17. Jul. 2026

Reisen

Es gibt Zugverbindungen, die bringen Passagiere schlicht von einem Ort zum nächsten – und es gibt den legendären Bernina Express. Als weltweit einziger Zug überquert er die Alpen auf einer spektakulären Gebirgsstrecke und schlägt damit eine Brücke zwischen zwei völlig unterschiedlichen Welten. Die Reise nimmt ihren Anfang im Schweizer Chur und führt bis ins mediterrane Tirano in Italien. Der Löwenanteil dieser im Jahr 1910 feierlich eröffneten Route, genauer gesagt der Abschnitt von Thusis bis zum Zielbahnhof, gehört als erst dritte Bahnstrecke weltweit seit 2008 zum prestigeträchtigen UNESCO-Welterbe. Auf der rund viereinhalbstündigen Fahrt fährt der der leuchtend rote Panoramazug durch 55 Tunnel, über 196 Brücken und bewältigt eine für Züge extreme Steigung von bis zu sieben Prozent.

Aufbruch in der ältesten Stadt der Schweiz

Schon auf dem geschäftigen Bahnhof in Chur, wo sonst Pendler den Alltag organisieren, liegt an diesem Morgen eine spürbare, internationale Aufregung in der Luft. Reisende aus allen Kontinenten, darunter besonders viele Gäste aus Asien und Amerika, drängen sich mit gezückten Kameras vor den rot glänzenden Waggons der Rhätischen Bahn. Der Bernina Express ist das Premium-Produkt des regionalen Bahnanbieters und richtet sich gezielt an eine exklusive Zielgruppe. Mit seinen bis direkt an die Deckenkante gezogenen Panoramafenstern bietet der Zug einen atemberaubenden Blick auf die vorbeiziehende Bergwelt. Eine exklusive Innenausstattung, mehrsprachige Live-Durchsagen und ein freundliches Serviceteam runden das exklusive Alpenerlebnis ab. Bereits auf dem Bahnsteig wird man von mehrsprachigen Mitarbeitern begrüßt und stilsicher zum richtigen Wagen geleitet.

Ob man sich für den Komfort der ersten Klasse mit spürbar mehr Beinfreiheit und Ruhe entscheidet, die klassische zweite Klasse wählt oder sich für den nostalgischen Wagen der edlen Pullman-Class einbucht, bleibt dem persönlichen Geschmack überlassen. Letztere kombiniert die Zugfahrt mit einem exklusiven Ausflug zu einem regionalen Weingut. Neben einem regulären Ticket der Schweizer Bundesbahnen ist eine kostenpflichtige Sitzplatzreservierung für den Panoramazug erforderlich. Bevor sich der Zug in Bewegung setzt, lohnt sich ein Blick auf den Startpunkt der Reise. Archäologen haben in Chur rund 13.000 Jahre alte Spuren altsteinzeitlicher Jäger entdeckt, was sie zur ältesten Stadt der Schweiz macht. Wer vor der Abfahrt noch etwas Zeit mitbringt, sollte unbedingt die achthundert Jahre alte Kathedrale St. Mariä Himmelfahrt besichtigen oder durch die lebhafte, historische Innenstadt bummeln.

Das Tor zum UNESCO-Welterbe

Sobald der Bernina Express die Stadtgrenzen verlässt, folgt er zunächst dem normalen Verlauf der Rheintal-Gleise. Vorbei an eleganten Vorstadtvillen und modernen Industrieanlagen ist der Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein bei Reichenau sehenswert. Von dort aus gleitet der Zug sanft durch die idyllischen Wiesen des geschichtsträchtigen Burgenlandes Domleschg. Am Rand der Schienen grasen Pferde auf saftigen Sommerweiden, während die Zweige der Bäume vom sanften Fahrtwind bewegt werden. Und das alles vor der majestätischen Kulisse der Alpen, die hier bereits auf rund 600 Metern Höhe eine beeindruckende Kulisse bilden. Offiziell beginnt die geschützte UNESCO-Welterbestrecke der Rhätischen Bahn allerdings erst in Thusis. Hier verengt sich das Tal dramatisch, und die bis zu 300 Meter emporragenden Felswände der berüchtigten Viamala-Schlucht dominieren das Panorama, majestätisch bewacht von der historischen Burg Hohen Rätien.

