20. Okt. 2020

Reisen

Für einen Urlaub im Chiemgau ist der kleine Ort Amerang der ideale Ausgangspunkt. Das einzige Dorf Bayerns mit drei Museen hat seinen Gästen eine Menge zu bieten. Engagierte Menschen sorgen seit Generationen dafür, dass Amerang angenehm anders ist – und deshalb besonders lebenswert. Bei einem Rundgang durch die Ortschaft trifft man Menschen, denen ihr Ort am Herzen liegt – und die mit Engagement und Kreativität dafür sorgen, dass die Gemeinde im Voralpenland ihren ganz eigenen Charakter entwickelt hat.

Einer von ihnen ist Stefan Kaiser. Der 56jährige Zugbegleiter ist seit zehn Jahren erster Vorsitzender der Chiemgauer Lokalbahn e.V.. Sein Verein hat es geschafft, dass die stillgelegte Bahnstrecke von Bad Endorf über Amerang nach Obing wieder in Betrieb ist. Seit 2006 fahren die ehrenamtlichen Vereinsmitglieder mit dem Triebwagen auf der Strecke, die sie 2014 kaufen und so dauerhaft sichern konnten. „Das ist eine Leidenschaft“, beschreibt Stefan Kaiser den Antrieb der rund 140 Vereinsmitglieder. Jeden Sonn- und Feiertag in der Saison geht es mit 50 km/h dreimal hin und her zwischen den beiden Bahnhöfen. Die landschaftlich reizvolle Strecke zwischen sanften Hügeln, Wäldern und Wiesen bietet Gästen an diesen Tagen zudem die Möglichkeit über Bad Endorf mit der „LEO“ genannten Dieseltriebwagen anzureisen. Sogar das Fahrrad kann kostenlos mit.

Eine ganz andere Leidenschaft hat Sepp Flötzinger. Der Unternehmer, der auf einem Bauernhof mit Tieren aufgewachsen ist, hält neben seinem Wohnhaus Kängurus. 14 Wallabees und zwei Graue Riesen hüpfen über die Wiese unweit des Kirchturms am Rande des Ortes. „Kängurus sind leise und stinken nicht – und fühlen sich hier wohl“, erklärt der Ameranger. Besonders freut er sich, wenn die Jungen der Kängurus nach sechs Monaten zum ersten Mal aus dem Beutel schauen. Streicheln dürfen die exotischen Tiere in erster Linie die Kinder aus den umliegenden Schulen, die der Unternehmer bei Gelegenheit zu den Kängurus einlädt. Alle anderen haben die Chance, die Beuteltiere durch den Zaun zu bestaunen.

Um Tiere geht es auch auf einem erst vor wenigen Jahren nach traditionellem Vorbild erbauten Dreiseithof am Rande des Ortes. Vom Wanderweg in das „Freimoos“ sieht man glückliche Hühner und Schweine, die gemeinsam auf einer riesigen Wiese leben. Im Hintergrund hört man Rinder und Pferde. Mit dem Hof haben die Besitzer ihren Traum verwirklicht alte Haustierrassen zu erhalten und den Nutztieren ein lebenswertes Leben zu schenken. Die Murnau Werdenfelser Rinder wachsen in Mutterkuhhaltung auf und brauchen drei Jahre statt der Hälfte wie in klassischer Intensivlandwirtschaft. Dafür ist die traditionelle Rasse nicht so schwer und deshalb gut geeignet für die Feuchtwiesen am Rande von Amerang. Ihr Fleisch gilt dem Wagyū- bzw. Kobe-Rind ebenbürtig und wird an ausgewählte Gastronomiebetriebe geliefert.

Von denen gibt es in Amerang gleich mehrere. Der Wirth von Amerang bietet seinen Gästen hausgemachten bayrischen Schmankerln. Beim Besuch in diesem Familienbetrieb kann man sich in alte Zeiten zurückversetzt fühlen. Im flackernden Kerzenschein schmecken die meist aus regionalen Zutaten gekochten Gerichte besonders gut. Der vom Feuer geschwärzte Kamin in der Mitte des Raumes sorgt genauso für Ambiente wie die rustikale und äußerst gemütliche Ausstattung. Auch der Biergarten vor dem Wirtshaus lädt zu einem Besuch ein. Immer zum Wochenende öffnet das Restaurant im Poidl. Der Feinkostladen am Dorfbach in Amerang stellt den Genuss in den Mittelpunkt – genau wie das Restaurant inmitten der Auslagen. Neben den immer neuen Hauptgerichten aus der Küche des Poidls überzeugen auch Vorspeisen wie das frische Tatar und der phänomenale Kaiserschmarn. Schmackhaft ist auch das neuerdings gleich im Laden aus besten Zutaten hergestellte Speiseeis. Auch für den kleinen Genuss zwischendurch wird man in Amerang fündig, zum Beispiel im Kramer EssCafé. Genießen kann man in Amerang auch einen regionalen Kräuterlikör. Der naturtrübe Benediktinerlikör wird von seinem Produzenten, Sepp Stein, humorvoll „Odl“ – bayerisch „Jauche“ –genannt. Sein Produkt entsteht nach einem an den Zeitgeist angepassten, historischen Rezept aus 21 Bio-Kräutern, Bio-Karamel, Bio-Zucker, Granderwasser und Bio-Alkohol. Mit seinem historischen Motorrad liefert Sepp Stein besonders guten Kunden seine Spezialität bis vor die Haustür. „Dazugehören ist wertvoll“, weiß Sepp Stein und engagiert sich deshalb seit Jahrzehnten für und in Amerang.

