17. Jul. 2026

Reisen

Residenzstadt. Lessingstadt. Kulturstadt. Wolfenbüttel schmückt sich mit vielen Titeln, und jeder einzelne ist absolut verdient. Doch wer die geschichtsträchtige Perle in Niedersachsen von einer ganz neuen, sinnlichen Seite erleben möchte, bucht keine klassische Stadtführung, sondern begibt sich auf die neue „Genusspfade Tour“. Ein Streifzug durch die historische Altstadt mit ihren rund tausend bunten Fachwerkhäusern verschmilzt hier mit exklusiven Besuchen in inhabergeführten Manufakturen und Konzeptstores. Es ist eine Einladung, hinter die Kulissen zu blicken, den Geschichten der lokalen Macher zu lauschen und an jeder Station mit exquisiten Kostproben verwöhnt zu werden.

Der Blick hinter die Kulissen: Stadtgeschichte mit Geschmack

Wer an einer solchen Tour teilnimmt, wird beispielsweise von Susanne Ostermeyer oder dem ehemaligen Lehrer Klaus Wittchen begrüßt. Die beiden gehören zum Team, das Einheimische und Besucher durch die 52.000-Einwohner-Stadt führt. In den rund drei Stunden geht es jedoch um weit mehr als um das bloße Herunterbeten von Zahlen, Daten und historischen Fakten. Vielmehr sind es die kurzweiligen Anekdoten und die persönlichen Begegnungen, die diese Tour so besonders machen. Die Guides öffnen Türen zu kreativen Köpfen und alteingesessenen Originalen der Stadt, mit denen man beim normalen Stadtspaziergang wohl nie so tief ins Gespräch gekommen wäre.

Von Röststeuer und Kaffeekunst: 27 Sorten Genuss

Gründer Adrian Hermet ist Kaffeetrinker aus tiefster Leidenschaft und ein Genussmensch durch und durch. Schon der Name seines Ladens „Treccino Rösterei“ verweist mit einem Augenzwinkern auf das italienische Lebensgefühl und klingt bewusst ein wenig nach „drei Cappuccino“. Wer Hermet in seinem Reich besucht, merkt schnell, dass dieser Mann stundenlang über die weite Reise des Kaffees und seine komplexen Aromen referieren könnte. Jeden Montag, wenn das Café geschlossen bleibt, wirft der Autodidakt die Röstmaschine an. In handwerklicher Perfektion veredelt er hochwertige Spezialitätenkaffees, deren Rohbohnen er nach Möglichkeit über Direct-Trade-Partner aus Ländern wie Kolumbien, Brasilien, Äthiopien und Guatemala bezieht.

Dass in Deutschland pro Kilo geröstetem Kaffee eine Röststeuer von 2,19 Euro anfällt, nimmt Hermet ebenso gelassen und mit einem Schmunzeln wie den Dogmatismus mancher selbsternannter Kaffee-Gurus. „Ich bin nicht die Geschmackspolizei. Wichtig ist, dass es einem schmeckt“, betont er. Von Dienstag bis Samstag lädt sein gemütliches Café dazu ein, selbst zu entdecken. Ob blumig, fruchtig, mit Noten von Beeren, Nüssen oder feinem Karamell – für den Röstmeister ist Kaffee mindestens so vielfältig und spannend wie ein guter Wein. Bis zu 27 verschiedene Sorten hat er im Angebot, darunter echte Raritäten: Von manchen experimentellen Kaffees existiert weltweit gerade einmal ein einziger Sack. Neben dem Trend zu Bio-Sorten, die durch den Verzicht auf Kunstdünger das Klima schonen, setzt Hermet auch auf Exoten wie die Sorte Stenophyla, die unter kontrollierten Bedingungen in einem dänischen Gewächshaus gedeiht.

Entschleunigung im Alltag: Der Kontrapunkt zum Supermarkt

Weiter geht es zu Karsten Roloff, dem Kopf hinter dem Unverpacktladen „o-Ve“. Der Name steht kurz und prägnant für das Programm ohne Verpackung. Seit mittlerweile fünf Jahren beweist der 62-Jährige in Wolfenbüttel, dass ein nachhaltigerer Konsum nicht nur möglich ist, sondern auch richtig gut schmeckt. Nach einer langen Karriere im klassischen Einzelhandel wollte Roloff etwas verändern und mit seinem eigenen Laden einen positiven gesellschaftlichen Beitrag zur Klima- und Ressourcenthematik leisten.

