04. Dez. 2022

Reisen

Zuvor waren die Insulaner mit etwas Landwirtschaft und Kleinschifffahrt mehr schlecht als recht über die Runden gekommen. Als holländische Reeder vom Festland auf der Suche nach Besatzungen für ihre Walfangschiffe waren, erkannten die Borkumer die Gelegenheit. Sie heuerten auf den Schiffen an und übernahmen nicht nur die Aufgaben von einfachen Seeleuten, sondern auch die von Bootsmännern, Harpunieren und Kapitänen.  Das brachte Wohlstand auf die Insel und die Knochen von Walen, die bis heute im Stadtbild der Insel zu sehen sind. Auf Walfang geht auf Borkum heute niemand mehr – doch im Heimatmuseum „Dykhus“ und an den Stationen des Borkumer Wal-Pfads kann man bis heute in diesen Teil der Inselgeschichte eintauchen.

„Herr, segne unseren Strand“, haucht Nils Nörtemann während seiner Führung durch das nächtliche Borkum immer wieder. Bei seinen Stadtführungen zur Geisterstunde geht es weniger um die Sehenswürdigkeiten der Insel als um ihre düstere Geschichte. Jeden Dienstag und Freitag erfahren seine Gäste wie gefährlich das Leben auf der Insel durch Stürme, Schiffsunglücke und Kriege in den vergangenen Jahrhunderten war. Auf dem Weg vom Treffpunkt auf der Promenade durch die nächtlichen Gassen erfahren die Besucher einiges über die Insel, das ihnen sonst verborgen geblieben wäre. In welchen Monaten ist die See vor Borkum am rauesten? Wem gehört am Strand angespültes Strandgut? Und was hat es mit der Seenotrettung auf sich? Auf mehr als 3.800 Todesfälle kommt Nörtemann bei seinem humorvoll-morbiden Rundgang. Dass diese dunklen Zeiten, in denen das Strandgut gesunkener Schiffe überlebenswichtig für die Insel war, lange vorbei sind, kann man am nächsten Morgen selbst entdecken - nach einem entspannten Frühstück z.B. im Standhotel Hohenzollern direkt an der Promenade. Das Buffet ist nicht nur für die Hotelgäste, sondern auch für andere Urlauber, die zum Beispiel in einer Ferienwohnung untergebracht sind und in bester Lage frühstücken möchten. Wer Glück hat, bekommt einen Tisch in der ersten Reihe und kann sich dann am abwechslungsreichen Buffet bedienen. Frisch gepresster Orangensaft aber auch viele warme und kalte Speisen gehören zum Buffet. Für Kinder gibt es einen kleinen Indoor-Spielplatz, sodass Familien und andere Gäste entspannt im Restaurant „PALÉE“ frühstücken können. Eine Alternative für die Frühstückszeit ist das nach der Mutter der Inhaberin benannte Frühstückscafé „Ria´s Beach Cuisine“. Einst stand Maria ihrer Tochter beim Aufbau des eigenen Unternehmens mit Rat und Tat zur Seite. Heute wahrt der Name ihr Andenken. Das Café ist nur am Vormittag geöffnet und bietet den Gästen ein exklusives Frühstück. Das steht nicht auf dem Buffet, sondern wird nach Karte bestellt. Extravagante Etageren mit vielen kleinen Köstlichkeiten gibt es als klassisches Frühstück und auch in veganer Form. "Ein kleines Buffet am Tisch" nennt Inhaberin Beatrix Mühe dieses Konzept. Dazu kann man Extras wie Nordseekrabben, Egg Benedict und viele andere Köstlichkeiten bestellen. Viele frische Produkte, selbstgemachte Marmelade und Dips und Pralinen geben dem Frühstückscafé das gewisse Extra.

Nach einem guten Frühstück erkundet man die kleine Innenstadt und den kaum besiedelten Osten der Insel am besten mit einer Pferdekutsche. In gemächlichem Trab ziehen die Pferde die Kutsche des Fuhrunternehmens Akkermann über die Insel während Kutscher Wolfgang die Sehenswürdigkeiten der Insel vorstellt und zwischendurch auch Raum lässt, um die malerische Natur zu genießen. Nach einem kurzen Stück oberhalb der Promenade mit Blick auf die Seehunde geht es am neuen und alten Leuchtturm und am vorbei in Richtung Ostland. Über Mikrofon informiert der Kutscher über die Insel und ist auch gerne bereit Fragen zu beantworten. Im Frühling fallen neben den Zugvögeln auch die vielen neugeborenen Kaninchen ins Auge. Nach einer schönen Strecke über Wiesen, durch den Wald und am Flughafen vorbei geht es schließlich zurück ins Stadtzentrum.

