12. M&a. 2026

Reisen

„Flurwoche“, tönt Else Buschmann auf der Bühne von Deutschlands erfolgreichstem Volkstheater in Wanne-Eickel. Prinzipal Christian Stratmann hat es zusammen mit seinem fest angestellten Ensemble in Herne aufgebaut und setzt mit rund 2.500 Besuchern pro Woche einen Glanzpunkt im nördlichen Ruhrgebiet. Mittlerweile hat der Selfmade-Unternehmer schon fünf verschiedene Ruhrgebietskomödien auf die Bühne gebracht. Auch selbst scheut Stratmann, der jeden Abend als Gastgeber die Hände von hunderten von Gästen schüttelt, die Bühne nicht. Bei besonderen Gelegenheiten steht er im „Dinner vor Wan(ne)“ als Miss Sophie auf der Bühne. Um echte Transvestie geht es bei Stratmanns neuestem Projekt. Ab Oktober 2009 präsentiert er in der historischen Heizzentrale der Zeche Ewald „Voilà - schaut her!“. Dort gibt es, so Stratmann, schöne Körper, mitreißende Musik, glitzernde Kostüme und prickelnde Erotik zu sehen.


Während die Komödien im Mondpalast durchaus mit Klischees kokettieren und zeigen, dass der Ruhrgebiets-Bewohner auch über sich selbst lachen kann, werden an anderer Stelle moderne Fakten geschaffen. Als eines der größten Wohnungsunternehmen überhaupt sitzt die Deutsche Annington in Bochum. Wer bei Wohnungsvermietung an verstaubte Akten, muffige Verwalter und schlechten Service denkt, kann sich hier vom Gegenteil überzeugen. In einem Kraftakt wurden hunderte Telefonnummern und Kontaktwege vereinheitlicht und auf ein modernes Servicecenter konzentriert. Das hat Zugriff auf digitalisierte Mieterakten und schafft es 85% aller Anfragen während des ersten Anrufs für den Kunden erfolgreich abzuschließen. Eine moderne Ausstattung mit Tablet-PCs und digitalen Kugelschreibern, die alle Notizen nicht nur zu Papier bringen sondern sie auch automatisch speichern, bereitet den Weg für die fast papierlose Verwaltung.


Innovationen gibt es auch im Duisburger inHaus-Zentrum zu sehen. Gleich neben dem Campus der Universität hat die Fraunhofer Gesellschaft in Zusammenarbeit mit verschiedenen Unternehmen ein Forschungszentrum rund um Haus- und Bautechnik errichtet. Beeindruckend ist nicht nur die moderne Geothermieanlage im Keller des Gebäudes sondern auch innovative Inneneinrichtung wie zum Beispiel ein Badezimmer der Zukunft. Über ein Display vergleichbar mit einem modernen Handy können die Nutzer Funktionen wie Zähneputzen wählen und werden dabei unterstützt. Ein weiterer Assistent hilft dabei, die richtigen Medikamente in der richtigen Menge zu nehmen. Auch ein modernes und patientengerechtes Raumkonzept für Altenheime und Krankenhäuser sowie ein Hotelzimmer der Zukunft werden entwickelt und präsentiert. Das Hotelzimmer ermöglicht nicht nur die Projektion beliebiger Motive auf die Fenster bzw. Wände, sondern wiegt den Kunden auch in einem beweglichen Bett in den Schlaf. Dass das moderne Zimmer mit Sauna, Badewanne und allem Komfort ausgestattet ist, überrascht da wenig. „Zum Einsatz kommen könnte es nicht nur in Luxushotels sondern auch auf neuen Kreuzfahrtschiffen“, erklärt Klaus Scherer, Diplom-Ingenieur und Leiter des inHaus-Zentrums, die Perspektiven.


