25. Okt. 2021

Reisen

„Moin!“ heißt es in der Wesermarsch den ganzen Tag über. Von früh bis spät liegt man mit diesem Gruß in der grünen und idyllischen Kulturlandschaft am Westufer der Weser genau richtig. Auf halber Strecke zwischen Bremen und der Nordsee liegt direkt am beliebten Weserradweg die Kleinstadt Brake. Sie verfügt über eine reiche Geschichte, einen hochmodernen Hafen mit riesigen Speicheranlagen und ist gerade dabei sich auch für Touristen zu einem attraktiven Standort zu entwickeln. Dazu tragen nicht nur die charmanten Hotels und Pensionen, die Verbindung zur längsten Flussinsel Europas Harriersand und die liebevoll gestalteten Museen bei, sondern auch die Aktivitäten des Brakevereins, der die Tourist-Info betreibt und durch Aktionen von der Sommerlounge bis zum Schneeflöckchenmarkt das ganze Jahr über Leben in die Stadt bringt.

Wilfried Sagkob (76) kommt von Brake aus gesehen „aus dem Moor“. So nennen die in der maritimen Hafenstadt lebenden Einwohner von Brake ihre Nachbarn aus den Dörfern im Hinterland. Doch über die Jahre ist der gelernte Steuerberater doch zu einem Botschafter der kleinen Kreisstadt geworden. Als aktuell einziger Stadtführer begleitet er Einheimische und Touristen durch Brake. Das – so Sagkob – kleine Städtchen mit großem Charme hat eine Menge zu bieten. 1756 wurde der Hafen der Stadt das erste Mal urkundlich erwähnt – wohl als Ausweichhafen für das über die Weser nur für Schiffe mit sehr geringem Tiefgang erreichbare Bremen. Seit 1880/90 liegt am anderen Ufer mit Harriersand die längste Flussinsel Europas. Aus einst sieben Inseln wurde ein 11 Kilometer langer Landstrich mit Wochenendhäusern, Landwirtschaft und einem beliebten Strandbad. Die Fähre „Guntsiet“ verbindet beide Ufer. Motor der Stadt ist und bleibt der Hafen. Bis zu 90 Meter erstrecken sich die Silos, in denen Getreide und andere Rohstoffe gelagert werden, in den Himmel über der Stadt und überragen damit auch den Kirchturm und die Windräder im Umland der Stadt. Mit sieben Millionen Tonnen Güterumschlag ist der Hafen zugleich ein wirtschaftliches Schwergewicht – und Anziehungspunkt für Touristen.

Besichtigen kann man den Hafen bei einer geführten Bustour. Georg Röver (64) hat vor seiner Pensionierung über vier Jahrzehnte für den Hafen gearbeitet und kennt das Gelände wie seine Westentasche. Bei der Bustour zeigt der Hafenexperte nicht nur verladefertige Teile von Windrädern und erklärt, wie riesige Rohre mit Magneten und Luftdruck auf Schiffe verladen werden, sondern nimmt seine Gäste auch mit in die Lagerhallen. 20.000 Tonnen Soja liegen in der einen Halle. Schrot aus Palmkernen in der anderen. Große Stapel aus Zellstoff warten ordentlich gestapelt auf Abnehmer. Und auch für Holz, Metallschrott und andere Waren gibt es im Hafen eigene Bereiche. „Wir sind nicht der kleine Vorstadthafen von Bremen“, frotzelt Röver und erzählt begeistert von der modernen Technik, den Möglichkeiten zur Qualitätssicherung und der Arbeit der Silomeister. Tradition und Moderne verbinden sich in der modernen Hafenanlage, die von Schiffen mit einem Tiefgang bis zu 12,20 Meter angesteuert werden kann. Der 26 km von der Wesermündung entfernte Hafen verfügt über Europas größte zusammenhängende Siloanlage. Moderne Selbstbedienungsanlagen und eine trimodale Anbindung ermöglichen den schnellen Umschlag der Güter. Ökoprodukte werden in separaten Bereichen gelagert und verarbeitet.

