder sie wurden an diesen Punkt nicht herangeführt. Lehrer und Eltern haben da eine Aufgabe. Die müssen zu Hause oder im Unterricht darauf einwirken, dass jemand anfängt Lust zu empfinden über diese Themen nachzudenken und es als kreativ empfindet und nicht als Belastung, über die Gesellschaft nachzudenken. Mitdenken, sich einbringen in einen demokratischen Prozess kann auch Spaß bedeuten. Man muss kapieren, dass unsere Gesellschaft auf Mehrheitsentscheidungen ausgerichtet ist. Dinge passieren nicht so schnell, wie man sich das vorstellt. Mit einem Fingerschnipsen ein dickes Thema lösen, das geht halt nicht. Da kann man sich nur einbringen und mit Geduld und Stetigkeit mit anderen zusammen Mehrheiten bilden und die Verhältnisse ändern.

Begeistert deine Musik Jugendliche?

Ich hoffe es. Es wäre schön, wenn es so wäre. Ich bin 55 und habe ganz viele Dinge erlebt, die ein Jugendlicher noch nicht erlebt hat. Deshalb beschäftigen mich auch ganz andere Dinge. Ich habe einen kleinen Sohn, der ist ein Jahr alt. Wenn ich in einem Song reflektiere, was es für mich bedeutet, dann ist das ein Thema, das einen 15jährigen überhaupt nicht interessiert. Wenn der mit einem Mädchen ins Bett steigt, dann denkt der an Spaß haben, aber nicht an Babys.

Was ist das Wichtigste im Leben?

Ich sage dir einen Begriff, der für mich sehr wichtig ist: Liebe, zwischenmenschliche Liebe, Respekt im Umgang miteinander, Rücksicht, Platz machen, Freundschaft, Kontinuität, Sicherheit. Ich bin nicht der Erfinder der Liebe. Die gibt es seit es die Menschheit gibt. Ich finde, dass es keinen schöneren Begriff als Liebe gibt, so abgenudelt und missbraucht er auch wurde und immer wieder wird.

Wie siehst du illegale Musikdownload aus dem Internet?

Das ist ein Problem. Ein ganz großes sogar. Für den Verbraucher ist es ein günstiger Umstand, ohne finanziellen Aufwand an Musik ranzukommen: Aber es bleibt geistiger Klau, auch wenn manch einer das nicht gerne hören wird. Wenn sich einer etwas einfallen lässt, um davon zu leben, und das wird benutzt, ohne dass man dafür bezahlt, dann nimmt man ihm die Möglichkeit davon zu leben. Das ist so, wie wenn du jemandem einen Teller Suppe auf den Tisch stellst und ein anderer kommt und zieht ihm den weg und isst ihn weg. Nach einiger Zeit wird derjenige, der immer den Teller vorgesetzt bekommt, ihn aber nie auslöffeln kann, verhungern. Weltweit kommt da ein Schaden von etlichen Milliarden zusammen. Die ganze Branche erfährt einen Einbruch.

Welche gesellschaftlichen Trends machen dir Sorgen?

Ich denke, dass man nicht glücklich sein kann über das Auseinanderdriften der ganzen Kultur. Man kann nicht glücklich sein, dass in einer aufgeklärten Zeit wie der unseren immer mehr Isolation stattfindet. Die Integration, von der man hoffte, dass sie irgendwann die ganzen ethnischen Probleme lösen würde, scheint nicht überall zu funktionieren. Die Werte, die die westliche Welt vermittelt, scheinen für die anderen Kulturen nicht die richtigen zu sein und sie wehren sich dagegen. Da kommt es zu einer immensen Konfrontation, die für die Existenz der Menschheit äußerst gefährlich ist. Woher kommt das? Ich denke, dass Cola gut schmeckt, aber wenn einem vorgeschrieben wird, dass es gut zu schmecken hat, ist es nicht mehr gut. Und dieses Syndrom, das hat es immer wieder gegeben und es hat nie funktioniert. Immer, wenn eine Gesellschaft einer anderen etwas aufgedrückt hat und die damit bestimmen wollte, dann gab es einen Konflikt und diese Konflikte sind zum Teil sehr heftig gewesen. Im Grunde genommen bewegen wir uns im Moment wieder auf so etwas hin. Das ist schon sehr bedauerlich. Es geht einher mit der unfassbaren Machtentfaltung weniger. Einige wenige Menschen innerhalb einer dominanten Gesellschaft bestimmen die Mechanismen, die das auslösen. Also wenn Herr Bush die Welt an amerikanischen Werten gesunden sehen möchte, dann haben wir nichts andere als das, was es in der Geschichte schon oft gegeben hat, nämlich den Anfang eines riesigen Konfliktes. Und der wird größer sein als Vietnam.

Kann man als Künstler die Welt besser machen?

Ich habe nicht vor die Welt zu verbessern. Ich wehre mich auch gegen den Begriff Weltverbesserer. Vielfach wurden Leute in der Vergangenheit abgetan als Weltverbesserer von denjenigen, die es nicht gerne gesehen haben, dass Leute eine gewisse humane Gesinnung haben, weil es sie gestört hat. Das Prädikat Weltverbesserer ist also nicht immer positiv besetzt, doch im positiven Sinne braucht man ganz viele Weltverbesserer und dieses Welt verbessern sollte in jeder Familie und jeder Schule passieren, dann würde das Niveau sich verbessern, mit dem wir es zu tun haben. Jeder kleine Beitrag ist wichtig und die Summe aller Beiträge zusammen schafft Veränderung.

