17. Aug. 2026

Reisen

1357 entstand im Südtiroler Dorf Graun ein 36 Meter hoher Kirchturm aus Naturstein. Dass das damalige Zentrum der Gemeinde St. Katharina Jahrhunderte später im Jahr 1950 einem Stausee weichen und als denkmalgeschützte Erinnerung an das dann versunkene Dorf Altgraun aus den Fluten ragen würde, konnte sich damals gewiss noch niemand ausmalen. Heute ragen die oberen 26 Meter des Turmes aus dem Wasser des Reschensees. Die außergewöhnliche Landmarke ist Wahrzeichen der am Ufer des Sees neu aufgebauten Gemeinde Graun und der Ferienregion Reschensee. Wer heute in die Region reist, ist entweder auf den Spuren ihrer reichen Geschichte oder Aktivurlauber, denn für aktive Urlauber hat die Region im Norden des Vinschgaus einiges zu bieten.

Ein Blick zurück in die Geschichte

Wer nach Glurns, in die mit knapp tausend Einwohnern kleinste Stadt Südtirols, kommt, könnte den Eindruck haben, dass die Zeit hier stehen geblieben ist. Denn bis heute ist die ringförmige Stadtmauer aus dem 15. Jahrhundert, die den Handelsknotenpunkt an der Etsch schützte, vollständig erhalten. Betreten kann man die frühere Hansestadt durch einen der drei mächtigen Tortürme. Und auch hinter der Mauer hat die Stadt ein mittelalterliches Flair. Bei einem Spaziergang durch die engen, kopfsteingepflasterten Gassen und unter den charakteristischen Laubengängen wird die reiche Geschichte der Stadt erlebbar. Einst gelangte sie durch ihre strategische Lage und den Salzhandel zu Wohlstand. Der Legende nach wurde hier einst sogar den Mäusen der Prozess gemacht. Den Mäuseprozess gewannen die Bauern. Die Mäuse bekamen zwei Wochen Zeit, um die Stadt zu verlassen. Heute verbinden sich in Glurns lebendige Geschichte und norditalienische Lebensart.

Eine Wanderung zum Sonnenaufgang

Wer um 3.30 Uhr morgens die Wanderschuhe schnürt, um auf einen Berggipfel zu wandern, wird mit einem Naturerlebnis belohnt, das lange in Erinnerung bleibt. Wanderführer Theo Plangger bringt seine Gruppe zunächst zur Rescher Alm. Von dort beginnt der rund 841 Höhenmeter umfassende Aufstieg auf den 2.808 Meter hohen Piz Lad. Die ersten Schritte führen durch die nächtliche Stille und Dunkelheit. Über den Köpfen funkeln die Sterne, während nur der schmale Lichtkegel der Stirnlampen den Weg erkennen lässt. Vorbei an schlafenden Kühen steigt die Gruppe Schritt für Schritt höher, während sich am Horizont langsam die ersten Farben des Tages abzeichnen. Pünktlich zum Sonnenaufgang ist das Gipfelkreuz erreicht. Langsam schiebt sich die Sonne über die Bergkämme und taucht die umliegenden Gipfel in warmes, goldenes Licht. Für einen Moment scheint die Zeit stillzustehen. Die Anstrengung des Aufstiegs weicht dem Staunen über die Weite und das beeindruckende Bergpanorama. Mit den ersten Sonnenstrahlen erwacht auch der Berg. Vogelgezwitscher mischt sich mit dem Läuten der Kuhglocken. Auf dem Rückweg lassen sich mit etwas Glück Gämsen, Steinböcke oder Murmeltiere beobachten, bevor die Wandergruppe nach rund vier Stunden wieder die Rescher Alm erreicht. Dort wartet auf Wunsch ein ausgiebiges Frühstück mit Kaffee und frisch gekochten Eiern. Dazu gibt es den Blick hinunter auf den Reschensee – ein stimmungsvoller Abschluss einer Tour, für die sich das frühe Aufstehen mehr als lohnt.