Von kleinen Start-Up zum modernen IT-Unternehmen hat sich die Dortmunder Materna GmbH entwickelt. Geschäftsführer Helmut an de Meulen gehört nicht nur zu den Wegbereitern der SMS in Deutschland, sondern ist zugleich Herr über ein weit verzeigtes Netz innovativer Dienstleistungen rund um die mobile Kommunikation. „Ich wette in zehn Jahren werden mehr eBooks verkauft als gedruckte Bücher“, ist der agile Unternehmer sicher. Der Erfolg seiner SMS- und MMS-Dienste in den letzten Jahren könnte also in Zukunft weiter ausgebaut werden und neue Arbeitsplätze schaffen. Die gibt es auch bei LIMO Lissotschenko Mikrooptik in der Nähe des Dortmunder Flughafens. Ingenieure, Physiker, Techniker und andere Fachkräfte arbeiten dort an innovativen Mikrooptiken und Lasersystemen. Zum Einsatz kommen die in der Medizintechnik, der Photovoltaik aber auch bei Flachbildschirmen oder im Automobilsektor. Rund 200 Mitarbeiter aus 20 Nationen arbeiten daran, dass der technologische Vorsprung des Unternehmens erhalten bleibt und sorgen dafür, dass neue Verfahrens- und Produktpatente angemeldet werden können.


Da schon seit einiger Zeit auch im Ruhrgebiet ein Mangel an Ingenieuren und Technikern besteht, wurde an der Universität Dortmund ein Schülerlabor gegründet. Leiterin Dr. Sylvia Rückheim und ein Team engagierter Studierender geben Schulklassen die Möglichkeit, praktische Experimente durchzuführen und über den Unterricht hinausgehendes Fachwissen zu gewinnen. Unter anderem kann man Versuche aus den Bereichen Chemie, Optik und Schwerkraft machen. Mit einer Hochleistungskamera wird aufgenommen wie sich eine Kerze im freien Fall verhält. Aus verschiedenen Chemikalien entstehen verkapselte Stoffe wie sie beispielsweise im Tierfutter, in Waschmitteln oder auch auf Gourmet-Buffets zum Einsatz kommen. Zudem präsentiert das in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) betriebene Labor moderne 3D-Technologie, die nicht nur bei künftigen Computerspielen zum Einsatz kommen kann.


Etwas Besonderes bietet das Ruhrgebiet auch mit der ZOOM-Erlebniswelt. Der ehemalige Gelsenkirchener Zoo wurde mit gewaltigen Investitionen zum ersten konsequent naturnah gestalteten Zoo Europas umgebaut. Auf einer Fläche von 44 Fußballfeldern begegnen die Besucher den Tieren ohne sichtbare Gehege-Begrenzungen und erleben diese in naturgetreu gestalteten Lebensräumen. Bereits eröffnet sind die Themenbereiche Afrika und Alaska. Im März 2010 kommt eine eigene Themenwelt mit asiatischen Tieren hinzu. Auch in den Urwäldern Asiens darf man auf unmittelbare Begegnungen mit den Tieren gespannt sein. Der Zoo der Zukunft wird pro Jahr von rund 900.000 Gästen besucht, die an einem einzigen Tag eine Weltreise machen. Auch die Tiere fühlen sich wohl in Gelsenkirchen: Die 650 Tiere haben sich so gut eingelebt, dass in den letzten drei Jahren 350 Tierbabys auf die Welt kamen. Spektakulärster Neuzugang war die Geburt des Giraffenbabys Thabo.


Spektakuläre Momente bietet auch das Alpincenter Bottrop. Auf einer ehemaligen Kohlehalde entstand dort die längste Indoor-Skihalle der Welt. Mit 640 Metern Länge und 30 Metern Breite bietet die Skihalle Ski- und Snowboardfahrern das ganze Jahr über die Gelegenheit zum Wintersport. Im Pauschalpreis sind neben der Pistennutzung auch das Leih-Equipment sowie Essen vom Buffet und Getränke enthalten. Während der obere Teil der Piste weniger geneigt ist und deshalb besonders für Anfänger von Interesse, bietet der untere Teil auch für erfahrene Skifahrer eine Herausforderung. Wer nicht Skifahren möchte, kann im Biergarten bzw. Klettergarten des Alpincenters den Tag verbringen und den Blick über das Ruhrgebiet schweifen lassen. Kurzweil bietet auch die in diesem Jahr eröffnete Sommerrodelbahn. Zum Preis von 3,50 Euro pro Fahrt kann man eine rasante Abfahrt auf Schienen genießen und wird anschließend zurück zur Bergstation geschleppt.