Einst bildete dieser geschichtsträchtige Ort den nördlichen Abschluss des Alpenpasses. Wer es aus dem Süden über die Berge bis hierhin geschafft hatte, konnte aufatmen; wer hingegen Richtung Süden aufbrach, nutzte den Stopp für letzte Einkäufe und sammelte Mut für die gefährliche Passage. Ein Blick aus dem Fenster auf das heutige Dorf Thusis verrät viel über die bewegte Vergangenheit der Region. Nach der letzten von insgesamt 18 verheerenden Feuersbrünsten wurde der Ort im Jahr 1845 nach streng geometrischen Plänen völlig neu aufgebaut. Kurz hinter Thusis zieht die Strecke auch baulich alle Register moderner Ingenieurskunst. Während die Herausforderung der Bewältigung einer Steigung von sieben Prozent vor allem Fachleuten ein Begriff ist, sind die monumentalen Bauwerke, die diese Kletterpartie überhaupt erst ermöglichen, für jeden Laien ein absoluter Blickfang. Das berühmte Solisviadukt überspannt mit seinen elf präzisen Kalksteinbögen eine tiefe, wilde Schlucht in einer schwindelerregenden Höhe von 85 Metern. Nur wenig später folgt das noch imposantere Landwasserviadukt, dessen 65 Meter hohe Natursteinsäulen sich elegant aus dem Tal erheben und die Schienen in einer weiten Kurve direkt in eine senkrechte Felswand hineinführen.

Kultur und alpine Geschichte am Schienenrand

Die Reise führt weiter in das von der rätoromanischen Kultur geprägte Bergdorf Filisur. Das langgezogene, charmante Straßendorf mit seinen reich verzierten Fassaden bringt die traditionelle Engadiner Baukultur perfekt zum Ausdruck und steht symbolisch für den jahrhundertelangen kulturellen Austausch über die rauen Alpenpässe hinweg. Weiter oben am Berg siedelten im Mittelalter die Walser, da die begehrten, fruchtbaren Tallagen bereits komplett vergeben waren, als sie damals nach Graubünden einwanderten. Auf der Höhe von Bergün verändert sich das Bild vor dem Fenster. Immer mehr sportliche Wanderer und Mountainbiker prägen die Landschaft. Über dem idyllischen Ort thront stolz der im 12. Jahrhundert erbaute Meierturm, der im 17. Jahrhundert um ein weithin sichtbares Obergeschoss erweitert wurde. Nur wenige Schritte entfernt steht eine sehenswerte, im spätgotischen Stil renovierte Kirche. Direkt neben dem Bahnhof hat im ehemaligen Zeughaus zudem ein faszinierendes bahnhistorisches Museum eröffnet. Auch das prachtvolle Kurhaus aus dem Jahr 1906 zeigt eindrucksvoll, wie die Erschließung durch die Schienen den damals einsetzenden Luxustourismus in der Region überhaupt erst möglich gemacht hat.

Nach einem geschäftigen Zwischenstopp im mondänen St. Moritz, bei dem zahlreiche neue internationale Gäste den Zug besteigen, schraubt sich der Bernina Express unaufhörlich weiter in Richtung Himmel. Der Bahnhof liegt direkt am glitzernden St. Moritz See, unterhalb des weltberühmten Ortskerns. Gleich nach der Abfahrt bietet sich ein herrlicher Blick auf das Wasser des Sees, das über eine künstliche Staustufe wild herabstürzt. Schwarze Rinder grasen auf den saftigen Bergwiesen, während dichte Nadelwälder die alpine Kulisse vervollständigen. Das berühmte Bergsteigerdorf Pontresina liegt bereits auf stolzen 1.774 Höhenmetern. Der nahegelegene Gipfel des 4.048 Meter hohen Piz Bernina wurde im 19. Jahrhundert rasch zu einem magischen Anziehungspunkt für Alpinisten aus aller Welt.

Auf dem Dach der Schienenreise

Den absoluten Höhepunkt im wahrsten Sinne des Wortes erreicht die Fahrt schließlich auf 2.253 Metern über dem Meeresspiegel am Bahnhof Ospizio Bernina. Hier oben, über der Baumgrenze, bietet sich den Reisenden ein Naturschauspiel. Direkt neben den Schienen erstreckt sich der Lago Bianco, dessen Wasser durch den feinen Gletschersand des Cambrena-Gletschers eine milchig grünlich-weiße Färbung besitzt. Kurioserweise liegt direkt daneben der Lej Nair, der seinen Namen seiner fast tiefschwarzen Farbe verdankt. Ein großes Schild neben der Bahntrasse weist die Passagiere zudem auf die europäische Wasserscheide hin. Nördlich dieser Linie fließen alle Gewässer über die Donau direkt ins Schwarze Meer, südlich davon über den Po in die italienische Adria.