Mit dem Rad zur Alm – und zur Käseverkostung

Regionale Produkte verleihen einer Region einen besonderen Charme. Oft schon vor Jahrhunderten von den Vorfahren entwickelte Produktionsweisen, regionale Zutaten und handwerkliche Produktion machen diese auch für Urlauber spannend. Auf der Laatscher Alm wird Käse hergestellt. Damit Urlauber dieses traditionelle Produkt erleben können, ist auf der Alm eine Showkäserei entstanden, in der man bei der Produktion zuschauen und den Käse anschließend verkosten kann. Die Arbeit beginnt morgens um 4 Uhr, wenn die Kühe gemolken werden. Gleich nach dem Melken läuft die Rohmilch durch eine Milchpipeline in zwölf Minuten rund 200 Höhenmeter nach unten – und wird in der Sennerei auf der Alm ab sieben Uhr zu frischem Käse verarbeitet. Dazu wird die Rohmilch auf 32 Grad erhitzt und mit Kulturen und Lab versetzt. Frischkäse entsteht schnell, Käselaibe müssen über einen längeren Zeitraum täglich gepflegt und mit Salzwasser gereinigt werden. Verkauft wird der Käse ausschließlich direkt auf der Alm.

Eine Radtour mir Blick auf Kloster und See

Aktive Urlauber fahren mit dem Rad zur Alm. Startet man am Haidersee, fährt man entlang der Via Claudia Augusta. Der angenehm zu fahrende Weg führt vorbei an der Malser Haide, wo die Bauern auch weiterhin auf ein dort traditionelles Bewässerungssystem setzen. Durch die personalintensive Waalbewässerung gelingt es dreimal mehr Futter für die Kühe zu ernten als bei konventionellen Bewässerungssystemen. Anschließend führt der Weg weiter über Burgeis, wo man einen spektakulären Blick auf das Benediktinerkloster Marienberg aus dem 12. Jahrhundert hat. Der insgesamt 35 Kilometer lange Weg führt weiter in Richtung der Ortschaft Mals, die für ihre fünf Kirchtürme bekannt ist und schließlich zur Alm auf 2.049 Meter. Da die Strecke mit 850 Höhenmetern durchaus anspruchsvoll ist, eignet sie sich insbesondere für eine E-Mountainbike-Tour.

Mit dem Kite auf den Reschensee

Am Ufer des Reschensees, unweit des versunkenen Kirchturms von Graun, befindet sich die örtliche Kitestation. Seit mehr als 20 Jahren bringen Surfguides wie Yannik Einsteigern und Fortgeschrittenen bei, wie sie die Kraft des Windes nutzen, um mit Geschwindigkeiten von bis zu 70 Stundenkilometern über das Wasser zu gleiten. Während erfahrene Kiter schon kurz nach Kursbeginn ihre Schirme steigen lassen und über den rund sechs Kilometer langen See ziehen, üben Anfänger zunächst am Ufer die Grundlagen. Sie lernen, den Kite sicher zu steuern und seine Zugkraft kontrolliert auf das Board zu übertragen. „Vorne ist die Power Zone – da hat der Wind am meisten Zug“, ruft Yannik seinen Schülern zu. Wenige Sekunden später erfasst eine kräftige Böe die Kites und macht eindrucksvoll deutlich, was er gemeint hat. Von Mai bis September sorgen thermische Winde am Reschensee für sehr gute Bedingungen zum Kitesurfen. Während die Kites die Boards über das Wasser ziehen, reicht der Blick hinauf zu den schneebedeckten Dreitausendern, die den See umgeben.

Südtirol einmal ganz anders

Ob beim Wandern, dem Kitesurfen auf dem See, beim Verkosten von Almkäse nach einer anspruchsvollen Radtour oder beim Spaziergang durch das mittelalterliche Glurns: Die Ferienregion Reschensee beweist eindrucksvoll, dass sie weit mehr zu bieten hat als das weltberühmte Fotomotiv des Kirchturms im Wasser. Rund um den Reschensee findet man eine gelungene Mischung aus lebendiger Tradition und einem vielseitigen Outdoor-Angebot mit Biken, Wandern und Wassersport.

(SMC)