22. Okt. 2019

Reisen

Der drittgrößte See Deutschlands entstand vor rund 10.000 Jahren zum Ende der Eiszeit. Am Fuß der Alpen bildete sich damals der heute 80 Quadratkilometer große Chiemsee. Er liegt im Zentrum einer reizvollen Urlaubsregion, die mit 3,4 Millionen Übernachtungen pro Jahr zu den beliebtesten in Deutschland gehört. In der Region Chiemsee-Alpenland werden Tradition und Genuss groß geschrieben. An vielen Orten setzen bayerische Originale Akzente und machen den Besuch in ihren Orten zu einem interessanten Erlebnis.

Sepp Stein ist eines dieser Originale. Seine Frau Renate betreibt im beschaulichen Amerang das Geschäft „Feinkost Poidl“. Direkt am Dorfbach gibt es dort ausgewählte Köstlichkeiten, die auch in der hauseigenen Kochschule zum Einsatz kommen. Eine Spezialität steuert Sepp Stein mit seinem Kräuterlikör „Odl“ bei. Aus reinem Bio-Weizenalkohol und 21 Kräutern entsteht der naturtrübe Likör, den Sepp Stein nach seinem dunklen Aussehen selbstbewusst-ironisch mit dem bayerischen Wort für Jauche bezeichnet hat. Der überzeugte Slow Food-Anhänger setzt auf bewusstes Kochen und Essen. Den „Odl“, der laut seinem Schöpfer „einen natürlichen Biss hat“ soll man bei Zimmertemperatur vier bis fünf Sekunden im Mund lassen. Der naturtrübe Likör unterscheide sich positiv von manch anderem Gebräu. Jedes Fass falle etwas anders aus, „weil Natur drin ist“. Sepp Stein liegt nicht nur sein Produkt am Herzen. Die Ortschaft Amerang, durch die er mit Stolz führt, hat es ihm sichtlich angetan. Wo sich sieben Radwege kreuzen und vier Museen auf Besucher warten, fühlen sich die Steins und ihre Gäste sichtlich wohl.

Ein großes Herz für Amerang hat auch die Familie Freiberger. Ernst Freiberger senior legte mit seiner umfangreichen Autosammlung den Grundstein für die gerade neu eröffnete Ausstellung „EFA Mobile Zeiten“. Besucher des Museums erleben 130 Jahre deutsche Automobilgeschichte vom Benz Patent Motorwagen aus dem Jahr 1886 bis zu aktuellen Sportwagen. Videoclips zur jeweiligen Epoche und die automobilen Meilensteine sollen Jahr für Jahr rund 30.000 Besucher nach Amerang locken. Darauf hofft Geschäftsführer Markus Stuckmann, der mit seinem Team 70 Fahrzeuge in der aktuellen Ausstellung zeigt und weitere 190 in Depots auf dem Gelände hat. Wer durch die moderne Ausstellung flaniert, entdeckt schnell wie emotional das Thema „Auto“ sein kann. Zur Ausstellung gehören auch ein reich verzierter Bus aus Pakistan sowie eine Modelleisenbahn.

Zu den Chiemsee-Originalen gehört zweifelsohne auch König Ludwig II.. Er ließ das Märchenschloss auf der Insel Herrenchiemsee ab dem Jahr 1878 nach dem Vorbild von Versailles bauen. Wer auf den Spuren des Königs wandeln möchte, nimmt am besten eines der ersten Schiffe auf die Insel. Von Prien aus dauert die Fahrt mit einem der 13 Fahrgastschiffe der Chiemsee-Schifffahrt nur 15 Minuten. Außerhalb der Hauptsaison hat man den neun Kilometer langen Wanderweg durch die uralten Wälder der Insel dann fast für sich alleine. Erst später, mit der Öffnung des Schlosses für Besuchergruppen, wird es im Schlosspark mit seinen Brunnen und Wasserspielen voller. Auf der Insel liegt auch das Augustiner-Chorherrenstift. In dem ehemaligen Kloster wurde 1948 das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ausgearbeitet. Vom Anleger der Herreninsel sind es nur zehn Minuten mit dem Schiff zur ungleich kleineren Fraueninsel. Als erstes fällt der freistehende Glockenturm des 1.200 Jahre alten Münster Frauenwörth ins Auge. Wer etwas Zeit mitbringt kann die malerische autofreie Insel bequem umrunden und dabei in einem der Gasthäuser einkehren oder den Künstlern bei der Arbeit zusehen.

