20. Okt. 2020

Reisen

Zwischen sanften Hügeln liegt der Ort St. Englmar. Dieser hat sich zu dem Genuss- und Freizeitzentrum im Bayerischen Wald entwickelt und macht durch gelungene Aktionen von sich reden. Eine davon sind die Englmarer Hüttenwanderungen unter dem Motto „Ge(h)nuss in vier Gängen“. Bei den Wanderungen rund um den Hausberg Pröller, die bis Ende Oktober zu festen Terminen angeboten werden, erleben die Gäste die Natur rund um Sankt Englmar und verkosten regionale Spezialitäten. Die Wanderung mit Wanderführer Klaus Feldbauer beginnt am späten Nachmittag. Gemeinsam machen die Gäste sich auf die Wanderung, die kurz über Wirtschaftswege, aber größtenteils über Waldwege wie den Goldsteig verläuft. Zu jedem Gang kehrt man in einer anderen Gastronomie ein und bleibt so in Bewegung und im Gespräch. In malerischer Hüttenatmosphäre wird schmackhafte regionale Küche serviert. Natürlich darf auch ein regionaler Schnaps nach dem Sturm Pröllergipfel nicht fehlen, schließlich geht es bei der Wanderung auch um die kulinarischen Besonderheiten der Bayerwaldregion. Nach dem Farbenspiel des Sonnenuntergangs kommen Stirn- und Taschenlampen zum Einsatz, denn die Wanderung, für die man bei 2,5 Stunden reiner Gehzeit durchaus Kondition haben sollte, endet erst gegen 23 Uhr an ihrem Ausgangspunkt.

Um in der mobil zu sein, braucht man ein Auto – entweder das eigene oder ein geliehenes wie die Elektroautos, die man am Bahnhof Plattling abholen und in der Region wieder aufladen kann. Wer über die BayerwaldCard Plus verfügt, kann es vergünstigt anmieten. Eine der Lademöglichkeiten gibt es in Sankt Englmar nicht weit von der Tourist Info und dem Erlebnismuseum „Bayerwald Xperium“ Inhaber Wolfgang Six (48) hat erkannt, dass vielen Menschen in der heutigen Zeit das Gefühl dafür fehlt, wie Naturwissenschaft funktioniert. Bei einem Rundgang durch 13 Themengebiete können die Besucher, darunter viele Familien, Spaß an der Wissenschaft gewinnen. „Man soll selbst das Erlebnis haben“, erklärt Six sein Konzept, das bewusst keine Lösungen präsentiert, sondern zum Ausprobieren einlädt. Ein ganzes Motorrad mit der Kraft eines Hebels hochheben? Optische Täuschungen erleben und anschließend aufklären? Mit eigener Kraft Strom erzeugen und einen Fernseher antreiben? Das sind nur drei der vielen Experimente, bei denen man Wissenschaft mit Spaß erleben kann.

Eine andere Attraktion ist der Waldwipfelweg in Maibrunn. Im Mai 2005 entdeckte der damalige Zeitsoldat Martin Six das Gelände und die hervorragende Aussicht in die Naturlandschaft. Im Mai 2008 wurde der das ganze Jahr geöffnete Waldwipfelweg eröffnet und zog schon im ersten Jahr mehr als hunderttausend Gäste an. Aus bis zu 30 Meter Höhe kann man den Wald aus einer anderen Perspektive erleben. Seitdem ist das Angebot Jahr für Jahr gewachsen. Ein zwei Kilometer langer Naturerlebnispfad mit Mitmachstationen gehört inzwischen genauso dazu wie ein Pfad der optischen Phänomene und eine Höhle der Illusionen. Interessante Fotos kann man in einem Haus machen, das mitsamt seiner Einrichtung ganz bewusst auf dem Kopf steht. Mit Alpakas, Lamas, Schafen und Kängurus hat Martin Six auch für Tierfreunde etwas zu bieten. Die neue große Attraktion ist aktuell noch im Bau. Ein 52 Meter hoher Wald-Turm mit Rutschen, Seilbrücke und Kletterelementen steht kurz vor der Eröffnung.

1998 wurde die erste Rodelbahn auf einem Skiliftgelände in Sankt Englmar gebaut. Was einst von vier Landwirten gegründet wurde, um neben dem Skibetrieb im Winter auch im Sommer etwas anbieten zu können gehört seit 2012 Max Bindl (29) und seiner Familie. Neben der wetterabhängigen Rodelbahn gibt es auch einen wetterunabhängigen Alpine Coaster und eine Familienachterbahn. Die ist zwar nur auf neun Meter aufgeständert, kommt aber durch die Lage am Hang trotzdem auf 27 Meter Höhenunterschied. „Die gefühlte Geschwindigkeit in Bodennähe ist höher“, erklärt Bindl den besonderen Reiz der 755 Meter langen urbayerischen Achterbahn. Eine übergroße Murmelbahn mit neun Bahnen und riesigen Buchenholz-Kugeln ist genauso im Angebot wie ein 20 Meter hoher Aussichtsturm und ein Flying Fox-Parcours hoch über dem Park und eine Wasserrutsche. 200.000 Besucher im Jahr erleben den Freizeitpark für die ganze Familie.

