30. Nov. 2020

Reisen

Neben den 7.000 Gäste, die jährlich für eine Moorkur nach Bad Aibling kommen, ist die Stadt im lieblichen Mangfalltal auch für gesundheitsbewusste Urlauber ein interessantes Reiseziel. Die voralpine Landschaft macht ausgedehnte Wanderungen in sämtlichen Höhenlagen möglich. Gemütliche Radtouren erschließen die Umgebung und führen vielleicht sogar bis zum Chiemsee. Der
Blick aus den imposanten Wendelstein begleitet den Urlaub in Bad Aibling.

 „Das hier ist der schönste Arbeitsplatz. Den ganzen Tag im Büro könnte ich nicht“, verrät Max Panradl beim Blick über das Moor. Seit 35 Jahren ist er mit seinen aktuell vier Mitarbeitern für den Abbau des „schwarzen Goldes“ verantwortlich, das in Bad Aibling als Heilmittel Verwendung findet. Entdeckt wurde die Wirkung einst von Dr. Desiderius Beck, der mit dem Ludwigsbad das erste Kurhotel Aiblings eröffnete und heute einen festen Platz in der Geschichte der Stadt hat. Im Jahr 2020 feiert Bad Aibling ein Doppeljubiläum: 175 Jahre Moorbad und 125 Jahre Heilbad.

Kurdirektor Thomas Jahn bringt es auf den Punkt: „Wir leben von Gesundheit“. Wie sich das entwickelt hat, zeigt bis zum 15. November 2020 die Moorausstellung „Moor than a feeling“, die an fünf verschiedenen Orten in der Stadt gezeigt wird und die unterschiedlichen Aspekte des Themas anschaulich beleuchtet. Im ehemaligen Lichtspielhaus geht es um das Moor an sich. Im Haus des Gastes wird das Marketing der Kurstadt im Wandel der Zeit dargestellt. Auf dem Gelände des früheren Ludwigsbads informiert eine Infotafel über die Keimzelle des Aiblinger Kurwesens. Die kleine aber feine Ausstellung gibt einen guten Einblick in die Geschichte und Entwicklung von Aibling, das durch einen Erlass von Prinzregent Luitpold im Jahre 1895 den Titel „Bad“ bekam und auch heute jährlich gut 7.000 Kurgäste begrüßt.

14 Häuser in der Stadt boten einst Moor-Vollbäder an. Dabei liegt man in einer mit 180-250 Liter Moor gefüllten Wanne. Aus der dunklen, breiigen Masse, die mit einer Temperatur von 42 Grad in die Wanne geleitet wird, schaut nur der Kopf heraus. Da dieses natürliche Material die Temperatur am längsten speichert, kühlt es bis zum Ende des Bades nur um ein einziges Grad ab. Zugleich erhöht sich die Körperkerntemperatur auf 39 Grad. Nach dem Bad wird man zum Nachruhen in Tücher eingehüllt. Die sanfte und langanhaltende Wärme hilft nach Ansicht der Badeärzte bei verschiedenen Erkrankungen und hat eine wohltuende Wirkung. Nach manchen Studien soll nach 12 Moorbäder eine  Wirkung auf den Hormonspiegel messbar sein.

Doch woher kommt das Moor? Das weiß Max Panradl (54) genau, der das Geschäft mit dem „schwarzen Gold“ von seinem Großvater übernommen. Sein aktuelles Moorabbaugebiet hat er seit 20 Jahren von Landwirten gepachtet. Wo einst Kühe grasten liegt unter der Grasnarbe und einer rund 30 cm dicken Schicht Abraum eine je nach Untergrund 2,5 bis 4 Meter dicke Schicht Torf. Mit einem Bagger wird diese aus drei jeweils 300 Meter langen Becken abgebaut, gereinigt und an die verbliebenen Kurbetriebe geliefert. 30 bis 40 Jahre sollte die Reserve aus dem aktuellen Abbaugebiet noch halten, so Max Panradl. Nach dem Bad im mit Wasser verdünnten Torf wird das Material mit einem Saugfahrzeug wieder abgeholt und in einem früheren Abbaugebiet wieder in die Natur eingebracht. „Bei der Renaturierung werden manche Samen reaktiviert“, freut sich Max Panradl und verweist auf seltenen Sonnentau und andere Pflanzen, die im abgezäunten Gebiet wachsen, in das das Moor nach der Anwendung gebracht wird. Vögel zwitschern, Libellen fliegen umher während Max Panradl den Jeep vorsichtig über den zugewachsenen Wirtschaftsweg steuert. „Arten, die es sonst kaum noch gibt“ hat er hier schon entdeckt und ist sich sicher, dass das Moorwachstum nach der Rückgabe des Materials in die Natur wieder einsetzt und der Kreislauf nachhaltig geschlossen ist. Aufgrund eigener Rückenprobleme hat Panradl eine Innovation geschaffen für alle, die nicht die Zeit oder das Geld für regelmäßige Vollbäder im Moor haben. Bei einem befreundeten Metzger ließ er sein erstes Moorkissen einschweißen – ohne die Absicht es kommerziell zu vermarkten. Doch eine Schafskopf-Runde gab den Ausschlag für mehr. Heute ist das Kissen als Medizinprodukt zugelassen und genau wie der Moor-Badezusatz und viele andere Produkte im Verkauf.

