20. Okt. 2020

Reisen

Noch bis zum 8. November zeigt das Haus der Bayerischen Geschichte die Bayerische Landesausstellung 2020. Die Ausstellung präsentiert das Adelsgeschlecht der Wittelsbacher, das von 1180 bis 1918 in Bayern herrschte, als Städtegründer und einflussreiche Herrscher. Bewusst hat man sich mit dem Wittelsbacher Schloss Friedberg und dem FeuerHaus Aichach für historische Schauplätze entschieden und schafft so einen zusätzlichen Anreiz für Gäste in die Region rund um Augsburg zu kommen. Die seit 2019 für die „Historische Augsburger Wasserwirtschaft“ auf der Liste des Unesco-Welterbes geführte Stadt ist ein idealer Ausgangspunkt nicht nur für den Besuch der Landesausstellung, sondern auch für viele andere kulturelle Impulse.

Ein guter Einstieg in die Geschichte und Gegenwart der Stadt ist eine Segway-Tour. Ausgestattet mit Helmen und nach einer Sicherheitsunterweisung beginnt die Tour im Stadtzentrum. Wir sehen historische Gebäude und erfahren, wie das Wasser die Entwicklung von Augsburg zu einer erfolgreichen Handwerker- und ab Mitte des 19. Jahrhunderts zur Industriestadt möglich gemacht hat. Die Tour auf dem elektrisch angetriebenen Segway, die man seit einiger Zeit auch ohne Führerschein machen kann, ist abwechslungsreich und unterhaltsam. So erfahren wir, dass die Augsburger einst an heißen Tagen vor den Fenstern des Nonnenklosters nackt schwimmen gingen. Erst nach Protesten der Kirche wurde es tagsüber untersagt – nicht jedoch in der Dunkelheit. Bei der Tour sehen wir zahlreiche große und kleine Kanäle, die bis heute die Altstadt durchziehen und dem Leben in Augsburg ein besonderes Flair geben. Aus dem Stadtzentrum geht die Tour weiter bis in den Stadtwald. Dort fließt der Lech, dessen Wasser auch für die olympischen Spiele genutzt wurde. 1972 baute Augsburg einen Lechkanal zur Sportarena um und schuf so die erste künstliche Kanuslalomstrecke der Welt. Bis heute sieht man Sportler, die mit ihren Booten auf den verschiedenen Strecken unterwegs sind und nach sportlichen Höchstleistungen streben. Nicht weit entfernt wird es wieder ruhiger am Ufer. Dort stehen ein altes Wasserwerk und der Hochablass. Dieses Stauwehr leitet einen Teil des Wassers des Flusses in die Kanäle, die die Stadt durchziehen. Nach der Fahrt durch den beschaulichen Stadtwald, aus dem Augsburg sein Trinkwasser gewinnt, geht es zurück in die Stadt. Dort warten weitere Sehenswürdigkeiten wie das Obere Brunnenmeisterhaus am Roten Tor, an dessen Eingang ein wasserspeiender, bronzener Delphin zu sehen ist, der einst als Druckmesser für den Brunnenmeister diente.
 

Wer nach der Segway-Tour noch tiefer in die Geschichte der Stadt eintauchen möchte, kommt mit öffentlichen Verkehrsmitteln am besten voran. Diese fahren zum Beispiel zum Leopold-Mozart-Haus. Gerade für Musikliebhaber ist das Leben des Vaters zweier musikalischer Wunderkinder spannend. Im Museum sieht man nicht nur die Erstausgabe seiner „gründlichen Violinenschule“ und einen Nachbau der Familienkutsche, sondern kann auch hören, fühlen und mitmachen. Ein barockes Zimmertheater zeigt wie es sich anfühlt, auf einer Bühne zu stehen. Im Raum voller Musik kann man mit allen Sinnen eigene Musikerfahrungen machen.  Und auch einen Blick in den kleinen Garten hinter dem Haus sollte man werfen. Musik und Kultur ist in Augsburg nicht nur Teil der Geschichte, sondern auch der Gegenwart. So bietet der Botanische Garten nicht nur einen gelungen angelegten japanischen Garten, einen abwechslungsreichen und gut beschilderten Bauern- und Apothekergarten oder eine Staudenlandschaft, sondern auch eine Bühne, auf der immer wieder – und trotz Corona – Veranstaltungen und Konzerte angeboten werden. Das weitläufige Gelände eignet sich hervorragend für stimmungsvolle Musik nach einem Spaziergang durch die gepflegte und sehenswerte Anlage. Wer mag kann die Musik auch als Hintergrund für einen abendlichen Spaziergang durch den Botanischen Garten nutzen. Wer sich an heißen Tagen erfrischen möchte, kann in den Sommermonaten im Fribbe-Freibad selbst ins kühle Nass eintauschen. Kern des öffentlichen Bades, das auch durch das angenehme Publikum und das engagierte Personal überzeugt, ist eine 300 Meter lange Schwimmstrecke im Lechkanal.  Das Wasser des Kaufbachs fließt ungeheizt und ungechlort durch den Kanal, sodass man auf der Strecke von kleinen Fischen begleitet wird und sich keine Gedanken über Chemie im Wasser machen muss. Ein eigenes Becken für Kinder, ein Spielplatz und großzügige Liegewiesen zum Teil mit Schatten spendenden Bäumen machen das Bad zu einem Anziehungspunkt für Augsburger und Gäste.

„Stadt befreit. Wittelsbacher Gründerstädte“ lautet das Motto der Landesausstellung. Mit der Bahn gelangt man zügig nach Friedberg, wo Wittelsbacherherzog Ludwig II. in Sichtweite der Schwäbischen Reichsstadt Augsburg sein Schloss hatte. In den historischen Räumen wird anhand interessanter Exponate erklärt wie das Herrschergeschlecht der Wittelsbacher Stadtgründungen als Machtinstrument nutzte und so seinen Einfluss ausbaute. Damals galt die Gründung und Förderung von Städten und Märkten als Zeichen von wirtschaftlicher, politischer und militärischer Macht. Zu den Gründungen aus der Zeit vor tausend Jahren zählen nicht nur Friedberg, sondern zum Beispiel auch Landshut und Straubing. Um die Gründungsgeschichte der altbayerischen Städte lebendig zu machen, werden die Exponate von Infotafeln aber auch von audiovisuellen Medien begleitet. Eigene Objekttexte für Kinder helfen, auch diesen die Ausstellung schmackhaft zu machen. Und auch der Löwe hat als bayerisches Wappentier einen Platz in der Ausstellung.

Neben der Landesausstellung wird im Schloss über der Lechebene auch eine Dauerausstellung zur Geschichte der Stadt Friedberg gezeigt. Wer heute durch die beschauliche Planstadt Friedberg flaniert, würde kaum vermuten, dass diese einst ein Zentrum des Uhrmacher-Handwerks war und die prachtvollen Friedberger Uhren in alle Welt exportiert wurden. Die Dauerausstellung in den historischen Räumen des Schlosses zeigt neben den Uhren auch sakrale Kunst und andere kostbare Exponate. Wer mag fährt nach dem Besuch in Friedberg weiter nach Aichach und schaut sich dort den zweiten Teil der Ausstellung an. Alternativ geht es zurück nach Augsburg, um dort die Spuren der Augsburger Wasserwirtschaft zu entdecken und sich von Brunnen, Türmen und liebevoll gestalteten, historischen Wasserwerken faszinieren zu lassen oder in einer Wirtschaft am Rande eines der Kanäle einzukehren.

(SMC)