20. Okt. 2018

Reisen

47 Meter ragt die Großvater-Tanne im Wald bei Freudenstadt in den Himmel hinauf. Die mächtigste Tanne des Schwarzwalds steht schon mehr als 300 Jahre dort. Mehr als hundert Jahre davor gründete Herzog Friedrich I. von Württemberg die Stadt im Jahre 1599. An einem ländlichen Flecken mit gerade mal 30 Einwohnern ließ er eine Stadt mit Platz für 2.500 Einwohner und ein gewaltiges Schloss planen. Die Stadt, deren Grundriss an ein Mühlespiel erinnert, wurde errichtet. Auch eine Kirche, ein Rathaus, ein Spital und ein Kaufhaus als winkelförmige Eckgebäude wurden gebaut und säumen heute noch den riesigen Marktplatz. Lediglich das Schloss wurde nicht verwirklicht, sodass im Zentrum von Freudenstadt heute Deutschlands größer Marktplatz liegt. Rund um diesen wurden nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs viele Gebäude nach alten Plänen neu errichtet. Arkaden umgeben den Platz und machen Freudenstadt bei jedem Wetter zu einer Einkaufsstadt für den nördlichen Schwarzwald.

Von der Geschichte der Stadt schwärmt Stadtführerin Petra Rau. Eine Venus von Freudenstadt genannte Skulptur, die an den schnellen Wiederaufbau nach dem Krieg erinnert, ist Startpunkt einer ihrer Führungen. Vom nahezu quadratischen, 47.836 m² großen Marktplatz aus geht es zum reich mit Blumen geschmückten Kurhaus, durch den Kurpark und durch die nach Plänen des Baumeisters Heinrich Schickhardt erstellten Straßen. Wer Gelegenheit dazu hat, sollte sich die Stadt auch vom 43 Meter hohen Rathausturm anschauen. Er liegt an einer der Ecken des Marktes und bietet einen schönen Blick in alle Richtungen. Besteigen kann man den Turm Montag bis Donnerstag von 8:00 bis 12:00 Uhr, freitags von 8:00 bis 13:00 Uhr und donnerstags zusätzlich von 14 bis 17:30 Uhr. Die Führung geht weiter zum heutigen Wellnesshotel Palmenwald Schwarzwaldhof. Es wurde einst auf einem Hügel voller Stechpalmen als Erholungsheim für die Angestellten einer Lackfabrik gebaut und hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Unter anderem diente es in der von Reisenden weniger nachgefragten Jahreszeit als Hauswirtschaftsschule für höhere Töchter. Diese lernten in drei Monaten alles, was eine junge Frau in der damaligen Zeit wissen sollte. Bis heute überliefert ist ein Buch mit Rezepten aus dieser Zeit – und manches Möbelstück im gut gepflegten und seit einigen Jahren wieder aktiven Hotel. Besichtigt werden kann auch das Zimmer, in dem 1896 Hermann Hesse übernachtete und ein Gedicht ins Gästebuch des Hotels schrieb. Ungewöhnlich sind die im Weinkeller erhaltenen Zeichnungen von Soldaten aus der Zeit, als das Haus als Lazarett genutzt wurde. Auch diese kann man bei der Führung mit Petra Rau sehen.
