29. Mai. 2024

Reisen

Entstanden sind viele der Anwendungen rund um Wasser, Bewegung, Ernährung, Heilpflanzen und Lebensordnung im bayerischen Wörishofen. Ans dortige Kloster der Dominikanerinnen wurde Sebastian Kneipp im Jahr 1855 als Beichtvater versetzt. Mit seinem Engagement für die Gesundheit machte Kneipp aus dem schwäbischen Bauerndorf einen Gesundheitsort. Heute ist Bad Wörishofen als Kneipp-Stadt bekannt und nicht nur für mehrwöchige Kneipp-Kuren ein beliebtes Ziel, sondern auch für Urlauber, die eine Auszeit aus dem stressigen Alltag genießen und etwas für ihre Gesundheit tun möchten.

Kneipp für alle Sinne

Der Arbeitstag der Kneipp-Bademeisterinnen beginnt in aller Frühe. Zwischen vier und fünf Uhr am Morgen beginnen die Frühanwendungen. Während die Gäste noch schlummern, haben die Bademeisterinnen um Ordensschwester Johanna zum Beispiel duftende, heiße Heublumensäcke vorbereitet. Während das vegetative Nervensystem noch ganz entspannt ist, werden diese auf Nacken oder Rücken gelegt. So könnten die Wärme und der Duft besonders gut wirken, während die meisten Gäste gleich wieder einschlafen. Auch eine morgendliche Oberkörperwaschung gehört zu den Frühanwendungen, die den Körper mit Kälte- und Wärmereizen überraschen und so zu einer für die Gesundheit förderlichen Reaktion veranlassen. Doch das Repertoire der Anwendungen ist noch viel größer. Armbäder, Tautreten, Waschungen und Wassertreten sind nur ein kleiner Ausschnitt aus den Kneipp´schen Anwendungen.

Ein Kneipp´scher Espresso

Sebastian Kneipp selbst erkrankte in jungen Jahren während seines Theologiestudiums an der damals unheilbaren Tuberkulose. Inspiriert vom Buch „Unterricht von der Heilkraft des frischen Wassers“ von Dr. Johann Sigmund Hahn begann Kneipp sich selbst zu therapieren – und wurde als sich Erfolg einstellte gefragter Ratgeber und „Wasserdoktor“. Wie man von seinem Wissen bis heute profitiert, erklärt Gesundheitstrainerin Claudia Sachon bei einer Einführung in die Wasser-Therapie. Sie beginnt mit dem „Kneipp´schen Espresso“, einem Armbad, bei dem beide Arme in kaltes Wasser getaucht werden. Anschließend wird die Feuchtigkeit mit den Händen abgestreift. Der auf der Haut verbliebene Wasserfilm wirkt weiter, sodass der Körper als Reaktion auf den Kältereiz schnell beginnt Wärme zu produzieren, um seine Temperatur wieder zu erhöhen. Bei seinen Anwendungen sei Kneipp im Alter immer milder geworden, erklärt Claudia Sachon, die von insgesamt 120 verschiedenen von ihm entwickelten Wasseranwendungen berichtet.

Die Geschichte von Kneipp

Im Ostflügel des Klosters erzählt das Sebastian-Kneipp-Museum in den ehemaligen Novizen-Räumen von der Entwicklung von Wörishofen vor Kneipp, aber vor allem vom Leben und den Erfolgen des Wasserdoktors. Insgesamt gehören 7.200 Exponate zur Sammlung des kleinen Museums, von denen 650 Objekte in der aktuellen Ausstellung zu sehen sind. Diese reichen von Briefen, die Kneipp auf dem Weg zur einer Papstaudienz an die Klosterschwestern schrieb über Patientenberichte bis hin zur Original-Gießkanne, mit der der Pfarrer seine Patienten behandelte. Jährlich besuchen rund 8.500 Besucher das Kneipp-Museum, sodass man im letzten Jahr den 333.333. Besucher begrüßen konnte. Auch in der Stadt stößt man an vielen Stellen auf Kneipp. Die rund acht Millionen an Spenden, die er zu Lebzeiten erwirtschaftete steckte er in soziale Einrichtungen wie das Kneippianum, das Sebastianeum und das Kneippsche Kinderasyl. Sein Badehäuschen wurde mehrfach versetzt und steht heute im Stadtgarten. Wer mag, kann dort Schnupperanwendungen wie einen kalten Guss ausprobieren. Eine Statue steht gleich neben der Fußgängerzone. Und wer mag kann sein Mausoleum auf dem örtlichen Friedhof besuchen.

Ein farbenfroher Kurpark

Auch im 163.000 m² dreht sich alles um Kneipp. Duftpflanzen bieten olfaktorische Reize, Heilkräutergärten aus verschiedenen Epochen zeigen nicht nur heilende, sondern auch giftige Pflanzen. 6.000 Rosenstöcke aus 550 verschiedenen Sorten sorgen im Sommer für Blütenpracht. Die bunte Zusammenstellung aus Kletter-, Beet- und historischen Rosen begeistert nicht nur Pflanzenliebhaber. Karin Bendlin kennt sich als Expertin für Phytotherapie mit den Pflanzen aus und macht abwechslungsreiche Führungen durch den Kurpark. Ein 1.550 Meter langer Barfußweg quer durch den Kurpark bietet die Möglichkeit den Boden mit dem eigenen Körper zu erspüren. Und mit einer kleinen Gradieranlage wird auch für die Atemwege einiges geboten. In der gesamten Stadt verteilen sich 24 öffentlich zugängliche Kneipp-Anlagen – so viele wie an keinem anderen Ort.

Kur und Kloster

In der Stadt gibt es eine Vielzahl von Übernachtungsmöglichkeiten – vom Kneipp Campingplatz über Kurheime bis hin zu exklusiven Hotels. Das Original Kneipp-Hotel KurOase liegt gleich neben dem im Jahr 1721 erbauten Kloster. Es bietet neben modernen Zimmern und Anwendungen für die Gäste rund um die Uhr die Möglichkeit zum Wassertreten und zu Armbädern. Sehenswert ist auch der direkt angrenzende Kreuzgang des Klosters – und ein Teeschrank, an dem Pfarrer Kneipp vor 200 Jahren Tee gemischt hat. Luxuriöser ist das Hotel Gasthof Adler. Alexander Trommer und seine Frau haben nicht nur exklusive Zimmer, sondern auch einen stillvoll gestalteten Kneipp- und Wellnessbereich im Angebot. Und auch im Kur Lounge Kasino im Stadtzentrum kann man hervorragend essen.

Ein Kurort erfindet sich neu

Wie viele Kurorte hat Bad Wörishofen in der letzten Zeit viel investiert, um eine moderne Gesundheitsstadt und ein attraktives Urlaubsziel zu sein. Kurdirektorin Cathrin Herd und die 18.500 Einwohner der Stadt haben mit 250 Kilometer Rad- und Wanderwegen, einem Kurwald, in dem alle Bäume des Jahres zu sehen sind, einer Therme und dem nahegelegenen Allgäu Skyline Park eine Menge zu bieten, sodass nicht nur ältere Gäste, sondern auch Familien und junge Menschen nach Bad Wörishofen kommen. Dass ein zupackender Pfarrer dort vor 150 Jahren womöglich die grundlegenden Konzepte für heutige Trends wie Achtsamkeit und Slowfood entwickelt hat, und das Kneippen seit 2015 im bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes steht, zeigt nur wie wichtig die auf Vorsorge und einem gesunden Lebensstil Philosophie bis heute ist.

(SMC)