Europas größter Gasometer steht in Oberhausen. Nachdem der gigantische Gasspeicher nicht mehr gebraucht wurde, entschied man sich ihn in eine riesige Ausstellungshalle umzubauen. In der wird noch bis zum 30.12.2010 die Ausstellung „Sternstunden“ gezeigt. Die besteht nicht nur aus dem größten Mond auf Erden – einer Nachbildung des Erdtrabanten mit 25 Meter Durchmesser, sondern auch aus zahlreichen beeindruckenden Fotos und Exponaten. Spektakuläre Bilder von Himmel und Erde haben bereits mehr als 300.000 Besucher in die Ausstellung gezogen. Wer die Ausstellung besucht hat kann mit einem gläsernen Aufzug im Gasometer bis zum Dach fahren und von dort den großartigen Blick über Oberhausen, den Rhein-Herne-Kanal und die Umgebung genießen. Sportliche Besucher können den Weg zurück zum Erdboden über eine Außentreppe zurücklegen, andere nehmen den Aufzug.


Viel Zeit verbringen kann man auf dem Gelände des Weltkulturerbe Zollverein in Essen. Einst standen dort die weltweit modernste Schachtanlage und eine große Kokerei. Inzwischen hat die Natur begonnen sich Teile des Areals wieder anzueignen während andere restauriert und für Besucher geöffnet wurden. Bei einer Führung kann man erfahren und erleben wie früher auf Zollverein gearbeitet wurde und welche Rolle der Arbeiter in der Montanindustrie einst hatte. Doch nicht nur Historisches hat Platz auf Zollverein. Ein Designmuseum hat sich genauso angesiedelt wie moderne Unternehmen und mehrere Restaurants. Denn wer seinen Gästen etwas bieten möchte, der blickt nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch auf die Gegenwart und Zukunft. Zollverein ist damit ein gutes Beispiel für den Strukturwandel den die einstige Kohle- und Stahlregion in den letzten Jahrzehnten bewältigt hat. Längst gibt es in Essen und den anderen Städten ganz andere Schwerpunkte. Arbeitsplätze entstehen im Handel, in der Verwaltung, bei Energie- und Dienstleistungsunternehmen. Doch auch weiterhin bleibt genug zu tun für die Wirtschaftsförderer der Region, denn im Gegensatz zu Metropolen wie Berlin oder Hamburg leidet das Ruhrgebiet unter der Aufteilung in verschiedene Städte mit eigener Verwaltung und eigenen Interessen.


Wie Branchen sich wandeln können zeigt der Bergbau, der derzeit noch an drei Standorten im Ruhrgebiet aktiv ist. In Bottop, Marl und Kamp-Lintfort arbeiten Bergleute mit modernster Technik und unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen daran Steinkohle aus rund 1.000 Meter Tiefe zu fördern. Wer die Chance hat sie bei ihrer Arbeit zu begleiten, ist zu Gast in einer ganz eigenen Welt. In die dürfen aus Sicherheitsgründe keine eigenen Elektrogeräte oder Kleidungsstücke mitgenommen werden. Unter Tage kommen ausschließlich speziell für diesen Zweck zugelassene Geräte zum Einsatz. So kostet eine einzige Leuchtstoffröhre schnell bis zu 300 Euro. In ihrem Licht und bei Temperaturen ab 30 Grad wird die Kohle von computergesteuerten Maschinen abgebaut und über Förderbänder aus dem Streb transportiert. Vor Beginn des Abbaus lagen Teile des Ruhrgebiets rund 30 Meter höher, als es heute der Fall ist.


Ab Anfang Januar hat das Ruhrgebiet ein Jahr lang Zeit sich und seine Stärken Besuchern aus Deutschland und anderen Ländern zu präsentieren. Kultur, Gastronomie und Tourismus haben dann die Chance ein neues Bild der Region zu prägen und zu zeigen, dass es sich im „Ruhrpott“ längst mindestens so gut leben und arbeiten lässt wie in vielen anderen Metropolen. (SMC)