Bei anderen Führungen geht Petra Rau mit ihren Gästen ins Grüne. Gleich hinter dem Hotel ist ein Teil des ehemaligen Kurparks zu sehen. Verfallene Terrassen und Pavillons erinnern daran, dass der heilklimatische Kurort Freudenstadt schon vor langer Zeit ein beliebtes Ziel für Luftschnapper und Sommerfrischler war. So nannten die Einheimischen die wegen der guten Luft in die Stadt kommenden Besucher aus der Ferne. Oberhalb liegt der 28 Meter hohe Friedrichsturm. Der Aussichtsturm wurde 1899 anlässlich des 300. Stadtjubiläums erbaut und ist für Besucher über 147 Stufen frei zugänglich. Unterhalb liegt Deutschlands höchster Rosenweg. Rund 2.200 Rosen, Wildrosen und historische Rosen wurden auf dem Kienberg gepflanzt und sorgen zur Blütezeit im Juni/Juli für farbenfrohe Akzente. Wer lieber ohne Guide unterwegs ist, findet rund um Freudenstadt eine Menge Angebote. Neben klassischen Wanderwegen gibt es besondere Angebote wie die mit einer App als Audioguide verbundene „Lauschtour“ oder Premium-Wanderwege wie den Kniebiser Heimatpfad. Dieser führt durch Wald, Heide und Wiesen und verbindet schöne Ausblicke mit Lernen und Erfahrungen in der Natur.
Mehr als 50 Hotels und Gastgeber haben sich der SchwarzwaldPlus-Karte angeschlossen. Gäste dieser Häuser bekommen die Mehrwertkarte bei Buchungen ab 2 Nächten und können damit eine ganze Reihe von Attraktionen in der Region kostenfrei besuchen. Dazu gehört zum Beispiel eine Segway-Tour durch Baiersbronn. Nach telefonischer Anmeldung trifft sich die Gruppe im Sankenbachtal. Gleich nach der Einweisung geht es los zur 45-minütigen Tour. Bei der lernt man nicht nur mit dem Gefährt umzugehen, sondern bekommt auch Informationen über die Region. Auf dem Weg kreuzt man den ebenfalls zur Karte gehörenden Sessellift und eine Strecke, über die Mountaincarts ins Tal rasen. Ebenfalls sehenswert ist die Glasbläserei Dorotheenhütte in Wolfach. Dort erfährt man eine Menge über die Geschichte des Glases im Schwarzwald. Wer mag, kann gegen Aufpreis selbst dabei mitmachen, eine gläserne Vase zu blasen und diese anschließend mit nach Hause nehmen. Wer abends noch Lust hat, kann mit der Karte in Freudenstadt, Alpirsbach oder Schramberg ins Kino gehen und den Tag ausklingen lassen. Eine besondere Empfehlung für Familien ist das Erlebnismuseum Experimenta. In diesem Museum ist Anfassen und Ausprobieren ausdrücklich erlaubt. Gut erklärt erlebt man optische Täuschungen, bewältigt Geschicklichkeitsspiele und lässt den eigenen Schatten an der Wand einfrieren. Die Mehrwertkarte bietet ein reiches Angebot aus mehr als 80 kostenfreien Erlebnissen in den Kategorien Aktiv, Lifte & Bahnen, Kultur, Bäder, Familie, Genuss, Natur und sogar kostenfreies Parken in Baiersbronn und Freudenstadt.
Auch kulinarisch hat die Region eine Menge zu bieten. Während Baiersbronn für die Sternegastronomie bekannt ist, gibt es überall in der Region Restaurants und Cafés in den unterschiedlichsten Preisklassen – aber meist in guter Qualität. Eines davon ist das Turmbräu mitten auf dem Marktplatz in Freudenstadt. Das urige Restaurant ist ein guter Platz, um traditionelle Spezialitäten wie Flammkuchen zu probieren. Dazu gibt es selbstgebrautes Bier. Nicht weit entfernt davon liegt auf dem unteren Marktplatz der Speckwirt. Das Gastronomiekonzept wurde erst vor rund einem Jahr entwickelt und kombiniert modernes Design mit Gemütlichkeit. Im Restaurant liegt ein Geschäft für Schwarzwald-Spezialitäten, in dem nicht nur Speck und Schinken, sondern auch viele andere Mitbringsel verkauft werden. Exklusiver ist das Restaurant im Hotel Adler. Inhaberin Beate Geiser hat das traditionelle Haus mit viel Liebe erweitert und verfügt nun über einen modern gestalteten Restaurantbereich. Sie ist als Expertin für Schwarzwälder Kirschtorte bekannt und empfiehlt bei der Auswahl nicht nur auf die Höhe der Torte zu achten, sondern auch auf den Gehalt an Kirschwasser und die Verwendung frischer Kirschen. Ein Stück außerhalb liegt die Kniebis-Hütte. Diese liegt mitten im Skigebiet, ist aber das ganze Jahr bewirtschaftet. Die überschaubare Karte beinhaltet regionale Spezialitäten, aber auch Klassiker wie schmackhafte Salate und Steaks.
