Es ist ein Bild, das leider viel zu oft zum Alltag an deutschen Bushaltestellen gehört. Am Bamberger Hauptbahnhof spielte sich kürzlich eine Szene ab, die symptomatisch für eine fehlende Dienstleistungsmentalität steht, bei der das „System“ den Menschen längst aus den Augen verloren hat.
Ein Bus der Stadtwerke Bamberg setzt sich in Bewegung. Soweit, so gut. Doch der Blick auf die Uhr verrät: Die Abfahrt erfolgt vor der fahrplanmäßigen Zeit. Und was noch schwerer wiegt: Zurück bleibt ein Fahrgast mit Behinderung, der winkt, Blickkontakt sucht und signalisiert: „Ich möchte mit.“ Die Reaktion der Fahrerin am Steuer? Ein konsequentes Ignorieren, ein Tritt aufs Gaspedal, die Rücklichter als einzige Antwort.
Man könnte nun über die Taktung der Busfahrpläne diskutieren, über den Druck, unter dem die Fahrerinnen und Fahrer stehen, oder über die heilige Kuh der Pünktlichkeit. Doch hier geht es um etwas Grundlegenderes: um Empathie und Barrierefreiheit im Kopf.
Wenn ein Bus zu früh abfährt, ist das für jeden Fahrgast ärgerlich. Mobilität ist für Menschen mit Einschränkungen kein Luxus, sondern der Schlüssel zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Ein verpasster Bus bedeutet hier nicht nur ein paar Minuten Warten, sondern oft auch das Scheitern einer mühsam geplanten Logistikkette.
Dass die Fahrerin trotz deutlicher Signale und des offensichtlichen Bedarfs des Fahrgastes die Türen geschlossen hielt und verfrüht abfuhr, ist schlichtweg unangemessen. Es ist die Verweigerung von Hilfeleistung im kleinsten, menschlichen Sinne. Ein Busfahrer ist nicht nur ein Maschinist, der ein Fahrzeug von A nach B bewegt, sondern das Gesicht eines städtischen Dienstleisters.
Die Stadtwerke Bamberg werben gerne mit Zuverlässigkeit und Bürgernähe. Zu dieser Wahrheit gehört aber auch: Ein öffentlicher Nahverkehr, der die Schwächsten der Gesellschaft buchstäblich im Regen – oder am zugigen Hauptbahnhof – stehen lässt, hat seinen Auftrag verfehlt. Pünktlichkeit ist eine Tugend, Überpünktlichkeit auf Kosten von Hilfsbedürftigen ist eine Frechheit.
Die Stadtwerke Bamberg schreiben dazu: „Wir haben den Sachverhalt sorgfältig geprüft und hierzu auch Rücksprache mit der Fahrerin gehalten. Nach ihrer Darstellung ist kein schuldhaftes Verhalten erkennbar.“ Wie sich das mit dem vom Fahrgast mitgelieferten Foto vom vor der fahrplanmäßigen Zeit abgefahrenen Bus verträgt, ist wohl nur für die Stadtwerke Bamberg verständlich. „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass geringfügige Abweichungen von den Abfahrtszeiten im Betriebsablauf leider nicht immer vollständig vermeidbar sind“, führt man aus.
Es wäre an der Zeit, dass nicht nur die Motoren der Stadtbusse laufen, sondern auch das Bewusstsein dafür geschärft wird, dass hinter jedem Fahrgast ein Schicksal steht. Ein kurzes Anhalten, ein Öffnen der Tür – das hätte nur Sekunden gedauert. Und sich auf den Fahrplan verlassen zu können, ist wohl nicht zu viel verlangt. Es gibt tausend gute Gründe, warum es mal zu einer Verspätung kommen kann – aber kaum einen für eine verfrühte Abfahrt. So bleibt nur ein fader Beigeschmack und die Frage: Wo ist bei den Stadtwerken Bamberg eigentlich die Menschlichkeit geblieben?
(SMC)

