14. Nov. 2018

Reisen

Kräuterführerin Ulrike Gschwendtner hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Sie ist eine von derzeit sechs zertifizierten Kräuterführerinnen, die künftig die Gäste durch die Natur rund um Waldeck führen werden. Bei ihren Wanderungen durch den Wildpflanzenpark bleibt die Kräuterführerin immer wieder am Wegesrand stehen. Mit geübtem Blick entdeckt sie im Grünen immer wieder Pflanzen, über die es etwas zu erzählen gibt. Zu jeder einzelnen Pflanzenart hat sie viel zu erzählen und kann genau beschreiben, wie diese in der Küche genutzt werden kann und welche Geschichten es dazu gibt. Bei der Kräuterführung wird nicht nur geschaut, sondern auch gepflückt. Kaum hat Ulrike Gschwendtner eine interessante Pflanze entdeckt, pflückt sie einige Blätter oder Blüten und lässt ihre Gäste fühlen, schnuppern und kosten. Was gerade noch blühender Klee war wird unter ihrer fachkundigen Anleitung zu einem Quell von einigen Tropfen süßen Nektars. Was wie der Giersch einfach nur nach grünen Blättern aussieht schmeckt pur – und gewiss auch als Beigabe zum Salat.

Eine der Wanderungen mit Ulrike Gschwendtner führt rund um den Waldecker Burgberg. Auf diesem stand einst eine mächtige Burganlage. Doch über die Jahrhunderte blieben nur die Grundmauern zurück – bis ein engagierter Förderverein damit begann die Anlage zu restaurieren, sodass man sich die Wirkung der Burg auf Durchreisende und Einwohner der Region wieder vorstellen kann. Rund um die Burg gibt es für Kräuterliebhaber eine Menge zu entdecken. Ulrike Gschwendtner erzählt, dass die Menschen früher glaubten, man könne Krankheiten an Pflanzen oder fließende Gewässer abgeben. Sie steigt ein in Mythologie und Geschichte und erklärt, wie das am Wegesrand stehende Labkraut früher in der Käserei zum Einsatz kam. Das Ziel der Kräuterexpertin ist klar: Sie will das Wissen über die heimische Natur wieder zu den Menschen bringen.

„Die Chance etwas Kleines zu sehen“ hat man bei ihren Touren immer wieder. Es geht vorbei an einer Naturwiese, die blass wirkt, da sie wenig gedüngt und nur zweimal im Jahr gemäht wird. Doch die Blütenpracht und die Zahl der in der Wiese lebenden Insekten sind eindrucksvoll. Es sei ratsam, wilde Pflanzen zu essen, führt Kräuterführerin Ulrike Gschwendtner aus, denn bei der Zucht gingen wertvolle Inhaltsstoffe verloren. Gleiches gelte für den Transport. Umso besser sei es, sich in der heimischen Natur maßvoll zu bedienen. Was für andere nur ein paar Blätter sind und für den Hobbygärtner vielleicht sogar Unkraut wird während der Führung für die Gäste zu einem Reservoir an Aromen und Vitaminen für den heimischen Speiseplan. Noch tiefer einsteigen in die Materie kann man in Kürze, wenn die Waldecker Hollerhöfe ihre Manufaktur mit Kochmöglichkeit auch für Gäste eröffnet haben. Bis dahin bleibt die über verschiedene Hotels in Waldeck und Umgebung buchbare Führung die beste Möglichkeit unter fachkundiger Anleitung in die Welt der Wildkräuter einzusteigen.