Wer den Marktplatz von Freudenstadt genauer erkundet, stößt in drei der vier Ecken des Platzes auf winkelförmige Gebäude. Eines davon ist die evangelische Stadtkirche. In dieser gibt es ein romanisches Lesepult von 1150 aus Weidenholz. In das Pult sind die vier Evangelisten eingearbeitet – und eine Vorrichtung, die dafür sorgt, dass Weihrauch durch die Körper der Evangelisten strömt. Ebenso eindrucksvoll ist ein Kruzifix oberhalb des Altars. Es wurde um das Jahr 1500 geschaffen und zeigt Jesus je nach Standpunkt des Betrachters ganz unterschiedlich. Musikliebhaber werden auf den ersten Blick die ungewöhnliche Orgel bemerken, deren Pfeifen auf zwei Plätze in der Kirche verteilt sind. In der Nähe der Kirche liegt das Stadtmuseum mit Informationen über Heimatgeschichte, den Wiederaufbau nach dem Krieg, über historische Berufe und den Tourismus in der Region. Gerade im Frühling ist der Platz schön bepflanzt, sodass es überall grünt und blüht. Tourismusdirektor Michael Krause und sein Team sorgen dafür, dass die Stadt ihren Besuchern und Einwohnern eine Menge zu bieten hat.
Wer mit dem Auto in der Region ist, kann über die Schwarzwaldhochstraße zum Lothar-Pfad fahren. Der Rundweg erinnert an die Schäden durch den Sturm Lothar und ermöglicht den Besuchern einen interessanten Einblick in den Wald. Über hölzerne Pfade und über Stock und Stein geht es zu unterschiedlichen Aussichtspunkten und Informationstafeln. Schön ist auch ein Besuch am Mummelsee. Gut gefüllte Parkplätze zeigen, dass dieser ein gefragtes Ziel in den Bergen ist. Wer einen Parkplatz findet, kann über einen Rundweg um den See flanieren und sich dabei die in der Landschaft stehenden Kunstwerke anschauen. Ein weiteres Highlight in der Region sind die Allerheiligen-Wasserfälle und die Klosterruine in Oppenau. Gleich neben der Straße liegt ein verlassenes Prämonstratenser-Kloster aus dem Jahre 1196, von dem in Teilen nur die Mauern erhalten geblieben sind. Wer sich von dort aus auf den Weg durch das Lierbachtal macht, entdeckt einen malerischen und eindrucksvollen Wasserfall, der in sieben Kaskaden 83 Meter ins Tal stürzt.
Der heilklimatische Kurort Freudenstadt bietet seinen Besuchern viele Möglichkeiten. Während die einen einfach die gute Luft genießen und die Weite des Waldes erleben, setzen andere auf sportliche Aktivitäten von Wandern über Mountainbiking. Wieder andere lassen es sich in der Gastronomie gut gehen und entdecken die Kultur und Geschichte der Region. Rund um Deutschlands größten Marktplatz gibt es im Herzen des Schwarzwalds zahlreiche Gelegenheiten freie Zeit zu verbringen. Oft ist der Schwarzwald dabei Ziel für einen Kurzurlaub – doch mit Auto und entsprechender Planung gibt es auch für längere Aufenthalte genug zu entdecken in der Region, die um 1900 als Luftkurort bekannt wurde und sich heute zu einem modernen, das ganze Jahr über interessanten Tourismusziel gewandelt hat. (SMC)