24. Jul. 2021

Reisen

Die Frauenkirche in Antwerpen. Das Rathaus von Münster. Und vielleicht sogar der Sockel der Freiheitsstatue. All diese Bauwerke haben eine Gemeinsamkeit – sie bestehen aus Bentheimer Gold. Vom 15. bis zum 18. Jahrhundert war der regionale Sandstein aus der Gegend ein wichtiges Exportprodukt und Grundlage für den Wohlstand der Gegend. Günstig gelegen an der Handelsstraße zwischen Amsterdam und Berlin entstand hier nicht nur die Stadt Bentheim, sondern auch eine mächtige Burganlage, die bis heute in Privatbesitz ist und von den Fürsten von Bentheim bewohnt ist. Erst viel später wurden Schwefelquellen in der Stadt entdeckt, die ihr nicht nur den Status Bad einbrachten, sondern bis heute für einen regen Kurbetrieb sorgen.  Doch auch für Erholung suchende Urlauber ist die Grafschaft in der Nähe der niederländischen Grenze ein gefragtes Reiseziel.

Der 34 km lange Sandsteinweg rund um Bad Bentheim ist der beste Weg die Geschichte des Bentheimer Goldes zu erkunden. Ralf Linke, ein pensionierter Hochschuldozent, ist regelmäßig auf dem Weg rund um seine Heimatstadt unterwegs. Dieser ergänzt das aus 14 mit unterschiedlichen Farben gekennzeichnete Wandernetz der Stadt. Der Weg führt zunächst durch die Stadt, wo man an einigen der 60 in den Sandstein gehauenen Stiegen vorbeikommt. Die Treppen verbinden die verschiedenen Ebenen der Stadt. „Wir gehen in die Bentheimer Berge“, verspricht Linke gleich zu Beginn der Wanderung durch die Region, deren höchste Erhebung der Schlossberg mit 92 m
ist. Über 30 große Steinbrüche machten sich das Sandsteinvorkommen einst zu Nutze und legten damit die Grundlage für den Wohnstand der Stadt.  Technische Details verrät das Sandsteinmuseum am Fuße der Burg – doch im Wald aus Eichen, Buchen und Hainbuchen kann man selbst auf Spurensuche gehen. Dort kann man einige der Orte besuchen, an denen der Stein einst von Hand und nur mit rudimentären Werkzeugen gebrochen wurde. Kaimauern und Mühlen für den Wassertransport waren auf die Steine genauso angewiesen wie die Baumeister von Burgen und Kirchen. Erst der französische Erfinder Joseph Monier machte dem mit der Erfindung des Moniereisens und damit des Stahlbetonbaus ein Ende.

Doch in den Jahrhunderten zuvor war der feste und doch gut zu verarbeitende Sandstein die Grundlage für großen Wohlstand. Wahrzeichen der Stadt ist die fürstliche Burg, die heute als Museum der Öffentlichkeit zugänglich ist. In der eindrucksvollen Anlage im Zentrum der 16.000 Einwohner Stadt gibt es eine Menge zu entdecken. Burgführerin Judith Nibbrig spricht von einem Schloss in der Burg. Sie zeigt den Herrgott von Bentheim, eine Steinkreuz aus der Romanik. Es stammt aus dem Jahr 1050 und zeigt den auferstandenen Christus am Kreuz. Eindrucksvoll sind auch die fünf Meter dicken Mauern des Bergfrieds und das Angstloch genannte Burgverlies im nur über eine Leiter zugänglichen Keller des Turmes. Oben auf der Mauer steht ein Bronzegeschütz aus dem 16. Jahrhundert.

Bei einer Stadtführung – nachts auch durch einen als Nachtwächter verkleideten Stadtführer – erfährt man noch mehr über die Hintergründe der Stadt. So erfahren die Besucher von Bad Bentheim nicht nur wo an einem Felsen das Ohr eines Teufels hängen geblieben sein soll, sondern auch was es mit den Schwefelquellen und dem reichen kulturellen Leben auf sich hat. Stadtführer Ernst Schröder zum Beispiel steht seit Jahrzehnten auch auf der örtlichen Freilichtbühne. 1.264 Plätze in einem ehemaligen Steinbruch füllt das ehrenamtliche Ensemble mit jährlich wechselnden Produktionen.

Von dem auch mit der Bahn gut erreichbaren Bad Bentheim aus kann man die Region nicht nur erwandern, sondern auch mit dem Fahrrad erkunden. Nach dem Knotenpunkteprinzip ausgeschilderte Radwege führen zum Beispiel ins benachbarte Schüttorf. Nicht weit vom Ortszentrum liegt der Quendorfer See mit großem Badestrand. Das Restaurant „Else am See“ bietet einen Panoramablick auf dem See und eine abwechslungsreiche Speisekarte. Gut gestärkt kann die Radtour dann weitergehen in die Niederlande oder auch in die Wasserstadt Nordhorn. Dort kann man vom Rad in ein Kanu wechseln oder sich bei einer Bootstour durch die Kanäle über die Stadtgeschichte informieren.

(SMC)