Nach einem guten Essen lohnt sich ein Rundgang auf dem Moorlehrpfad am Rande von Amerang. Der gut beschilderte Weg ist gerade bei schönem Wetter ideal, um die Natur zu erleben und anhand der Infotafeln eine Menge über die Natur zu lernen. Auch Familien können das Ökosystem Moor entdecken, denn für Kinder gibt es eine eigene Ausschilderung. Auch kulturell hat Amerang sehr viel zu bieten. Das Museum „EFA Mobile Zeiten“ lässt die Herzen von Autoliebhabern höher schlagen. Besucher können automobile Meilensteine vom Benz Patent Motorwagen aus dem Jahr 1886 bis zu Sportwagen-Klassikern der Gegenwart bestaunen. Bei der Zeitreise durch die Automobilgeschichte erlebt man die Automobilgeschichte und die gesellschaftliche Entwicklung des Landes anhand von 17 informativen Filmen aus der jeweiligen Zeit. Dazu sind 75 Autos aus der rund 300 Oldtimer umfassenden, privaten Sammlung des Unternehmers Ernst Freiberger senior ausgestellt. „Unser didaktische Ansatz besteht darin, Zeitgeschichte zu erzählen“, so Philipp Kennewell, technischer Leiter der EFA Mobile Zeiten. Eine Modelleisenbahn (Spur II) mit rund 650 Metern Gleis in einer abwechslungsreichen Modell-Landschaft ergänzt EFA Mobile Zeiten. Ebenfalls zu Amerang gehören das örtliche Bauernhausmuseum sowie Schloss Amerang.

Seit Sommer 2020 gibt es in Amerang ein neues Hotel mit viel Geschichte. Aus dem früheren „Familotel zum Steinbauer“ seiner Eltern, das bis 2015 bestand, hat Joseph Stein die letzten Jahre mit viel Liebe zum Detail ein modernes Business- und Urlaubshotel gemacht. Bewusst hat der junge Mann das Konzept komplett verändert. Zwar steht auch er in traditioneller Lederhose und Weste vor den Gästen, doch aus dem dunklen, eher rustikalen Interieur ist ein modernes Hotel mit hellem Holz, klaren Linien und moderner Ausstattung geworden. Die Geschichte des ehemaligen Bauernhauses geht auf das Jahr 1366 zurück. Seitdem befindet sich das Haus im Familienbesitz. Heute erinnern noch die alten Holzbalken, die Teil der neuen Architektur sind, an die lange Geschichte des Hauses. Die 42 Zimmer (vom Einzelzimmer bis zum Familienzimmer für bis zu sechs Personen) eignen sich sowohl für einen Urlaub in Amerang als auch für Geschäftsreisen oder Tagungen. Als Gastgeber steht Joseph Stein jeden Morgen selbst in der Küche und bereitet für die Gäste Eierspeisen wie  köstliche Rührei-Käse-Taschen zu. Auf dem Buffet stehen Honig und andere regionale Produkte – und bald auch kleine Schilder, die zu jedem Produkt angeben, wie weit der Produktionsort entfernt ist. Mit diesem „Kilometer-Frühstück“ will Joseph Stein die Gäste für den Wert regionaler Lebensmittel sensibilisieren. Auch an Lademöglichkeiten für E-Bikes hat Joseph Stein gedacht. Jedes Element der Ausstattung hat der junge Hotelier bewusst ausgewählt. Vom Logo, das einen stilisierten Hinkelstein zeigt, wie er schon immer im Garten des Hotels liegt, über die Möbel, auf denen der junge Hotelier beim Ausstatter probegeschlafen hat, bis hin zu den Schwarzstahl-Lampen passt alles harmonisch zueinander. „Grau mag ich saugern“, erklärt Joseph Stein die moderne Farbauswahl in seinem Hotel-Garni – und kündigt an die Zimmer nach und nach mit alten Ortsansichten auf Leinwand auszustatten. Denn auch die junge Generation hat sich bewusst für Amerang entschieden und ist auf dem Weg ihre eigene Geschichte zu schreiben.

(SMC)