Die Region steht auch für kulinarische Vielfalt. Auf der Fraueninsel sind bis heute Fischer aktiv. Auch für junge Menschen bieten regionale Produkte und Genuss eine Perspektive. Der 30jährige Simon Fink führt den Riedlhof in Zillham in der dritten Generation. Statt die 20-25 Tonnen eigenes Getreide an die Industrie zu verkaufen, setzt der Bio-Landwirt und Koch auf die Direktvermarktung. Emmer, Einkorn und Dinkel gehören zu den Spezialitäten im gerade eröffneten Hofcafé „Finkennest“ mit eigener Backstube. 400 bis 500 Brote aus dem Finkennest gehen pro Monat über die Theke – oft zusammen mit selbst gemachten Suppen, Saucen und Brotaufstrichen.

Auch für Thomas und Agnes Jaud geht es nicht um Masse, sondern um Qualität. Der Bauernhof, auf dem die beiden mit ihren Kindern leben, liegt in Nußdorf am Inn. Bei den Jauds bekommen die Kühe ganz bewusst nur Gras und Heu. Durch die natürliche Fütterung hebe sich die Qualität der Milch deutlich von der aus Massenproduktion ab. Probieren kann man das in den Sommermonaten im jeden zweiten und vierten Samstag im Monat geöffneten Hofladen. In dem gibt es auch von Thomas Jaud selbst gemachten Käse. Wer mag kann ihm bei einer Erlebnisführung über die Schulter gucken und in rund zwei Stunden erfahren, wie auf einem großen Bottich mit warmer Milch Frischkäse wird. Beim Schaukäsen mit allen Sinnen erlebt man, wie viel Arbeit die Käseproduktion per Hand macht. Immer wieder langt Thomas Jaud in die Käsemasse, um Molke auszuwaschen und so einen köstlichen Käse zu bereiten. Verfeinert wird dieser mit Salz und Schnittlauch, der vor der Tür der Käserei wächst.

Bayerische Originale kann man auch beim Neubeurer Nockherberg und Starkbierfest erleben. Zu diesem Anlass lädt der Dorfwirt Vornberger in der Marktgemeinde Neubeuern in seinen Festsaal ein. Auf der Bühne wird bayerische Musik präsentiert. Dazu gibt es Humor in bayerischer Mundart. Wer sich eine Karte für das kulturelle Schmankerl sichert, wird von den Einheimischen freundlich aufgenommen und erlebt nicht nur die Verlosung eines Bierfasses und den manchmal derben Humor auf der Bühne, sondern auch ein herzliches und offenes Publikum, mit dem man während der Pausen des Bühnenprogramms schnell ins Gespräch kommt. Wer rechtzeitig vor Veranstaltungsbeginn in der Ortschaft ist, kann sich das Schloss mit seinem charakteristischen Turm von außen anschauen. Es beheimatet eine Internatsschule und kann nur zu bestimmten Terminen im Rahmen ausgewiesener Schlossführungen besichtigt werden.

Nach so viel Genuss in der beliebten Urlaubs- und Freizeitregion darf auch die Bewegung nicht zu kurz kommen. Von Prien am Chiemsee aus bietet Angela Kind regelmäßig Wanderungen in der Region an. Diese sind nicht nur für Urlauber interessant, sondern erfreuen sich auch bei den Einheimischen großer Beliebtheit. Mit dem Bus geht es für die Wanderung nach Wolfsberg und dann für zwei bis drei Stunden zu Fuß zurück an den Ausgangspunkt. In erster Linie lässt Angela Kind die Landschaft wirken, doch wer Fragen zum Bergpanorama, zu Sehenswürdigkeiten am Wegesrand oder zur Region hat, ist bei der auskunftsfreudigen Wanderführerin genau richtig. Einen guten Überblick über die Region gewinnt man auch bei einer Segway-Tour zur Ratzinger Höhe. Ramona Hänsch von „Monatours“ bietet diese ab Prien am Chiemsee an. Am Treffpunkt gibt es zunächst eine Einweisung in die elektrisch betriebenen Roller. Dann geht es über kleine, kaum befahrene Straßen und Wege den Berg hinauf. Zwischendurch nimmt Ramona sich Zeit für Fotostopps und für Infos über die Landschaft. Auf dem Weg zum Aussichtsturm auf der Ratzinger Höhe mischen sich Freude am Fahren, Begeisterung über den Panoramablick auf See und Berge und Vorfreude auf die weitere Tour. Einen Zwischenstopp kann man in einem Restaurant oben am Berg machen – und den Blick schweifen lassen über den maximal 73,4 Meter tiefen und doch so vielfältigen See.

Entspannung nach einem ereignisreichen Tag bieten die verschiedenen Thermen in der Region. Eine davon liegt in Bad Aibling. In der mit futuristischen Kuppeln gestalteten Badelandschaft stehen Entspannung und Wohlbefinden im Mittelpunkt. Dazu trägt nicht nur das schöne Außenbecken bei, sondern auch eine abwechslungsreiche Saunalandschaft. Bis in die Abendstunden kann man Kraft tanken für die Entdeckungen des nächsten Tages.

(kk)