Beim anschließenden zehnminütigen Zwischenstopp an der legendären Alp Grüm liegt den Gästen ein atemberaubendes Panorama bis weit nach Italien und auf den gewaltigen Palügletscher zu Füßen. Bis hinauf zur einladenden Sonnenterasse des dortigen Gasthauses hört man das Schmelzwasser der Gletscherwasserfälle lautstark in die Tiefe prasseln – ein unvergesslicher Moment, um tief die frische Bergluft einzuatmen.

Das süße Erwachen im Valposchiavo

Mit der Einfahrt in das malerische Tal Valposchiavo erreicht der Zug schließlich den italienischsprachigen Teil der Schweiz. Der Hauptort Poschiavo empfängt die Reisenden sofort mit einem spürbar mediterranen Flair. Der historische Dorfkern begeistert mit engen, verwinkelten Gassen und einem eleganten Straßenzug aus herrschaftlichen Villen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbaut wurden. Die farbenfrohen Fassaden dieser Stadtpaläste versprühen bereits pure italienische Lebensfreude. Wenig später erreicht der Panoramazug den idyllischen Ferienort Le Prese, wo Ruhe und pure Entspannung rund um den türkisfarbenen, in der Sonne glitzernden See im Mittelpunkt stehen.

Auf den allerletzten Kilometern der Strecke wird die Fahrt noch einmal zu einem echten Abenteuer: Der Zug fährt streckenweise parallel zu den engen Dorfstraßen oder rollt direkt über die für den Autoverkehr gesperrten Wege mitten durch die dicht bebauten, historischen italienischen Ortschaften. Das Ziel der Träume ist schließlich das charmante italienische Städtchen Tirano. Das unübersehbare architektonische Wahrzeichen der Stadt ist die prachtvolle, zwischen 1505 und 1528 erbaute Wallfahrtskirche Madonna di Tirano, die direkt an der Strecke liegt.

Erstklassiger Komfort trifft auf historische Nostalgie

Nach einem entspannten Aufenthalt im sonnigen Tirano steht es den Gästen frei, mit dem Bernina Express die Rückreise nach Chur anzutreten oder an einer der vielen charmanten Zwischenstationen auszusteigen. In den modernen, klimatisierten Panoramawagen der ersten Klasse finden jeweils maximal 28 Gäste Platz, was für eine angenehme Intimität sorgt. Wer sich für den historischen Wagen der Pullman-Class entscheidet, muss zwar auf die modernen Riesenschaufenster verzichten, reist dafür aber in einer traditionellen, stilvollen Möblierung wie zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Die Gäste dieser exklusiven Klasse werden in Tirano zudem stilvoll zu einem feinen Mittagessen und einer privaten Kellerbesichtigung auf ein erstklassiges regionales Weingut chauffiert.

Während der regulären Fahrt informieren mehrsprachige Durchsagen stets punktgenau über die wichtigsten Meilensteine und Sehenswürdigkeiten am Schienenrand. Modernes WLAN ist selbstverständlich im gesamten Zug vorhanden, um die besten Schnappschüsse direkt mit den Liebsten zu Hause zu teilen. An den Einzelplätzen der ersten Klasse steht den Passagieren eine Schweizer Steckdose zur Verfügung, während die Doppelplätze zusätzlich mit praktischen USB-Anschlüssen ausgestattet sind. Was im Jahr 1969 mit einem einfachen, bescheidenen Kurswagen von Chur nach Tirano begann, wurde im Sommer 2000 durch die Einführung der hochmodernen Panoramawagen zu einem weltweiten Reisephänomen. Das absolute Highlight für jeden Ästheten wartet kurz vor dem Ziel: Das berühmte Kreisviadukt von Brusio. Um auf engstem Raum drastisch Höhe zu gewinnen oder abzubauen, fährt der Zug hier in einer eleganten 360-Grad-Schleife über ein filigranes Viadukt und überholt sich dabei quasi selbst – ein zeitloses, geniales Denkmal der modernen Ingenieurskunst, das diese Reise abrundet.

(SMC)