16. Jun. 2019

Reisen

Als König Ludwig im 19. Jahrhundert eine Bahnstrecke zwischen Bayern und Sachsen eröffnen wollte, galt der Anstieg zwischen Neuenmarkt und Marktschorgast als kaum überbrückbar. Nur mit aller Ingenieurskunst und durch den Einsatz zusätzlicher Lokomotiven konnte man eine Lösung finden, die den Monarchen zufriedenstellte und die Grenzen der Physik berücksichtigte. Über dieses Meisterwerk der Planung und Technik informiert das Deutsche Dampflokomotiven Museum direkt neben dem Bahnhof von Neuenmarkt-Wirsberg. Das Museum in einem Ringlockschuppen, vor dem eine heute noch funktionsfähige Segmentdrehscheibe zu sehen ist, zeigt zudem mehr als ein Dutzend Dampflokomotiven verschiedener Baureihen. Bei einer Führung durch die Ausstellung erfährt man eine Menge über die eingesetzte Technik, die verschiedenen Baureihen und den Einsatz der Dampfloks. Zu sehen sind auch eine Rauchkammer, ein geöffneter Kessel und an einem Zug die Achsen von unten. Das bringt nicht nur Eisenbahnenthusiasten zum Staunen. Für moderne Züge ist die Schiefe Ebene heute keine große Herausforderung mehr. Wer an Grenzen gehen möchte, muss sich neue Herausforderungen suchen wie einen Wandermarathon.

4. Mai 2019. Eigentlich erwartet man zu dieser Jahreszeit auch im bayerischen Frankenwald schönstes Frühlingswetter. Doch in diesem Jahr hat das nicht geklappt. So standen rund 600 Wanderbegeisterte nicht nur vor einer über 44,1 km bestens ausgeschilderten Wanderstrecke mit vielen interessanten Stationen, sondern auch vor einer besonderen Wetter-Herausforderung. In rund zehn Minuten sollen die begehrten Startplätze über das Internet verkauft worden sein – inkl. Speisen, Getränken und einem Shuttle-Service für Wandermüde. Start und Ziel des Abenteuers war die Ortschaft Marktleugast im Landkreis Kulmbach.

Früh aufstehen hieß es für alle Wanderfreunde, denn ab 5:30 Uhr war das Frühstücksbuffet in der Sporthalle von Marktleugast gedeckt. Ausgestattet mit einer Wanderkarte, einem leuchtend roten Rucksack und genügend Abenteuerlust versammelten sich die Teilnehmer. Das eigentliche Abenteuer begann pünktlich um 7 Uhr mit der Segnung der Wanderer. Auf dem weiteren Weg erwarteten 36 weitere Erlebnisstationen und 16 Verpflegungsstationen die Wanderer. Auf dem Rundkurs, bei dem 1.100 Höhenmeter zu überwinden waren, hatten die Wanderer die Möglichkeit die Vielfalt der Natur und Kultur des Frankenwaldes zu entdecken. Denn während nur einige Wanderer die Stationen links liegen ließen und im Eiltempo Richtung Ziel strebten, nutzten die meisten die Möglichkeit, immer wieder anzuhalten und die Angebote am Rand der Strecke zu entdecken.

Rund 250 Aktive sollen in den Orten auf den Beinen gewesen sein, um die Teilnehmer des Wandermarathons zu unterstützen und ihnen die Schönheit der Region zu zeigen. Auf der Strecke von Marktleugast über Grafengehaig, Kupferberg und Stammbach gab es eine Menge zu entdecken. Motivations-Klatscher am Wegesrand gehörten genauso dazu wie Pilgerpässe für den Besuch verschiedener Kirchen oder die „Frankenwald Weiber“ mit einer Flasche Kräuterschnaps. Während manche Stationen nur im Vorbeigehen wahrgenommen wurden, gab es an anderen Orten echte Erlebnisse. In der Friedhofskirche Stammbach konnten die Wanderer die Glocken läuten, der Weißensteinturm bot einen hervorragenden Ausblick über die waldreiche Region und in Gundlitz konnte man in einer gruselig geschmückten Gasse die Kellergeister entdecken und Glühwein trinken. Weite Abschnitte der Wanderstrecke führten durch die Natur, über malerische Waldwege und durch kleine Ortschaften. Kulinarischer Höhepunkte waren für viele Wanderer die frischen Forellenbrote in Kleinrehmühle, aber auch an den anderen Stationen gab es leckere Speisen und Getränke.

Zu den besonders interessanten Stationen gehörte auch das Bergbau-Museum Kupferberg. Dort konnten die Gäste einen kurzen Blick in das von April bis Oktober an Samstagen und Sonntagen geöffnete Besucherbergwerk werfen und den Aktiven des Betreibervereins zuschauen, die auf dem Gelände einen traditionellen Ofen zur Eisenverhüttung aufgebaut hatten. Wer hier schon „auf den Hund gekommen“ war, konnte sich über die Herkunft des Sprichworts aus dem Bergbau informieren. Auf alle anderen warteten weitere spannende Stationen. Am Wegesrand wurde geschmiedet, gegrillt, musiziert und erzählt. Eine motivierende Ausschilderung sorgte dafür, dass viele Wanderer auf dem langen Weg zum Ziel eine Menge Spaß hatten. Wer den Pilgerpass mit sechs Stempeln vervollständig hatte, konnte sich am Ende über einen kleinen Engel als Mitbringsel freuen. Auch beim Kübelzielspritzen mit der Feuerwehr und beim Blick in die Wallfahrtskirche Marienweiher konnte man neue Erfahrungen sammeln – und sich ein klein wenig vom Wandern erholen. In Stammbach lag die wohl ungewöhnlichste Station. Mitten im Wald liegt dort ein kleines Buddhistisches Kloster.

Lediglich das Wetter spielte den Wanderern einen Streich. Während es auf den ersten Metern noch trocken war, begann es wie in der Wettervorhersage angekündigt kurz darauf leicht und dann immer fester zu regnen. In höheren Wegabschnitten war auch Schnee zu sehen, sodass das Wandern nicht ganz so malerisch verlief, wie es sich Veranstalter und Gäste gewünscht hätten. Erst zum Abend hin ließ sich die Sonne blicken und belohnte damit die langsameren Wanderer. Denn während die Schnellwanderer mit einem Tempo von 5,5 km/h schon um 15 Uhr am Ziel waren, brauchten die Letzten mit einem Durchschnittstempo von 3 km/h bis kurz vor 21 Uhr. Doch auch diese wurden an den meisten Stationen freundlich aufgenommen und am Ziel von einem Empfangskomitee gebührend gefeiert. Nicht das Tempo zählte beim Wandermarathon, sondern die Freude am Wandern und der Region.

(kk)