Als radikalen „Systemsprenger“ sieht er sich dabei keineswegs. Vielmehr versteht er sein Geschäft als ein charmantes Angebot, einfach mal anders einzukaufen, miteinander ins Gespräch zu kommen und im hektischen Alltag ein bisschen runterzukommen. Es ist sein ganz persönlicher Kontrapunkt zur modernen Supermarkt-Kultur, in der oft nur der billigste Preis zählt. Roloff setzt stattdessen konsequent auf Saisonalität und kompromisslose Regionalität. „Das Gemüse hat gestern noch auf dem Feld im Nachbarort Dettum gelegen“, erklärt er stolz. Dass Qualität ihren Preis hat, verheimlicht er nicht – rund 95 Prozent seiner Produkte haben zertifizierte Bio-Qualität. Doch erhobene Zeigefinger sucht man bei ihm vergebens: „Ich glaube nicht, dass man über ein schlechtes Gewissen Gewohnheiten verändert.“ Roloff überzeugt seine Kunden lieber mit gutem Geschmack.

Savoir-vivre unter den Arkaden: Ein Snack für Genießer

Dass Genuss auch viel mit Atmosphäre zu tun hat, zeigt sich bei Nicole Rechel im Bistro Provence. Gelegen in der malerischen Altstadt, sitzt man hier unter den historischen Arkaden einfach wunderbar und kann die Seele baumeln lassen. Für die Teilnehmer der kulinarischen Führung arrangiert das Team des Bistros üppige Platten mit feinsten Käse- und Wurstspezialitäten. Dazu gesellt sich ein gutes Glas Wein oder klares Wasser.

Während an den anderen Stationen der Tour die Fülle an Informationen im Vordergrund steht, setzt man im Bistro Provence ganz bewusst auf die Wirkung der Produkte. Diese kulinarische Pause gibt den Gästen Zeit zum Genießen und dem Stadtführer den Raum, um in entspannter Runde noch tiefer in die Geschichten rund um die Architektur und die historische Entwicklung Wolfenbüttels einzutauchen.

Blütenzauber und spritziges Mundwerk: Das etwas andere Blumencafé

Der süße Abschluss der Tour führt in eine Oase der Kreativitä zu Doreen Mildner und ihrem Concept Store „BlütenZauber - Café & Blumenladen“. Mit diesem einzigartigen Ladenkonzept hat sich die Inhaberin ihren ganz persönlichen Traum vom Blumencafé erfüllt. Ausgestattet mit gemütlichen Vintage-Couchen und einer höchst individuellen Möblierung versprüht der Raum genau denselben unangepassten Charme wie seine Gründerin selbst. „Wenn es mir in den Kopf kommt, baue ich um“, gesteht sie lachend und beim Blick auf das Interieur zweifelt niemand daran, dass dies ziemlich häufig vorkommt.

Ihre Stammkunden beschreibt Mildner liebevoll als eine kleine Familie, die sich hier mit hausgemachten Kuchen, frisch gebackenen Waffeln und herzhaften Kleinigkeiten verwöhnen lässt. Während man an den Kuchengabeln knabbert, kann man nebenbei hübsche Pflanzen shoppen, in einer Second-Hand-Ecke nach neuer Kleidung stöbern oder den Klängen regionaler Künstler lauschen, die hier regelmäßig auftreten. Ein WLAN-Passwort sucht man übrigens vergeblich. „Unterhalte dich!“, lautet die klare Aufforderung der Chefin an ihre Gäste. Mit ihrem herrlich lockeren und direkten Mundwerk ist Mildner längst selbst zu einer echten Marke in der Stadt geworden. Auch ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind nicht auf den Mund gefallen, was den Gästen regelmäßig ein Schmunzeln entlockt. Ideen gehen der Powerfrau nie aus. Aktuell bereichern jeden Dienstag frische Gemüsekisten von einem regionalen Bauern das Angebot und für die nächste Woche fällt ihr garantiert wieder etwas Neues ein.

Die kulinarischen Stadtführungen finden in der Saison von April bis November statt. Feste Termine sind an jedem vierten Freitag im Monat um 16:00 Uhr sowie an jedem zweiten Samstag um 11:00 Uhr.

(SMC)