29. Jan. 2022

Reisen

Nur rund hundert Kilometer von Frankfurt entfernt liegt mit dem „Lieblichen Taubertal“ eine reizvolle Region, die Wanderern und Radfahrern eine Menge zu bieten hat. In mehreren Tagesetappen kann man dem Verlauf des Flusses Tauber folgen und kommt dabei nicht nur durch schöne und abwechslungsreiche Natur, sondern auch durch eine über Jahrtausende bewirtschaftete Kulturlandschaft mit Schlössern, Stadtmauern und historischen Stadtkernen. Auch für Genießer ist die Region eine gute Wahl, denn sie ist nicht nur für ihre Weine bekannt, sondern auch für die gute und reichhaltige Küche – von der einfachen Wirtschaft bis zum Restaurant auf Sterneniveau. Die gut hundert Kilometer lange Tour von Wertheim nach Rothenburg ob der Tauber über den 5-Serne-Radweg gilt als eine der schönsten Radwandertouren.

Ein guter Ausgangspunkt ist die Große Kreisstadt Wertheim, in der die Tauber in den Main mündet. Nicht umsonst wird die Stadt in normalen Tourismusjahren von zahlreichen Flusskreuzfahrtschiffen mit Urlaubern aus aller Welt angesteuert. In der Zeit vor der Pandemie landeten jedes Jahr rund 470 Hotelschiffe mit rund 80.000 Tagesgästen in Wertheim an. Größte Sehenswürdigkeit ist die zur Zeit der Kreuzzüge errichtete Wertheimer Burg oberhalb der historischen Altstadt. Wo einst die Grafen zu Wertheim residierten, steht heute einer der größten Steinburgruinen Süddeutschlands.

Wer Zeit hat, sollte sich nicht nur die prächtige Burganlage anschauen, sondern auch in der Burggaststätte einkehren. Mit Blick auf den Fluss und die Altstadt kann man im Burgrestaurant Wertheimer Weine und kulinarische Köstlichkeiten aus der Region genießen. Die Altstadt mit ihren reich verzierten Fachwerkhäusern, Kirchen und ihren schmalen Gassen kann man auf besondere Weise bei einer Nachtwächterführung entdecken. Rainer Dreikorn ist einer der Stadtführer, die verkleidet als mittelalterlicher Nachtwächter, durch ihre Heimat führen. Er erwartet seine Gäste am Spitzen Turm am Rand der Altstadt. Wer mag, kann die 141 Stufen des 36,5 Meter hohen Turms aus dem 13. Jahrhundert hinaufgehen oder einen Blick in den ehemaligen Kerker, das Angstloch, werfen. Mit Fachkunde und Humor begleitet der Stadtführer seine Gäste und lässt sie nicht nur in die Geschichte der Stadt, sondern auch in das mittelalterliche Leben eintauchen. Anekdoten und wahre Begebenheiten aus der Vergangenheit machen den Rundgang durch die Stadt zu einem kurzweiligen Vergnügen. Die Tour führt durch das Maintor, einem von einst 18 Stadttoren, in die Altstadt und dann durch die verwinkelten Gassen der Stadt, die durch ihre Lage am Fluss immer wieder von Hochwasser überrascht wurde. Horn, Laterne und Hellebarde machen die einstündige Tour auch für Kinder zu einem Erlebnis, an dem man von April bis Oktober auch ohne Voranmeldung teilnehmen kann.