An die Geschichte der Insel erinnert der Borkumer Wal-Pfad. Schautafeln informieren an markanten Stellen über verschiedene Aspekte des Themas. Einen guten Überblick über das Thema bietet das Heimatmuseum. Vor dem Wohnstallhaus aus dem 18. Jahrhundert steht die Nachbildung eines Torbogens aus zwei aufgerichteten Walkinnladen. Die Originale sind genau wie das Skelett eines gestrandeten Pottwals und viele weitere Exponate im Inneren des Museums zu sehen. Auf ihrer Rückreise aus den Fanggebieten ließen die Walfänger einst das wertvolle Knochenöl der Wale in Fässer laufen. Die „leeren“ Knochen durften die Kapitäne dann mit in ihre Heimatorte nehmen und bauten dort Zäune, Grenzmarkierungen und Torbögen aus diesen. Von sechs auf Borkum einst vorhandenen Zäunen sind heute noch zwei erhalten. Auf dem Walfängerfriedhof am alten Leuchtturm erinnern mit Totenköpfen gestaltete Grabsteine daran, wie gefährlich der Walfang war. Wie eindrucksvoll Wale sind, kann man auf der Promenade erleben. Dort wurde zu Ehren der Atlantischen Nordkaper, einer heute fast ausgestorbenen Walart, ein Brunnen mit lebensgroßen Skulpturen der Glattwale erreichtet. Die Wale sind mit Seepocken, Walläusen und Krebstieren bewachsen – wie bei den echten Walen im Polarmeer, von denen es nur noch rund 300 geben soll.

Das karge Leben auf den Walfangschiffen war für die Seeleute eine große Herausforderung. Neben der harten und gefährlichen Arbeit, Stürmen und eiskaltem Wasser war auch die Verpflegung an Bord gewöhnungsbedürftig. Graue Erbsen und gelbe Erbsen, angereichert mit getrocknetem Fisch oder Fleisch machte die monatelangen Touren zu einer kulinarischen Herausforderung. Die muss auf Borkum niemand mehr befürchten. Die Auswahl reicht vom Hähnchenstand bis zur gehobenen Gastronomie. Zu der gehört zum Beispiel das Restaurant „Alt Borkum“. Wirt Osman Kalkinc verbindet traditionelle Gastfreundschaft mit einer modernen Ausstattung und technischen Innovationen. So kann man nicht nur beim freundlichen Servicepersonal bestellen, sondern über einen QR-Code auch vom eigenen Smartphone. Die Bestellungen gehen direkt in die Küche und werden dort mit modernster Küchentechnik fast vollautomatisch zubereitet. Lediglich für die Dekoration und beim Grillen der Dry Aged Steaks geht es hier noch um klassisches Kochhandwerk. Doch die Ergebnisse überzeugen – Fleisch und Gemüse sind auf den Punkt wie sie sein sollten – und die Mitarbeiter haben mehr Zeit für ihre Gäste, während andere Betriebe über Fachkräftemangel klagen. Bewusst nimmt der Gastronom auch die Nachhaltigkeit in den Blick und kauft bevorzugt bei Produzenten aus der Region ein. Die hat er mit seinem Serviceteam auch schon besucht und sich davon überzeugt, dass das Tierwohl bei seinen Lieferanten wirklich großgeschrieben wird. Ein eigener Spielraum für Kinder sorgt im „Alt Borkum“ dafür, dass die Gäste entspannt zu Abend essen und die Köstlichkeiten aus der Küche genießen können. Besonders beliebt ist das Restaurant bei Steakliebhabern. In eigens dafür angeschafften Kühlschränken reift das hochwertige Fleisch und entwickelt so einen ganz besonderen Geschmack.   

Während das Licht des Neuen Leuchtturms nachts vor allem für Inselflair sorgt, kann man den 65 Meter hohen Turm aus dem Jahr 1879 tagsüber besichtigen. Nach 308 Stufen erreicht man die bestens gesicherte Aussichtsplattform, von der man die ganze Insel überblicken kann. Dabei sieht man auch die gegenüber der Promenade auf einer abgesperrten Sandbank liegenden Seehunde. Diese haben es sich dort mit ihren Jungtieren gemütlich gemacht und sind ein gefragtes Fotomotiv. Wer ganz viel Glück hat, entdeckt im Wasser vor der Promenade neben Seehunden und Kegelrobben gelegentlich auch die dreieckige Rückenflosse eines Schweinswals. Rund alle drei Minuten müssen die bis zu 1,8 Meter langen Säugetiere zum Atmen an die Oberfläche kommen. Wer sich nicht auf sein Glück verlassen und trotzdem die maritime Natur erleben möchte, entscheidet sich für eine Wattführung.

