21. Aug. 2019

Reisen

Lautlos schleichen Carlo, Emil, Franz und Toco sich an ihre Beute heran. Mit einem kurzen, schnellen Sprint stürzen die geschmeidigen Wildkatzen sich auf Mäuse, Vögel und andere Beutetiere. Erleben kann man das bei der regelmäßig stattfindenden Schaufütterung auf der Wildkatzenlichtung. Die vier in Gefangenschaft lebenden Wildkatzen in Hütscheroda stehen für mehr als 40 Artgenossen, die im Hainich in freier Wildbahn leben und meist ungesehen durch den Nationalpark Hainich schleichen. Die Region mit der Wildkatze als Symboltier ist als eine von weltweit nur 210 zur Weltnaturerbestätte ernannt worden. Damit ist der Hainich gleichauf mit weltberühmten Orten wie dem Great Barrier Riff oder dem Yellowstone Nationalpark.

Darüber freut sich nicht nur Waldbademeister Jürgen Dawo. Der erfolgreiche Unternehmer hat am Rand des Nationalparks seinen Traum von einem Wald Resort verwirklicht und lebt dort zugleich Entschleunigung. Wer mit Dawo in den Wald geht, den erwartet kein esoterischer Schnickschnack, sondern eine handfeste Mischung aus Wald-Wissen und Wald-Erleben. Drei Stunden braucht man auf jeden Fall für die nur 2,5 km lange Runde durch den Wald, denn an vielen Stellen gibt es etwas zu erzählen. Einst war der Hainich als Truppenübungsplatz für die Bevölkerung gesperrt. Deshalb haben im Kerngebiet große Buchenbestände überlebt. Teils ist der Wald schon seit mehr als 50 Jahren nicht mehr bewirtschaftet worden.

Wo ein Baum fällt, da bleibt er liegen. Wo ein Weg versperrt wird, muss sich ein neuer finden. „Natur Natur sein lassen“, nennt das Nationalparkleiter Manfred Großmann. Er ist von Anfang an dabei und weiß noch genau, wie man vor gut 20 Jahren mit dem Nationalpark begonnen hat. Bei einer E-Biketour durch den Nationalpark und an seiner Peripherie entlang zeigt Großmann alte Schießbahnen, historische Wegkreuze und Wegweiser wie die „Eiserne Hand“. Das wie eine Hand geformte Metall zeigte einst dem Lesen nicht kundigen Kutschern den Weg. Manche Bäume scheinen direkt aus der Märchenwelt zu kommen. Eine davon ist die mystisch anmutende Betteleiche.

Wer den Wald aus einer ungewohnten Perspektive kennenlernen möchte, fährt zum Baumkronenpfad. Dieser bringt die Besucher auf die Höhe der Baumkronen. Auf einem sicheren Weg kann man sich die Bäume so auf Augenhöhe anschauen. Wer Glück hat, kann einen Waschbären bei der Aufzucht der Jungen in einem hohlen Baumstamm beobachten. Alle anderen genießen die weite Aussicht über den Nationalpark und seine Umgebung vom rund 40 Meter hohen Aussichtsturm. Der Aufenthalt im Wald entschleunigt – und tut gut, so hat es die Wissenschaft festgestellt.

Davon profitiert nicht nur Jürgen Dawo mit seiner Interpretation des aus Japan stammenden ShinrinYoku-Waldbadens, sondern auch Christiane Schweizer-Luchtenberg. Sie bietet regelmäßig Klangschalenmeditation auf dem Baumkronenpfad an. In einer kleinen Gruppe erlebt man so einen besonderen Sonnenuntergang 21 Meter über dem Waldboden. Gut eingepackt in Decken lauscht man den Klängen der Instrumente und dem Gesang der Vögel. Viele Gäste schlafen bei der entspannenden Prozedur ein – und wachen entspannt und zufrieden wieder auf.

Rund um den Nationalpark und auch durch den Wald sind in den letzten Jahrzehnten eine Reihe gut ausgeschilderter Wege für Wanderer und Radfahrer entstanden. Der sieben Kilometer lange „Wildkatzenpfad“ führt zum Beispiel rund um Hütscheroda. In der Wildkatzenscheune im Ort informiert man – auch interessant für Kinder - über Wildkatze und Luchs. Ein Ranger des Nationalparks ist auch in der Nähe des Urwald-Life-Camps auf dem Harsberg stationiert. Während die Gäste der Jugendherberge auf dem Gelände einer ehemaligen Segelflugschule in Baumhäusern, Tipis oder ganz klassisch im Zimmer übernachten, können sie sich im Infozentrum über den Nationalpark schlau machen. Wer in der Hainich-Region bewusst das „Jetzt“ genießt, macht immer wieder interessante Entdeckungen. Im Frühjahr blüht der Bärlauch und verwandelt den Waldboden für einige Wochen in ein weißes Blütenmeer. Wenig später bringt das frische Buchengrün den Wald zum Leuchten. Wo fast 2.000 Pilzarten nachgewiesen sind, wurde im Januar 2019 der erste Wolf gesichtet. Er ergänzt die intensive und beeindruckende Flora und Fauna des Nationalparks in der Mitte von Deutschland.

(ck)