Was planst du für deine Zukunft?

Mein persönliches Ziel ist, dass ich so lange Musik mache, wie es mir Spaß macht. Außerdem beschäftige ich mich mit der Landwirtschaft. Vor zehn Jahren habe ich nicht gewusst, wie man einen Olivenbaum erntet oder wie man ein Schaf schert und jetzt weiß ich wie das geht. Das sind Dinge, die werden mich sicher beschäftigen. Das sind die Ziele, die ich habe. Ein weiteres Ziel wird sein zu sehen, dass mein Sohn in einer Umgebung aufwächst, die für ihn perspektivisch ist. Es wäre schön, wenn er begreift, was das Wort Öko bedeutet und was ein Ökobetrieb ist. Es wäre schön, wenn er kapiert und annimmt, was die Ideen dahinter sind. Wenn er ein natürliches schönes Gefühl entwickelt für seine Umgebung.

Wie öffentlich ist das Privatleben deiner Familie?

Ich möchte meinen Sohn vor der Presse schützen. Öffentlichkeit geht genau bis zu meiner Haustür. Der Voyeurismus der Gesellschaft, dem muss nicht Vorschub gegeben werden, indem du Tür und Angel öffnest und jeden in dein Schlafzimmer oder deinen Kochtopf gucken lässt. Das hat auch mit meiner Musik nichts mehr zu tun. Für mich wäre es unerträglich soweit zu gehen.

Würdest du dich freuen, wenn dein Sohn später Musiker werden möchte?

Wenn mein Sohn meint, dass es der Wahrheitsfindung dient. Mich hat mein Vater auch nicht daran gehindert Musiker zu werden.. Er hat mir sogar einen Verstärker gekauft, den ich mir nicht leisten konnte. Er hat allerdings irgendwann auch gesagt, wenn ich Musiker werden möchte, dass ich dann auch davon leben muss. Das war eine klare Ansage. Aber er ist nie gekommen und hat gesagt „Mach das nicht“. Es wäre ziemlich komisch, wenn ich das für mich in Anspruch nehme und meinem Sohn verwehren würde.

Wie sieht deine Musik in 2005 aus?

Wenn du polizeilich erfasst wirst, dann gibst du einen Fingerabdruck ab. Diesen Fingerabdruck wirst du in deinem ganzen Leben nicht verändern können und so ist es auch mit Musik. Noch im Januar erscheint mein neues Album. Die Open-Air Konzerte beginnen im Mai. Wir werden das neue Album auf der Tour spielen. Bei der Tour zeige ich mich selbst. Das heißt sehr viel, was da passiert, ist gitarrenorientiert. Es gibt sehr laute Stücke aber auch sehr sparsame Balladen. In diesem 180 Grad breiten Radius bewegt sich unsere Musik. Es ist sehr schwer Musik zu verbalisieren. Es gibt vier Gitarristen auf der Bühne, die die entsprechenden Wände von Verstärkern haben und die werden wir auch einsetzen. Es wird weitaus rockiger als Tabaluga. Es gibt Stücke, die relativ hart sind. Aber wir spielen auch mit akustischen Gitarren, wenn die Texte im Mittelpunkt stehen. Die meisten Dinge, die Menschen und auch Jugendliche begeistern, sind gar nicht so hart. Letztlich liegen sich ja doch alle bei Balladen in den Armen. Ich sage mal, das ist die Tendenz von Menschen. Das schließt nicht aus, dass man in gewissen Stimmungen zu einer härteren Gangart greift. Ich verstehe meine Musik sehr physisch, ich mag spielen und nicht klimpern. Ich habe Lust auf Bewegung auf der Bühne. Ich mag an den Bühnenrand gehen, ich springe auch manchmal runter, weil ich einfach näher an die Leute rankomme.

Bringt deine Musik Menschen ins Gespräch?

Ich glaube, dass Sprachlosigkeit keine Lösung ist. Sich nicht wahrzunehmen ist einfach ignorant. Ob man daraus etwas für sich mitnehmen kann, weiß man nicht, aber ein paar Minuten Zeit kann man für einander haben. Generationen reden ja viel zu wenig miteinander und sie relativieren viel zu wenig ihre Grenzen. Wo ist denn die Generationengrenze? Ist es die Kleidung? Die Haarlänge? Die Gesinnung? Die Anzahl der Jahre oder der Hautfalten? Was ist das Kriterium? Oder ist es nicht vielmehr so, dass man für die Menschen etwas macht und dass es 80jähige Jugendliche und 20jährige Greise gibt? Es gibt Leute, die haben gerade ihre Milchzähne abgegeben und sind schon alt und es gibt andere, die können kaum noch laufen und haben eine Gesinnung wie ein junger Mensch. Wenn sich jemand diese Vitalität behält, dann wahrscheinlich deswegen, weil er sich nicht scheut, die Grenzen, die die Konventionen vorgeben, in Frage zu stellen. Gesinnung kennt kein Alter. (SMC)