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts war der norddeutsche Maler Otto Modersohn von der Stadt begeistert. „Wertheim ist wirklich ein entzückendes Nest, hochmalerisch und urgemütlich“, wird er zitiert. Heute hat die Stadt natürlich auch ihre modernen Seiten – vom Shopping-Outlet-Center vor der Stadt über einen Beachclub am Zusammenfluss an der Taubermündung bis hin zu Unterkünften in jeder Preisklasse. Gerade für Radfahrer interessant ist das Angebot, die Räder bei ausgewählten Betrieben sicher abzustellen und das Gepäck für die einzelnen Etappen transportieren zu lassen. Eine kurze Etappe führt aus dem von Weinbergen umgebenen Wertheim in das zur Stadt gehörende Dorf Bronnbach. Auf gut ausgeschildeten Wegen kommt man an einen malerischen Ort, an dem im Jahr 1153 eine Zisterzienser-Abtei gegründet wurde. Das 860 Jahre alte Anwesen ist bestens erhalten. Kirche, Kreuzgang und die Räume des früheren Klosters können besichtigt werden und geben Einblick in das Leben der Mönche. Sehenswert ist nicht nur die Abteikirche aus rotem Sandstein, sondern auch die wunderschönen Säle des Klosters und der Kreuzgang, der die Geschichte von Jahrhunderten zu atmen scheint. Andreas Gravius ist Pächter des Hotels gegenüber des Klosters und trägt mit Engagement und einer Reihe von Kulturveranstaltungen dazu bei, dass das Kloster auch in der heutigen Zeit ein Ort der Kultur und der Begegnung ist. Nicht verpassen sollte man einen Besuch in der Orangerie des Restaurants Kloster Bronnbach. Wo einst im Winter schützenswerte Pflanzen aus den Gärten des Klosters unterkamen, kommen heute Genießer voll auf ihre Kosten. Die Küche der Orangerie verwöhnt ihre Gäste mit besonderen Geschmacksnoten und ist für jeden Genießer Pflichtprogramm.

Während das Kloster auf der Landkarte der Tourismusziele eine unübersehbare Landmarke ist, gibt es am Wegesrand immer wieder auch kleine, unbekannte und trotzdem liebenswerte Sehenswürdigkeiten. In Niklashausen haben engagierte Einwohner das Pfeiferhannesmuseums geschaffen. Es erzählt die Geschichte von Hans Böhm, in der Region bekannt als Pfeifer von Niklashausen, der vom armen Hirten und Musiker zu einem Prediger wurde und tausende Menschen zur Wallfahrt in seinen Heimatort bewegte. Mit dem Versprechen eines unentgeltlichen Ablasses der Sünden und der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit mobilisierte er die Massen und wurde schließlich auf Befehl des Würzburger Bischofs verhaftet und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Neben der Geschichte des Pfeifers sind im Museum historische Alltagsgegenstände zu sehen. Marlise Düx und ihr engagiertes Team führen nach Voranmeldung durch das kleine Museum.

Direkt an der in diesem Bereich besonders malerischen Tauber liegt Tauberbischofsheim. Nach einigen Kilometern durch die Landschaft stößt man hier auf reiche Kultur und Geschichte. Am zentralen Marktplatz liegt nicht nur das historische Rathaus, sondern auch die St. Lioba-Kirche. Bei einer Stadtführung entdeckt man die interessantesten Plätze der Urlaubsstadt. Stadtführerin Irmgard Wernher-Lippert zeigt gut erhaltene Häuser und erzählt von den an der Fassade angebrachten Neidköpfen. Sie zeigt Reste der Stadtmauer und steigt mit ihren Gästen auf den Türmersturm, auf dem einst ein Türmer lebte und die Stadt bei Feuer und anderen Gefahren warnte. Mit Schulmuseum und Tauberfränkischen Landschaftsmuseum gibt es in der auch für ihr Fechtzentrum bekannten Stadt eine Menge zu entdecken. Wer sich während der Radtour entspannen möchte, kann etwas außerhalb vom Stadtzentrum eine Pause machen und die idyllischen Kneipp-Becken nutzen. Auch kulinarisch gibt es reiche Auswahl vom Kuchen auf der Terrasse des neuen Schlosscafés bis zum Steak im Schatten der Kirche im Restaurant Arena gleich neben dem Lioba-Brunnen.