Während am Wegesrand nicht nur bekannte Klassiker wie Brennnesseln, Gänseblümchen und Löwenzahn stehen, sondern auch allgemein eher unbekannte Pflanzen wie Schöllkraut, Giersch und Breitwegerich, kombiniert der EWILPA ganz bewusst die vorhandene Vegetation mit zusätzlich gepflanzten Bäumen und Sträuchern. Statt in einem abgeschlossenen Areal liegt der Wildpflanzenpark so offen in der bildschönen Landschaft, die fernab der großen Städte zur Entschleunigung einlädt. Als Experte für essbare Wildpflanzen gilt Dr. Markus Strauß, der den Waldecker Wildpflanzenpark gemeinsam mit engagierten Menschen aus der Region Waldeck auf den Weg gebracht hat. Schon im Herbst 2017 wurde geplant und gepflanzt und die Eröffnung vorbereitet. Auf dem fünf Kilometer langen Wanderweg entdecken Besucher ganz unterschiedliche Landschaften. Sie kommen vorbei an Ackerbrache, Bach-Auenwald, Feldhecke, Feuchtwiese, Streuobstwiese, Pfingstweg, dem Südhang des Schlossbergs, durch Laub-Mischwald, Nadelbäume und Baumgruppen. 13 Stationen mit Infotafeln erklären den Besuchern, was sie gerade sehen. In Summe findet man auf diesem Weg fast das ganze Jahr über eine große Vielfalt an essbaren Wildpflanzen. Dabei gehört maßvolles Probieren und Sammeln durchaus zu den Zielen des am Projekt beteiligten Naturpark Steinwald e.V.. Eine Reintegration der Pflanzen in den Alltag wünschen sich die EWILPA-Macher genau wie Kräuterführerin Ulrike Gschwendtner.

„Es schließt sich ein kulturhistorischer Kreis“, erläuterte Dr. Markus Strauß bei seinen Grußworten zur Eröffnung. „Denn sich durch das Sammeln dessen, was die Natur uns liefert, zu ernähren, ist ganz normal - und das seit rund 2,7 Millionen Jahren.“ Die Landwirtschaft als Lebensmittellieferant ist hingegen mit einigen tausend Jahren eine noch relativ junge Sparte. Begeisterte Mitstreiter hat Strauß auch in Elisabeth und Leonhard Zintl gefunden. Als Inhaber der historischen Hollerhöfe ist die Familie Waldeck eng verbunden. Getreu des Namens des 3-Sterne-Superior-Hotels hat man vor einigen Jahren damit begonnen eigene Holunder-Sträucher zu pflanzen und diese zu regionalen Produkten wie Sekt und Sirup zu verarbeiten. Die Gäste des Hauses können in einigen der historischen Gebäude des Ortes übernachten. Einst lag der Markt Waldeck direkt unterhalb der Burg, doch bei einem Gewitter im Jahr 1794 wurden fast alle Häuser bis auf die Grundmauern zerstört. So entschied man sich damals zum Neuaufbau der Ortschaft auf der anderen Seite der Burg. Eine einzige, L-förmige Straße wurde zur neuen Heimat der Waldecker. Einige der alten Häuser standen in den letzten Jahren zum Verkauf und wurden stilvoll renoviert Teil der Hollerhöfe.

In der idyllischen Erholungslandschaft möchte man die Seele baumeln lassen. Dazu lädt der Marterlweg rund um Waldeck ein. Der gut beschilderte Weg durch die Natur, vorbei an Feldkreuzen, lädt dazu ein, sich mit den eigenen Gedanken zu beschäftigen. Infotafeln am Rand des Gedankenwegs geben Impulse und lenken die Gedanken auf Themen, die im Alltag oft zu kurz kommen. Wer mag kann in 1,5 Stunden nicht nur die schöne Natur erleben, sondern auch ins Reine kommen mit Themen aus dem Privat- oder Berufsleben. Wer mit dem Auto nach Waldeck kommt, kann zudem einen Ausflug nach Kemnath machen. Die malerische Hauptstraße mit großer Kirche und sehenswerter Tordurchfahrt sind schön zu sehen – und eine Abwechslung zur ruhigen Natur.

Der erste essbare Wildpflanzenpark in der Oberpfalz soll Auftakt zur Eröffnung von bundesweit bis zu 4.000 vergleichbarer Parks sein, denn an vielen Orten gibt es Pflanzen, die eine gesunde und schmackhafte Bereicherung des Speiseplans sein können. Ätherische Öle, Bitterstoffe und Antioxidantien machen die Pflanzen der Umgebung zu wichtigen Zutaten für ein gesundes Leben. „Wildpflanzen werden uns von der Natur geschenkt“, so Kräuterführerin Ulrike Gschwendtner. Sie freut sich schon auf den Herbst, in dem es rund um Waldeck unter anderem Schafgarbe, Königskerze, Gänseblümchen und verschiedene Herbstfrüchte gibt, die man als schmackhafte Speise, Superfood oder sogar Heilmittel kennen sollte.

(SMC)