20. Apr. 2021

Reisen

Wenn Christa Fredlmeier die Wanderstiefel schnürt, dann ist sie oft auf einer der 54 Etappen der Wandertrilogie Allgäu unterwegs. In Zusammenarbeit mit 34 Tourismusorten hat Fredlmeier die Strecken durch das gesamte Allgäu ausgewählt und so für Einheimische und Touristen ein Weitwandererlebnis auf derzeit 876 km möglich gemacht. Entstanden sind drei Routen durch die verschiedenen Höhenlagen. Wiesengänger, Wasserläufer und Himmelsstürmer erkunden nicht nur ganz unterschiedliche Facetten des Allgäus, sondern finden auch zu ihren Wünschen passende Tagesetappen. Ein Allgäu-Shuttle bringt das Gepäck auf Wunsch für 15 Euro pro Etappe und Person zum nächsten Ort.

Das Kur- und Tourismusbüro Oy-Mittelberg hat den Kneipp- und Luftkurort auf der Suche nach den regionalen Besonderheiten zum Duftort erklärt. Vier Duftquellen prägen den Ort besonders. Der Duft der Landwirtschaft von der Heuernte bis zur Düngung ist wohl der prägendste. Aber auch Moore, Wälder und Wiesen bringen im Wandel der Jahreszeiten immer neue Duftkompositionen mit sich. Eine Kaffeerösterei und der Hauptsitz des Naturkosmetik- und Aromatherapie-Unternehmens Primavera ergänzen das olfaktorische Quartett. Eine ganze Reihe von Hotels, Bauernhöfen und Ferienwohnungen bietet als Duft-Gastgeber dazu passend einen Einstieg in die Welt der Aromen und Düfte. Dieses reicht von einer kleinen Aromabar an der Rezeption bis hin zu ausgefeilten Konzepten für den Spa-Bereich. Dort kommen oft auch Produkte von Primavera zum Einsatz. Als Kurt L. Nübling das Unternehmen vor rund 30 Jahren gründete, war es ein Pionier in der Aromatherapie. Bis heute setzt das Unternehmen auf Bioanbau und faire Bezahlung seiner Lieferanten. Aktuell stammen nach Angaben von Nübling 72% der ätherischen Öle aus Bio-Anbau. Vor zehn Jahren entstand am Rand von Oy-Mittelberg das aktuelle Firmengebäude. Es ist umgeben von einem blühenden Garten, hat ein begrüntes Dach und ist so ein handfestes Beispiel gelebter Nachhaltigkeit. Führungen durch den Garten werden von Juni bis September jeden Freitag um 14 Uhr und jeden Samstag um 11 Uhr angeboten.

Wie kreativ man mit Duft und Genuss arbeiten kann, zeigt das Hotel Gasthof Rose. Als eines von ganz wenigen Restaurants in Deutschland darf das familiengeführte Unternehmen sich Heuwirt nennen. Regelmäßig können die Gäste des Gasthofs spezielle Menükreationen, bei denen das Aroma von frischem Heu mitschwingt, genießen. Vom Prosecco mit Heusirup über Heukartoffeln bis hin zu im Heusud gezogenen Fleisch reicht ein inspirierendes Heumenü aus der Küche von Alfred Endres. Es ist ein Beispiel für die vielen regionalen Produkte aus dem Allgäu. Die Allgäuer Gebirgskellerei aus Wertach zum Beispiel hat sich auf Blüten- und Beeren-Weine aus heimischen Zutaten spezialisiert. Inhaber Carsten Hell macht seine „Weine“ nicht aus Trauben, sondern zum Beispiel aus Löwenzahnblüten, Gebirgskräutern oder Haselnüssen. So entstehen neue und interessante Geschmacksnoten. Dazu passen regionale Käsespezialitäten, die überall im Allgäu in kleinen Käsekellern entstehen. Viele der Produzenten überzeugen durch kreative Produkte und kreatives Marketing. Katharina Liebenstein nennt sich „Holderhex“ und verkauft unter dem Signet einer Hexe erlesene Produkte aus Hollunder. Wer mag, kann bei einer Wanderung rund um Oy-Mittelberg am Wegesrand natürlich auch selbst Pflanzen sammeln, von denen einige als Heilpflanzen gelten. Während Löwenzahn und Brennnessel zu den bekannteren gehören sind auch Gundermann und Spitzwegerich weit verbreitet. Wer auf der Suche nach einem besonderen Fotomotiv ist, findet am Rande von Mittelberg die größte Bank des Allgäus. Bei schönem Wetter kann man von der überdimensionalen Holzbank bis ins Bergpanorama sehen.

In die Gipfelwelten des Allgäus geht es bei einer Wanderung oberhalb von Halblech. Vom Wanderparkplatz gelangt man mit dem Kleinbus über eine kleine Straße bis zur Kenzenhütte. Der Bus fährt von Christi Himmelfahrt bis zum 3. Sonntag im Oktober von 8 bis 11 Uhr jeweils zur vollen Stunde sowie um 13:30 Uhr und 17 Uhr. Samstags und sonntags gibt es zusätzlich eine Fahrt um sieben Uhr. Wer von dort in rund vier Stunden die 5,7 km lange Kesselrunde erwandern möchte, sollte gut zu Fuß sein. Wanderstöcke helfen bei den teils steilen Aufstiegen. Stabile Wanderschuhe geben Halt beim späteren Abstieg. Für den Aufstieg, teils durch Wald, teils über Wiesen, wird man mit einem spektakulären Ausblick belohnt. Der beschränkt sich nicht nur auf den Talkessel, sondern bietet auch einen eindrucksvollen Blick auf die noch höheren Berggipfel in der Ferne. Am Wegesrand sind Edelweiß und Silberdisteln zu sehen. Nach der Talrunde kann man in der urigen Kenzenhütte einkehren. Ein kurzer Fußmarsch von der Hütte entfernt liegt der Kenzenwasserfall. Schon König Ludwig war von diesem imposanten Wasserfall begeistert und ließ an seinem Fuß einen kleinen Pavillon bauen. Damals soll der Wasserfall von bengalischem Feuer beleuchtet worden sein und den König die ganze Nacht über fasziniert haben. Das ist verständlich, denn das selbst im Sommer eiskalte Wasser des Kenzenbachs stürzt eindrucksvoll in die Tiefe um dann als kleiner Bach weiter in Richtung Tal zu fließen. Zu festen Terminen kann man am Wasserfall einem Alphorn-Konzert lauschen. In der alpinen Landschaft wirkt der Klang der riesigen Instrumente besonders eindrucksvoll.  Wer mag, kann von der Kenzenhütte in rund fünf Stunden wieder zum Ausgangspunkt der Tour zurückwandern. Gebietsbetreuer Tom Hennemann kennt die Natur in diesem Gebiet wie kaum ein anderer. Er erklärt bei seinen Führungen den Unterschied zwischen Tannen und Fichten, zeigt besondere Fotomotive wie nicht nur für Geologen interessante Gesteinsformationen und ist auch mit der Geschichte der Region vertraut. Auf 14 km Wanderung erwarten einen neben 698 Höhenmetern Abstieg auch 201 Höhenmeter Aufstieg, sodass man genügend Zeit und Proviant mitbringen sollte. Wer mag, kann anschließend noch einen Abstecher nach Neuschwanstein machen – oder in Halblech bzw. in der Altstadt des nahegelegenen Füssen einkehren. 

(SMC)