07. Jun. 2020

Reisen

1Kürzlich fand ein Jodelseminar im Landschaftspark Nord in Duisburg statt. Josef Ecker aus Bergen im Chiemgau, der bereits seit 7 Jahren Seminare leitet, hat einen der schönsten Aussichts- und Ausflugsorte ausgewählt. Er nutze den stillgelegten Hochofen, um dort seine Aufwärmübungen zu praktizieren. Wie echte Bergsteiger erklommen die ermutigten Teilnehmer die Treppen bis zur Aussichtsplattform. Da schnaufte so manch eine: „Ich wusste nicht, dass ich auch noch abspecken sollte.“
Froh oben angekommen zu sein und ein wenig atemlos, durften die Jodel- Schüler deshalb mit Hilfe von Übungen aus dem Tai-shi und Yoga wieder Luft holen. Der Entspannungsaspekt kam da nicht zu kurz. Beinahe schien es so, als wehe einem frische Alpenluft um die Nase, die von den warmen Sonnenstrahlen des schönen Tages gekitzelt wurde. Der Panoramablick lud förmlich zum Jodeln ein. Ganz einfach ging es los! Mücken und Hummeln wurden nachgeahmt. Wie macht das lästige Insekt gleich noch mal? –Düüüüüüüüüüüü, Rüüüüüüü! Und der dicke Brummer fliegt auf der Tonleiter darunter mit dem Laut „Huuuulliiioooo“.
Doch manch einer wird sich jetzt fragen: Was sind das für Leute, die sich zu solch einem Kurs anmelden? Josef Ecker weiß genau, dass Jodeln nicht gerade ein gewöhnliches Hobby ist. „Die Leute sind skeptisch dem Unbekanntem gegenüber“, erklärte er. Die Teilnehmer aber wollten einfach eine neue Erfahrung machen. Niemand außer dem Musiklehrer tauchte in Lederhose auf. Selbst die Frauen hatten sich nicht in ein Dirndl gezwängt. Nein, dabei gewesen sind Frauen, Männer und Kinder, die durch Mundpropaganda, Presse, Funk oder Fernsehen davon erfahren hatten und nun neugierig geworden waren. Keiner von ihnen hatte je zuvor an seiner Stimme gearbeitet. Es waren die typischen Unter-der-Dusche-Sänger und –Sängerinnen. Wer sprechen könne, der gebe auch alpenländische Töne von sich. Josef berichtete von anderen Seminaren.
Über 1500 Jodelschülern, vom Handwerker bis zum Firmenchef, hat er in die Grundzüge des Jodelns eingewiesen. Und nicht nur das. „Jodeln schule die Stimmbildung und verhelfe Menschen, die vor Publikum vortragen müssen, in einer richtigen Haltung, Zunge und Kiefer harmonieren zu lassen. Die Atemführung und Artikulation würden des Weiteren eine wichtige Rolle spiele“,  so der 57-Jährige. Das Seminar im Landschaftspark war das erste in Nordrhein-Westfalen und erfreute sich aus bereits genanntem Grunde keiner hohen Nachfrage, doch jetzt wurden hoffentlich die Vorurteile aus dem Weg geräumt, sozusagen den Berg herunter geworfen.
Im Verlauf des Tages wurden die Aktiven jedenfalls positiv überrascht. Nicht nur das Lob von Josef wurde ihnen zu teil. Besucher, die einen Ausflug auf den Hochofen gemacht hatten, klatschten Beifall. Es wurde richtig musikalisch, als  das Akkordeon herausgeholt wurde und alle gemeinsam voller Inbrunst den Alperer, das Bibihenderl und den Glocken- Jodler von sich gaben, mit Unterstützung durch Kuhglocken, Löffel- und Besenschlagen und ebenfalls erlernten Volkstänzen. Der Favorit, besonders bei den weiblichen Jodlerinnen, ist der Hätt i di, eine Art Lockruf der Frauen, wenn der Mann wieder einmal zu lange in der Kneipe hockt und nicht nach Hause kommen will. Sie jodelt und er lässt sein Weißbier stehen. Eine utopische Vorstellung. Sogleich 3- Stimmig beim gemeinsamen Beieinander ausprobiert.
Passives Publikum war herzlich willkommen. Da gab es keine Scheu, denn Josef hatte zuvor den Tipp gegeben: „Stellt euch das Publikum, die vielen Menschen, als Kohlköpfe oder ein kaltes und warmes Buffet vor.“  Das brachte Erfolg. Klar, dass  am Abend die Leistung gekürt wurde. Für jeden gab es ein Jodel- Diplom zum Einrahmen. Es erinnert an einen Tag voller Freude, Spaß und vielleicht sogar ein Stück Selbsterfahrung. Wer weiß? Vielleicht grüßt man sich bald nicht mehr mit „´Tach!“ sondern einem freudigen „Dje dü ai ho!“ 

(SMC)