Ein Ausflugsziel für Erwachsene ist die Gläserne Scheune in Viechtach. In dieser wird das Lebenswerk des Künstlers Rudolf Schmid gezeigt. Es besteht nicht nur aus sechs monumentalen Glasgemälden, Holzschnitzereien, Bildern und Skulpturen, sondern auch aus dem Gebäudeensemble. Barbara E. S. Thöner, Tochter des Künstlers und selbst Glasmalerin, Schmuckdesignerin und Schriftstellerin, führt durch die Ausstellung. „Von 100 Frauen wären ihm 102 weggelaufen“, scherzt sie. Doch ihre Mutter bleib und gab dem Künstler so die Möglichkeit seinen kreativen Traum im bayerischen Wald zu verwirklichen. Eine 7 x 6 m große Glaswand erzählt die in der Region bekannte Sage über den Räuber Heigl. Auch dem Waldprophet Mühlhiasl hat sich der Künstler gewidmet. Auch sich selbst hat er ein Denkmal gesetzt und sich in der Gestaltung des Turmes der Scheune selbst portraitiert. Das Auge zieren die Sterne der europäischen Union und die Wange die bayerische Flagge. Seit über 20 Jahren entwickelt sich die gläserne Scheune immer weiter. Bis heute arbeitet der 82jährige Künstler an seinem Lebenswerk. Aktuell steht er auf der Leiter und kümmert sich um das Kunstprojet „El Cid“. Das spanische Heldenepos aus dem 11. Jahrhundert ist in einem Turm gegenüber der Scheune zu sehen. „Ich habe so viele Projekte im Kopf, ich weiß gar nicht, was ich als Nächstes machen soll“, grinst Rudolf Schmid voller Lebensfreude.

Sankt Englmar sieht sich als sportliches Bergdorf. Im Wald liegt ein gut besuchter Kletterwald mit acht Parcours und langen Seilrutschen. Die Einweisung erfolgt ganz modern mit Videos auf dem Tablett. Dann prüft ein Trainer die Sicherheitsausrüstung und das Abenteuer kann beginnen. Wer alle Parcours bewältigt, überwindet 65 verschiedene Elemente und gelangt auf bis zu 11 Meter Höhe. Sankt Englmar ist auch ein Genussort mit vielen regionalen Produkten. Dazu gehören die frischen Forellen von Thomas Flohr im Ortsteil Grünmühl. Schon der Vater des Fischers war „fischnarrisch“. Deshalb wurde der erste Teich von Hand geschaufelt. Heute schwimmen die Forellen in acht Teichen, zehn Becken und 20 Brutbecken bis sie nach 20 Monaten 500 Gramm Gewicht erreicht haben. Ein dazu passendes Getränkt gibt es in der Edelobstbrennerei Greindl. Seit 120 Jahren liegt auf dem Haus ein Brennrecht. Zunächst wurde nur Kartoffelschnaps gebrannt, doch inzwischen kommen auch andere Rohstoffe in den Brennkessel. Neben Klassikern wie Himbeergeist, Williamsbirne, Zwetschgenschnaps hat das Familienunternehmen mit dem Englmariwasser aus Himbeeren, Brombeeren und Heidelbeeren eine besondere Spezialität. Auch gastronomisch hat Sankt Englmar etwas zu bieten. So gibt es im Kurpark nicht nur vier km Spazierwege, eine Kneipanlage und Streuobstwiesen, sondern auch das empfehlenswerte Wirtshaus „Alte Mühle“. Beim Übernachten kann man sich in Sankt Englmar auf Familienbetriebe verlassen. Michaela Reiner und ihre Familie führen das 4-Sterne-Hotel „Reinerhof“, das nicht nur mit seiner Wellnesslandschaft, dem beheizten Außenpool und der Gartenlandschaft überzeugt, sondern auch mit der bewusst gelebten Regionalität.

„I mog St. Englmar“ wirbt der Genussort an einem Südhang des Bayerischen Walds für sich. Und auch wenn der Ort mit ca. 1.800 Einwohnern mehr Gästebetten als Einwohner hat, hat die Urlaubsregion St. Englmar nicht weit von der Donau ihren urtümlichen Charme an vielen Stellen erhalten. In Verbindung mit den attraktiven Attraktionen und der schönen Bergwelt zwischen Pröller und Predigtstuhl, lohnt sich eine Reise nach Sankt Englmar auch außerhalb der klassischen Skisaison, in der 13 Skilifte die Gäste transportieren und mehr als 100 km Loipen gespurt werden. Bis boid im Woid!

(SMC)