Ganz anders ticken die Uhren am anderen Ufer der Weser. Auf dem Harriersand scheinen die Uhren ein Stück weit stehen geblieben zu sein. Eine Kolonie aus Wochenendhäusern strahlt eine idyllische Ruhe aus. Ein Stück weiter stehen Pferde, Kühe und Schafe auf der Weide und lassen sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Kleine Deiche oder erhöhte Bauplätze schützen die wenigen Häuser vor dem gelegentlich über die Ufer steigenden Fluss. Wer selbst Zeit auf der Flussinsel, die nur mit einer kleinen Straße mit dem Festland verbunden ist, verbringen möchte, kann sich in den Sommermonaten auf dem Zeltplatz einmieten – oder sich für eine der wenigen Ferienwohnungen entscheiden. Jede hat einen besonderen Charme und überzeugt durch andere Details. Während der eine Hof den Gästen seiner Wohnungen einen kleinen Hofladen und den Kontakt zu den hauseigenen Eseln erlaubt, kann man bei einem anderen Innovation in der Landwirtschaft erleben. Ein Melkroboter kümmert sich um die Milchkühe, reinigt die Euter und findet lasergesteuert die richtige Position für die Melkmaschine. Den Bauern bleibt so mehr Zeit sich um die Bedürfnisse der Tiere zu kümmern „Kühe wollen keine Abwechslung. Der langweiligste Tag ist für sie der Beste“, erklärt einer der Bauern seine Erfahrung mit den Wiederkäuern. Und auch bei den Inselfreunden, dem Verein der Inhaber der Wochenendhäuser, kann man Zimmer mieten – und mit Blick auf den Fluss und die Stadt Brake in der Strandhalle einkehren.

„Man muss heimatkundlich interessiert sein“, erklärt Wilfried Sagkob die wichtigste Voraussetzung für einen guten Stadtführer. Er zeigt auf ein quaderförmiges Backstein-Gebäude, auf dessen Dach eine ungewöhnliche Konstruktion steht. Vor dem Turm steht eine Kanone, die einst sieben Kilogramm schwere Kugel über 1.800 Meter Entfernung schoss. 1846 war das Gebäude Teil eines Netzwerks für optische Telegraphie. Damals stand alle 10 bis 15 Kilometer eine solche Konstruktion, sodass man durch die Stellung der Semaphorarme Nachrichten Buchstabe für Buchstabe über große Entfernungen weiterleiten konnte. Heute ist der Telegraph das Wahrzeichen von Brake – und Teil des Schiffahrtsmuseum Unterweser. Im Telegraphen ist auf mehreren Etagen eine Dauerausstellung u.a. zum Alltag an Bord eines Walfangschiffes aus dem 19. Jahrhundert, mit Schiffsmodellen und Fragmenten eines Rettungsboots der 1957 in einem Orkan gesunkenen Viermastbark „Pamir“  zu sehen. Von der obersten Etage hat man einen guten Blick auf die Stadt, den Hafen und das Umland. Nicht weit entfernt steht ein Kaufmanns- und Reederhaus von 1808 mit weiteren Teilen der Ausstellung. Sehenswert ist auch das Reet-gedeckte Fischerhaus aus 1731.

Wer genau hinschaut, sieht dabei auch den letzten Weserfischer. Dieser hat sein Schiff am Rand des 500 Meter breiten Flusses in der Strömung vertäut und kommt hin und wieder an Bord, um die Netze aus dem Wasser zu ziehen. Lachs, Butt und Zander sind nur drei der vielen Fischarten, die der Fischer in seinen Netzen findet. Wer über die entsprechende Sachkunde wie eine bestandene Sportfischerprüfung verfügt, kann sich in Brake ein Angelboot mieten und bekommt die kleine Fischereikarte gleich dazu. Dieter Hullmann von der „Neptun Fischvermarktung“ vermietet die 15 PS starken Boote an Angler. Wer den Fisch nicht selbst fangen möchte, findet den Neptun Fischimbiss im Hafenbereich. Dort kommt auch der Fang der beiden bis heute im Familienbesitz befindlichen Fischkutter in die Pfanne. „Ich bin Fischer mit Leib und Seele“, so Dieter Hullmann zu seiner Profession.

Brake selbst war einst eine „sündige Meile“. Doch die Zeiten, in denen sich Seeleute, Landbewohner und später Marinesoldaten in der Stadt amüsierten sind lange vorbei. Heute ist Brake für Fahrradfahrer gleichermaßen interessant wie für Technikliebhaber und Urlauber, die einfach ein paar Tage abseits vom Großstadtleben ausspannen möchten. Der entspannende Blick auf den Fluss, dessen Tiedenhub 3.80 m beträgt, trägt dazu genauso bei wie die interessante Geschichte der Stadt, die man in den Straßen und Gassen von Brake genauso entdecken kann wie auf ausgeschilderten Wegen wie den maritimen Wegen „auf den Spuren der Duckdalben“.

(SMC)