Eine weitere Empfehlung für Gäste des Taubertals ist Bad Mergentheim. Der Kurort mit Schloss verfügt über eine lebhafte Innenstadt mit attraktiven Geschäften und nicht weit entfernt davon einen ruhigen und gepflegten Kurpark. Gleich, ob man lieber durch die Stadt flaniert oder es sich im Park gemütlich macht, es lohnt sich Zeit in Bad Mergentheim zu verbringen. Wer sich für die Kultur und Geschichte der Stadt interessiert bucht in der Touristinfo eine Stadtführung. Stadtführerin Monika Schmieg ist mit der Stadt bestens vertraut und führt ihre Gäste zu den schönsten Orten. Ebenso empfehlenswert ist ein Besuch im staatlich anerkannten Erholungsort Weikersheim. Der zentrale Marktplatz ist genauso sehenswert wie die Bauwerke aus ganz verschiedenen Epochen. Die Stadtkirche St. Georg, das barocke Rathaus und natürlich das Renaissanceschloss sollte man sich auf jeden Fall anschauen. Die Geschichte und Entwicklung der Stadt kann man im „Gänsturm“, einem früheren Stadttor, entdecken und dabei den Blick über die liebenswerte Kleinstadt genießen. Nach dem Aufstieg auf den Turm sollte man im idyllischen Innenhof des Museums zur Ruhe kommen und die geschichtsträchtigen Mauern auf sich wirken lassen, empfiehlt Christel Nowak von der Tourist-Information.

Schloss Weikersheim mit seinen mächtigen Ziergiebeln wurde im 16. Jahrhundert von Graf Wolfgang II. von Hohenlohe auf den Fundamenten einer alten Wasserburg erbaut. Hier kann man Garten- und Landschaftsarchitektur bewundern und bei einer Schlossführung den Rittersaal. Der Barockgarten beinhaltet nicht nur eine eindrucksvolle Orangerie und einen Grottenpavillion, sondern auch zahlreiche Skulpturen. Graf Carl Ludwig ließ seinen damaligen Hofstaat in Form einer Zwergen-Galerie am Eingang des Schlossgartens karikieren. Der Stadt gelingt es eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schlagen. So ist in der Nähe der Tauber eine moderne Philharmonie entstanden, die genau wie die Veranstaltungen im Schloss für ein attraktives Kulturprogramm sorgt.

Krönender Abschluss einer E-Bike-Tour durch das „Liebliche Taubertal“ ist ein Aufenthalt in Rothenburg ob der Tauber. Die hoch über der Tauber gelegene Stadt ist bis heute von einem geschlossenen Mauerring umgeben. Das „Fränkisches Jerusalem“ verlor nach dem 30jährigen Krieg seine Bedeutung und fiel in bittere Armut. Das brachte einen Dornröschenschlaf mit sich, der dafür sorgte, dass die Stadt mit ihrer mittelalterlichen Struktur und Bausubstanz bis heute erhalten geblieben ist. Als in der Zeit stehen gebliebenes Kleinod wurde Rothenburg später wiederentdeckt und zu einem weltweit bekannten Touristenziel. Wer sich der Stadt nähern möchte, kann auf dem Turmweg die historische Altstadt umrunden und die mittelalterliche Stadtbefestigung und das Landschaftspanorama gleichermaßen erleben. 22 thematische Stationen auf dem rund vier Kilometer langen Weg liefern Informationen zur Geschichte und Entwicklung der Stadt. Kleine Abstecher, zum Beispiel durch den Burggarten oder über einen Weinlehrpfad ergänzen den Rundweg. Wer tiefer in die Geschichte der Stadt eintauchen möchte, kann sich im Rothenburgmuseum informieren oder im Mittelalterlichen Kriminalmuseum unter anderem erfahren, welche Foltermethoden es im Mittelalter gab und wie das Rechtssystem funktionierte. Die mittelalterliche Altstadt ist eine Traumkulisse für eine Nachtwächterführung. Treffpunkt für die Touren ist der Marktplatz. Mit großen Gruppen ziehen die Nachtwächter durch Rothenburg und erklären auf dem Weg die Geschichte der früheren Reichsstadt.

Von Rothenburg aus können Aktivtouristen mit dem Rad wieder zurück nach Wertheim fahren und sich auf dem Rückweg viele weitere attraktive Orte und Sehenswürdigkeiten anschauen. Auch für Genießer lohnt es sich immer mal wieder Halt zu machen und regionale Produkte und gastronomische Betriebe kennen zu lernen. Wer es gemütlicher angehen lässt, fährt mit dem Rad zurück bis Weikersheim und erreicht von dort mit der Regionalbahn in gut einer Stunde wieder den Ausgangsort Wertheim. 

(SMC)