Peter de Buhr ist einer der Wattführer auf der Insel. Er trifft seine Gäste an der Bushaltestelle „Wattenmeer“ in der Nähe des Hafens und begleitet sie beim Rundgang über den während der Ebbe trockengefallenen Meeresboden. Mit Gummistiefeln oder Barfuß geht es über den welligen Sand. Der Wattführer bleibt zwischendurch immer wieder stehen – gräbt Wattwürmer aus, erzählt über Austern und greift lebende Krebse aus einem am Meeresgrund verankerten Autoreifen. Während der Tour zeigt Peter de Buhr nicht nur seine langjährige Erfahrung in Sachen Wattenmeer, sondern erweist sich auch als Entertainer. Mit seinen teils derben Späßen bringt er viele Gäste zum Lachen. Bei den Zwischenstopps zeichnet de Buhr mit seinem Dreizack einen großen Kreis um das Sehenswerte. Dieser soll frei bleiben, damit die bis zu 50 Gäste der Wattführung die Chance haben, nicht nur den Erklärungen zu folgen, sondern auch zu sehen, um was es gerade geht. Gemeinsam werden Herzmuscheln ausgegraben, Wattwürmer bestaunt und ein Gast hat sogar die Möglichkeit eine frisch geöffnete Auster zu kosten. Rechtzeitig vor der Flut bringt Peter de Buhr seine Gäste wieder an Land. Wer mag, kann danach einen Spaziergang auf der neu gestalteten Wattenmeer-Promenade machen oder sich im Hafen das Nationalpark-Feuerschiff „Borkum Riff“ anschauen.

Wer die Welt unter Wasser erleben möchte, kann sich diese im Nordsee Aquarium auf der Promenade anschauen und dort die verschiedenen Fische und Unterwasserlebewesen sehen. Kleine Schollen schwimmen durch ein Becken. In einem anderen sind Seesterne zu sehen. Wenige Meter weiter drehen Quallen Runden durch ein Aquarium. Die gut mit Fischen gefüllten Becken bieten die Möglichkeit, das Leben unter der Wasseroberfläche in Augenschein zu nehmen. Während sich die ersten Einheimischen und Gäste beim Anschwimmen am letzten Samstag im April in die dann noch kalte Fluten der Nordsee stürzen und so die neue Badesaison eröffnen, ist das Wasser im Schwimmbad Gezeitenland das ganze Jahr über badetauglich. Innenbecken, Außenbecken und Rutsche sind nicht nur bei Familien eine gefragte Abwechslung zum Spaziergang im Hochseeklima. Während über dem Außenbecken ein frischer Wind von der Nordsee weht, bieten die Becken im Inneren des Bades die Möglichkeit entspannt im Wasser zu liegen oder mit Wasserbällen und Poolnudeln eine unterhaltsame Zeit zu verbringen. Wer sich noch mehr entspannen möchte, kann sich bei einer Thalasso-Anwendung oder einer Massage im Gezeitenland etwas Gutes tun. Anders als im Schwimmbad ist hier die Entspannung das oberste Gebot. Wer mag kann in einer Wanne mit warmem Wasser entspannen und seine Haut mit Badeölen und -zusätzen verwöhnen lassen. Wer sich danach in die Hände des Masseurs begibt, kann die Entspannung weiter vertiefen.

Die Nordseeinsel Borkum erreicht man mit den Schiffen der AG Ems von Emden aus. Vom Fähranleger gleich gegenüber des Bahnhofs Emden-Außenhafen starten Fähren (2:10 h) und der schnellere Katamaran, der Borkum in einer Stunde erreicht. Dabei eingerechnet ist bereits die Fahrt mit der Inselbahn, die die Gäste vom außerhalb gelegenen Hafen zum Stadtzentrum der Insel bringt. Wer gerne schnell unterwegs ist, spart für den Aufpreis des Katamarans rund eine Stunde und kann bei schönem Wetter auf dem offenen Deck die Fahrt genießen. Wer gerne auf dem Wasser ist, entscheidet sich für die normale Fähre und hat so deutlich mehr von der Fahrt vom Festland auf die Insel und zurück.

Im Bahnhof der Borkumer Kleinbahn findet man einen von mehreren Fahrradverleihen, denn wenn man die Insel erkunden möchte, ist ein Fahrrad auf jeden Fall eine gute Wahl. Da die Wege größtenteils flach sind, wird für die meisten Urlauber ein normales Fahrrad genügen. Noch entspannter und auch bei Gegenwind schnell unterwegs ist man mit einem E-Bike. Mietet man das für mehrere Tage, bekommt man das Ladegerät dazu und kann den Akku über Nacht in der Unterkunft wieder aufladen. Die Insel mit 3.500 Einwohnern beherbergt jährlich rund 300.000 Übernachtungsgäste und kommt auf rund 2,5 Millionen Übernachtungen. Natur, Kultur, Sport und Vitalität verbinden sich im staatlich anerkannten Nordseeheilbad hervorragend.

(SMC)