25. Jan. 2020

Reisen

Schon im Mittelalter entstand zwischen den jüdischen Gemeinden der Handelsstädte am Rhein eine besondere Verbindung. Diese gelten als Wiege des europäischen Judentums. Gelehrte aus den drei Städten verbreiteten ihr Wissen und ihre Erkenntnisse im Abendland. In jüdischen Kreisen sind die drei oberrheinischen Städte deshalb bis heute als „SchUm-Städte“ bekannt – zusammengesetzt aus den Anfangsbuchstaben der hebräischen Städtenamen. Während die Vertreter der Städte, der jüdischen Gemeinde und des Landes den mehr als tausend Seiten umfassenden Antrag auf Aufnahme in das UNESCO-Welterbe verfassten, wurde an allen drei Orten saniert, dokumentiert und geplant, wie man das traditionelle jüdische Leben und seine heutige Form nicht nur für Touristen erlebbar machen kann.

Sch – Schin - Schpira – Speyer: Leben im Schatten des Doms

Wer das jüdische Leben in Speyer erleben möchte, entdeckt es bei einer Stadtführung mit Wilhelm Friedrich Treutle auf Schritt und Tritt. Auf dem Weg vom Dom durch die Fußgängerzone bleibt der Stadtführer immer wieder stehen. In jedem dritten Geschäftshaus haben vor dem zweiten Weltkrieg Juden gelebt und gearbeitet. Deshalb kann Treutle seinen Gästen eine Menge bewegender Geschichten erzählen. Von einem Bekleidungsgeschäft, das seine Kundinnen trotz der Blockade durch die SA die Mode in einer Seitengasse verkaufte. Von einem versteckt in der Stadt lebenden Juden, der der Verfolgung nur knapp entging. Und auch von der ersten Autovermietung in Deutschland. Viel Anschaulicher als beim Blick auf die vor manchen Häusern liegenden Stolpersteine wird so der Einblick in die düstere Geschichte der beschaulichen Stadt. Im mittelalterlichen Judenhof kann man die Überreste der historischen Synagoge besichtigen. Während von dieser und der anliegenden Frauenschul nur Ruinen erhalten sind, ist das rituelle Bad gut erhalten. Eine steile Treppe geht es hinunter in die Mikwe, in der sich religiöse Juden zu verschiedensten Anlässen rituell reinigten. Nicht weit entfernt steht die moderne Synagoge, in der der jüdische Glaube in Speyer lebendig ist.

U – Waw – Warmaisa – Worms: Heiliger Sand in der Nibelungenstadt

Juden sind in Worms seit rund tausend Jahren zuhause. Im Mittelalter lebten diese in der Judengasse und bauten entlang der alten Stadtmauer nicht nur ihre Wohnhäuser, sondern auch ihre Synagoge als religiöses und kulturelles Zentrum. Einige der Gebäude aus dem 11. bis 17. Jahrhundert haben den Holocaust überstanden, andere wurden wieder aufgebaut und geben der durch Zuzüge aus Osteuropa wieder angewachsenen jüdischen Gemeinde eine Heimat. Die Mikwe ist wegen Renovierungsarbeiten aktuell geschlossen. Das dreifache Untertauchen im knapp neun Grad kalten Wasser ist für die Gläubigen eine ganz individuelle Sache. Dafür ist der historische Judenfriedhof „Heiliger Sand“ sehenswert. Alte Grabsteine stehen auf dem Areal. Manche Grabsteine sind mit Steinen und mit Zetteln mit Fürbitten geschmückt. Diese werden regelmäßig eingesammelt und auf traditionelle Weise begraben. Das berichtet Gisela Neumeister bei ihrer Stadtführung, die auch am Raschi-Haus vorbeiführt. Dort kann man ein jüdisches Museum besuchen. Die Synagoge selbst kann man besuchen. Männliche Besucher tragen dabei wie im jüdischen Glauben üblich eine Kippa oder eine andere Kopfbedeckung. Im Kaiserdom wird im Geschichtsfenster an die Judenverfolgung in den Jahren 1034, 1349 und 1938 gedacht. Gleich neben dem Bild von Martin Luther ist unter dem Davidstern ein von seinem Peiniger bedrängter Jude zu sehen.

M – Mem – Magenza – Mainz: Ein Zentrum des Glaubens

Auch in Mainz hat der jüdische Glauben lange Tradition. 2010 wurde in der Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz die Neue Synagoge erbaut. Auch der alte jüdische Friedhof Judensand ist beeindruckend. Er wurde im Jahr 1012 gegründet, im Mittelalter zerstört und schließlich bis 1880 genutzt. Rund 1.500 Grabsteine erinnern an die lange Geschichte des Judentums in der Stadt. Eine Attraktion für Touristen aus aller Welt sind die blau leuchtenden Fenster der Kirche St. Stephan. Der jüdische Künstler Marc Chagall schuf die Kunstwerke als Zeichen der jüdisch-christlichen Verbundenheit.

Die drei Kaiserdome

Sehenswerte Landmarken in den drei Städten sind ihre Domkirchen. Die dreischiffige Gewölbebasilika stammt aus der romanischen Zeit. Mit ihren vier Türmen in den Ecken des Baukörpers war und ist der Dom das Wahrzeichen der Stadt. Der Südwestturm ist in den Sommermonaten für Führungen geöffnet und bietet von der Aussichtsplattform einen eindrucksvollen Blick auf die Stadt. Die Krypta unter der Kirche ist die Grablege der Salier. Hier können Besucher die Gräber von Kaisern und Königen besuchen. In Mainz liegt das Dom- und Diözesan Museum direkt neben der Domkirche. Unmittelbar verbunden mit dem spätgotischen Kreuzgang erzählt es die Geschichte des Erzbistums.  Und auch in Worms hat der Dom eine lange Geschichte.

Schätze am Wegesrand

Jede der Städte hat ihre Besonderheiten. Diese beginnen mit den Ampelmännchen. In Mainz bringen die Mainzelmännchen die Fußgänger an manchen Stellen zum Schmunzeln. In Worms hat Martin Luther seinen Platz an einer belebten Kreuzung gefunden. Auch das Kulturleben ist vielfältig. Ein Besuch in Mainz ist ohne das Gutenberg-Museum kaum vorstellbar. Hier wird die Geschichte der Schriftkultur in der rekonstruierten Werkstatt von Johannes Gutenberg lebendig. Das Zimmertheater Speyer präsentiert seine Aufführungen im historischen Gebäudekeller. Und auch kulinarisch haben die Städte am Rhein eine Menge zu bieten – vom traditionellen Weinhaus Wilhelmi in Mainz über den  Ratskeller Speyer bis hin zum modernen „Wilma Wunder“.

(kk)