Manchen Gästen ist Bad Aibling als Drehort der Fernsehserie „Königlich Bayerisches Amtsgericht“ aus den 60er-Jahren in Erinnerung. Doch der handgeschnitzte Gerichtssaal ist nur ein Aspekt des heutigen Bad Aiblings. Anders als in anderen Touristenzentren mit Kurkliniken auf der grünen Wiese leben Gäste und Bürger in der Stadt gemeinsam. Kurgäste, Urlauber und Einheimische begegnen sich im Kurpark, in den Geschäften in der Innenstadt und auch bei Wanderungen durch die Natur. Die Landschaft rund um Bad Aibling ist vielseitig und bietet für jeden etwas. Auf der ersten Ebene gibt es eine flache Landschaft, die sich für Radtouren und leichte Spaziergänge mit Blick auf das Bergpanorama eignet. Ein Stück weiter geht es hoch auf 1.000 bis 1.200 Meter, wo es etwas anspruchsvoller wird. Das Bergwandern beginnt auf der dritten Ebene in einer Höhe von 1.800 Metern. Ausflugsziele wie das in Privatbesitz befindliche Schloss Maxlrain, das 1582 bis 1586 im Stil der bayerischen Renaissance mit wuchtigen Zwiebeltürmen erbaut wurde, sind gut erreichbar.

Auch der Genuss wird groß geschrieben in Bad Aibling. 73 Gastronomien hat Kurdirektor Thomas Jahn gezählt und spricht von einer tollen Breite von traditioneller Küche über moderne deutsche Küche bis hin zum ganzen internationalen Programm. Ein Besuch lohnt zum Beispiel im Restaurant „Das Lindner“ gleich gegenüber vom Rathaus oder auch im Hotel Schmelmer Hof. Das verfügt nicht nur über ein modernes Restaurant, sondern auch über einen Zugang zum Badesee. Der See, an dem auch eine Wasserskianlage betrieben wird, ist an lauen Abenden ein beliebter Treffpunkt für einen Grillabend oder für schöne Stunden im Biergarten.

Wenn es für den Badesee zu kühl wird, kann man stattdessen die Therme Bad Aibling ansteuern. Die Thermen- und Saunalandschaft überzeugt nicht nur durch ihre moderne Architektur. In acht Kuppeln sind ganz unterschiedliche Wasser- und Entspannungsattraktionen zu finden – vom Heiß- und Kaltbad oder Unterwassermusik bis hin zum Whirlpool. Auch das gut beheizte Außenbecken mit Blick auf die bayerische Bergwelt ist ein Ort der Entspannung. Wer mag kann in elf verschiedenen Saunen entspannen und im Ruheraum zu sich selbst finden. Thermalwasser aus 2.300 Meter Tiefe macht die Therme Bad Aibling zu einem Ort, an dem man die Seele baumeln lassen kann.

Auch wenn Gesundheitstourismus das zentrale Thema der Stadt ist, lässt die Stadt keine Gelegenheit ungenutzt, für Gäste und Einwohner attraktiv zu sein. Auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne im Stadtteil Mietraching  ist ein Parkgelände mit Wohnen, Arbeiten und Sport entstanden. Eine Gästekarte bietet nicht nur verschiedene Vergünstigungen, sondern auch die kostenfreie Fahrt mit dem innerstädtischen Moor-Express. Der gelegentlich verkehrende Bus verbindet 21 Haltestellen von Hotels über das Stadtzentrum bis zur Therme. Im weitläufigen Kurpark verbinden sich Tradition und Moderne. Infotafeln mit alten Postkartenmotiven zeigen, wie es einst genau an dieser Stelle war. Veranstaltungen wie das Kabarett im Park, zu dem unter anderem das bayerische Original „Wolfgang Krebs“ zu Gast waren, ziehen ein aus Einheimischen und Gästen gemischtes Publikum in den Kurpark, in das Kurpark Restaurant „antons“ und ins benachbarte Kurhaus. Eines der ältesten Heilbäder Deutschlands beweist, dass es gut für die Zukunft gerüstet ist.

(SMC)