20. Okt. 2020

Reisen

Wenn Elisabeth Zintl und ihre Mitarbeiter die letzten Holunderbeeren ernten, dann wird es Herbst im ländlichen Waldeck. Hier in der Oberpfalz lebt Zintls Familie seit 1780 in der fünften Generation – und Heimat bedeutet für die engagierte Unternehmerin Geschenk und Verpflichtung zugleich. Als sich vor gut 15 Jahren zum ersten Mal die Möglichkeit bot, ein leerstehendes Dorfhaus zu kaufen, entstand das Konzept für die heutigen „Hollerhöfe“ unter dem Motto „Zu Gast im Dorf“ und zugleich die Revitalisierung des historischen Dorfes Waldeck. Mit zahlreichen Projekten ist es Elisabeth Zintl, ihrem Mann Leonhard und anderen engagierten Waldeckern inzwischen gelungen ihrer Heimat neue Impulse zu geben und sie für Touristen und Tagungsgäste interessant zu machen. So unterstützte die Familie nicht nur den Heimat- und Kulturverein bei der Restaurierung der historischen Burganlage auf dem Berg oberhalb der Stadt, sondern trug auch maßgeblich zur Eröffnung des ersten essbare Wildpflanzenparks im Juni 2018 bei. In Verbindung mit den charmant renovierten Dorfhäusern, einem für die Region beispielhaften Veranstaltungsangebot und dem Engagement als herzliche und überzeugende Gastgeber, sind die Hollerhöfe das ganze Jahr über ein interessantes Reiseziel.

Auch im Herbst lohnt sich ein Spaziergang durch die Natur rund um Waldeck. Beim besinnlichen Rundgang über den Marterlweg folgen die Gäste den Spuren der Vergangenheit. Historische Wegkreuze, der Galgenhügel und der Schlossberg sind nur drei der vielen Stationen, zu denen gelungene Infotafeln gedankliche Impulse mitgeben. Wie viele Wege es rund um Waldeck gibt, weiß Uwe Schimpf am besten. Er hat einige davon mitentwickelt und pflegt sie als Wanderwegewart bis heute. Wenn Uwe Schimpf, der sich selbst „Opa Eule“ nennt, nicht gerade wandert, engagiert er sich im Vorstand des Heimat- und Kulturvereins. Dieser hat in den letzten Jahrzehnten aus einem von Fichten überwucherten und in Vergessenheit geratenen Hügel einen eindrucksvoll restaurierten Schlossberg gemacht. Einige der alten Mauern wurden wieder erreichtet, eine Kapelle eingerichtet und sogar eine Glocke gibt es seit einigen Jahren wieder, die man am Abend bis in die Ortschaft hinein hört. Der Schlossberg ist auch Teil des Rundwegs durch den essbare Wildpflanzenpark. Dieser greift die Idee der mittelalterlichen Almende auf und lädt bewusst dazu ein essbare Pflanzen aus der Natur maßvoll zu ernten. Beim Rundgang durch den Waldecker Park stößt man auf Nüsse, Oberbäume und zahlreiche weitere essbare Wildpflanzen. Initiator Dr. Markus Strauß betont die besondere Bedeutung der Wildpflanzen für eine gesunde Ernährung und hat mit dem Erfolg des Waldecker Pilotprojekts im Rücken inzwischen weitere Parks eröffnet. Zwei Jahre nach der Eröffnung ist der in die abwechslungsreiche Landschaft eingewobene Park in einem sehr guten Zustand. Einige der zur Eröffnung nachgepflanzten Bäume und Sträucher haben sich gut entwickelt – und auch weiterhin werden die Flächen und Infotafeln von den Waldeckern gepflegt.

Wie man modernes Bauen mit historischen Gemäuern verbindet, können die Gäste der Hollerhöfe bei einer Übernachtung erleben. Im Schreiberhaus sind die mächtigen Balken aus der historischen Bausubstand erhalten geblieben und wurden freigelegt. Dabei ist jedes Zimmer individuell gestaltet. Historische Möbelstücke auf den Fluren, liebevoll ausgewählte Accessoires und der Charme der länglichen Umgebung sorgen dafür, dass bei einem Aufenthalt Gemütlichkeit aufkommt. Warme Farben und viel Holz sorgen in Verbindung mit der in Teilen im Original belassenen Bausubstanz für Wohlfühlatmosphäre. Natürlich muss man auf den Komfort eines modernen Hotels auch in den aufwändig renovierten Gebäuden nicht verzichten. Auf dem Frühstücksbuffet stehen natürlich auch regionale Produkte. Direkt von den Hollerhöfen stammt zum Beispiel die Hollunderblüten- und –beerenmarmelade. Auch am Abend im Restaurant kann man auf heimische Produkte setzen und zum Beispiel einen Hollunder-Secco, einen Gin-Hollunderblüten-Likör oder eine Hollunder-Schorle genießen. Wer mag kann nach dem Abendessen noch einen Spaziergang durch das ruhige Dorf machen.

Waren einst Kirchturm und Burg die Mittelpunkte des Lebens, ergänzen die Hollerhöfe in Waldeck zumindest die Auflistung. Eine alte Scheune wurde zu einem vielseitig nutzbaren Veranstaltungs- und Seminarraum umgebaut. Gemütlichkeit und Beisammensein steht dort im Mittelpunkt wenn Gäste wie der Musiker Andy Lang auf den Hollerhöfen zu Gast sind. Während auf den alten Balken der „Scheune zum Hollerbusch“ Kerzen flackern, greift der evangelische Pfarrer, Musiker und Songpoet zur Harfe oder Gitarre und berührt mit seinen Texten die Herzen der Zuhörer. Wer mag, kann anschließend noch ein Glas Wein mit alten und neuen Freunden trinken. Auch für offiziellere Ereignisse bieten die Hollerhöfe einen Rahmen. Im Obergeschoss der Holler-Manufaktur gibt es einen Raum für Seminare, kleine Konferenzen und inzwischen auch Onlineformate wie das digitale Weißwurstfrühstück. Ein weiterer Seminarraum ist ein „Tiny House“, das seinen Platz an wechselnden Standorten inmitten der Natur findet.

Einen neuen Impuls gibt auch eine Glocke auf dem Gelände der Hollerhöfe. Wo einst die Glocke für die Burgkapelle unter Anleitung von Mönchen des Klosters Maria Laach gegossen wurde, ist nun ein kleinerer Glockenturm entstanden, der die Bewohner von Waldeck und ihre Gäste daran erinnert, was alles möglich ist, wenn viele Menschen gemeinsam an einem Strang ziehen. Es gibt viel zu entdecken bei einem Wohlfühlwochenende in der Oberpfalz.

(SMC)